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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-05-09 · Heft 17 (9.5.1890) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 17 (9.5.1890)
Date
1890-05-09
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland. <. Berlin, 29. April. Am 26. April fand im Saale des Brüdervereins die Generalversammlung der Lehranstalt für die Wissenschaft des Jude nt hu ms statt. Tie anwesenden Wohlthäter der Anstalt verzichteten auf Verlesung des Jahresberichts. Auf Anfrage des Herrn Sanitätsrath Dr. Blumenthal über die Vorbildung der Hörer theilte der Vorsitzende, Herr Prof. Lazarus, mit, daß seit etwa 6—7 Jahren die Beibringung eines Abiturienten-Zeuguisses verlangt werde. Die Zahl der Hörer, welche ein solches Zeugniß auf einem deutschell Gymnasium erworben, sei im Steigen. Die Hörer seien deshalb für wissenschaftliche Thütigkeit besser vorgebildet. Wenn andererseits die Kenntnisse im Hebräischen zu wünschen ließen, so sei dies, auf die Dauer kein Nachtheil, denn der Hörer eigne sich in den 10 Semestern des Studiums leicht das erforderliche Wissen an und habe die pilpulistische Behandlung nicht erst zu verlernen. Der zweite Vorsitzende, Herr Sanitütsrath Dr. Neu mann, ist ebeufalls über das Zunehmen der allgemeinen Bildung befriedigt, beklagt aber den Mangel hebräischer Kenlltllisse. Der Lehrplan der Anstalt ergebe, daß bestimmte Kenntnisse im Hebräischen erforderlich seien, bedauerlicherweise fehle es an geeigneten Borbildungsanstallen. Auf eine Anfrage des Herrn Geheimrath Tr. Kir stein erwiederte Herr Dr. Neumann: Nur nach den Parlameutsberichlen einzelner Zeitungen, nicht aber nach dem stenographischen Bericht, habe der Herr Abgeordnete Stöcker behauptet, daß die Lehranstalt mit Staatsmitteln errichtet sei. Es habe daher bei dieser Gelegeilheit für das Kuratorium keine Veranlassung Vorgelegen, an die Oeffentlichkeit zu treten. Im klebrigen hielt Herr Dr. Neumann es mit dein Interpellanten für wünschenswerth, daß die Lehranstalt mehr als bisher die Oeffentlichkeit suche, wahrend Herr Professor Lazarus hiervon eine Belebung des Interesses für die Anstalt nicht erwartet. Auf eine Allfrage des Herrn Dr. Blumenthal theilten die Herren Bert hold Simon und Dr. Nenmallll mit, daß der Stipeudienfollds kllapp und unzureichend fei, obgleich nur etwa die Hälfte der Hörer um Stipendien nachsuche. Die Freitische aus der David Herzog'schen Stiftung würden den Fonds in steigendem Maaße entlasten. Die Stipendiaten übernehmen die Verpflichtung, die Stipendien im Vermögensfalle zurückzuzahlen. Wenn nur ein kleiner Theil bisher zur Rückzahlung gelaugt sei, so müsse -man die geringe Besoldung der Rabbiner, namentlich in kleineren Städten, ill Betracht ziehen, sowie die Verpflichtungen der Stipendiateil gegen ihre Familien. Die Stipendiaten seien ihrer Verpflichtung Alles in Allem nachgekommen. Auf eine Anfrage des Herrn Rechtsanwalt Dr. Herrmauu Simon, weshalb bei einer Zahl von W Hörern nur zwei Abgangsprüfungen stattgefnnden hätten, erwiederte Herr Professor Lazarus, daß die Zahl der Hörer früher nur etwa 20 betragen habe; da der Studiengang mindestens 5 Jahre umfasse, sei die Frequenz der frühereil Semester bestimmend. Allerdings verlasse auch eine Anzahl , Hörer die Anstalt ohne Prüfung, da sie ohne eine solche Amt und Stellung erhielten. Die Anstalt sei hiergegen machtlos. Es erfolgten sodann die Wahlen zum Kuratorium. Die ausscheidenden Herren Sanitätsr^ Dr. Neumann, Georg Meyer, Rechtsanwalt Dr. Heinrich Miller Eohn wurden wiedergewählt, für den verstorbenen Rabb. Tr. Phi lippso n Herr Kommerzienrath Ludwig Max Goldberger neu gewäh'^ Die Versammlung war recht gut besucht, die zahlreichen mld sachgen Anfragen aus der Versammlung bewiesen reges Interesse der Woh?Eäter ulld gewährten gewiß auch dem Kuratorium manche Anregung. * Berlin, D Wai. Anläßlich der Arbeiterbewegllng in Oesterreich silld jüngst all L'rmchi.edenen Orten die intimeil Beziehungen aufgedeckt worden, welche ,Mischen Antisemiten und Anarchisten bestehen. Roch eklatanter ist aber dieselbe Erscheinung soeben in Frankreich zu Tage getreten. In Paris sind gestern mehrere Anarchistenführer, welche ill der Zeitllng „AUtaque" zu Raub und Mord am ersten Mai auffordertell, verhaftet worden; die Drllckerei des Blattes ward beschlagnahmt, die Anarchisten leisteten bei der Verhaftung Widerstand. Auch der Marquis Morurs, welcher bei den Kommunalwahlen eine Rolle als Agitator der Antisemiten-Bewegung spielte, ist verhaftet worden, da ermittelt ist, daß er einem geheimen Anarchisten-Komitee Geldmittel lieferte llnd an der Verkeilung eines Cirkulars betheiligt war, das vor den Kasernen in Paris, Versailles und St. Germaill vertheilt ward, und welches die Soldaten von ihrer Pflicht abwendig machen sollte Die Entdeckung eines engen Bündnisses zwischen Antisemiten und Anarchisten ist jedenfalls eines der interessantesten Zeichen unserer Zeit. Oesterreich - Ungarn. Prag, 24. April. Die czechischen Blätter veröffentlichen einen Aufruf an die Judell in Böhmen. Dieser Aufruf trägt die Unterschriften der jüdischen czechischen Reichsraths- und Landtags- Abgeordneten, ferner der jüdischen czechischen Mitglieder der Handelskammern und der Gemeindevertretungen in Böhmen. In diesem Aufrufe heißt es: „Der eben in Wirksamkeit getretene Gesetzentwurf zur Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der israelitischen Religions-Genoffeuschaü wird den Allsgangspunkt einer neuen Entwicklung der Judenschaft bilden, indem er berufen erscheint, nicht nur die äußeren Rechtsverhältnisse zu ordnen, sondern and) die ethische Grundlage des Judenthums zli kräftigen und zu beleben. Dieser Zweck kann in unseren Tagen nick! erreicht werden, wenn ihm nicht der mächtige nationale Gedanke fördernd zur Seite steht. Bei der Errichtung und Neu-Organisation der Gemeinden und bei der Entwerfung itnb Feststellung der Statuten derselben wird sich auch die Gelegenheit darbieten, der czechischen Sprache jene Geltung und Wirksamkeit zu verschaffen, welche ihr in unseren! Vaterlande zweifellos gebührt. Der Gottesdienst soll so eingerichtet werden, daß er auch unsere Glaubensgenossen czechischer Nationalität befriedigt. Auch die Schulangelegenheiten mögen bei diesem Anlässe einer gründlichen Reform ilnterzogen werden. Die jetzigen sogenannten deutsch-jüdischen Schulen, die in den czechischen Gegenden als Germani sations Institute angesehen werden, können ihren bisherigen Charakter nicht beibehatten. Die jüdischen Killder gehören zunächst in die czechische Volksschule, und dort, wo die örtlichen Verhältnisse konfessionelle Schulen als unentbehrlich erscheinen lassen, sollen dieselben in czechische Schulen umgewandelt werden." Weiter wird in dem Aufrufe darauf hinge wiesen, daß bei den Czechen der Antisemitismus noch nicht Wurzel gefaßt habe. Die Judeu in Böhmen mögen dem Beispiele der Juden in Ungarn folgend, sich jener Nation anschließen, welche es gut mit ihnen meint und ihre Interessen bisher bestens gefördert hat. Italien. Nom, 26. April. Seit zwei Jahren ist die alte ehrwürdige Synagoge des römischen Ghetto mit dem ganzen sie umgebenden Stadtviertel dem Erneuerungseifer unserer Kommunalverwaltung zum Opfer gefallen. Jetzt soll an ihrer Stätte ein neues Gotteshalls sich erheben; itnb augenblicklich wallfahrtet Alles ,was in unserer Bevölkerung künstlerisches Interesse hegt, sowie viele Fremde nach der Ausstellung der Elltwürfe für den neuell Tempel. Dieselbe weist mehr künstlerisches Können auf, als wir solches bei den modernen römischen Bauten zu finden gewohnt sind. Die Genieindeverwaltung hat den Architektell in der Wahl des Baustiles freie Hand gelassen, und dieser vernünftige Beschluß hat zur Folge gehabt, daß neben den banalen Entwürfen in dem pseudomaurischen Stile, der einmal für Synagogenbauten u» umgänglich zu sein scheint, sich bei manchem Verkehrten doch auch höchn anziehende Versuche vorfinden, die orientalische Bauweise mit dem herrlichen Renaissancestile, der in den benachbarten Prachtbauten Roms vorherrscht, in Ilebereinstimmung zu setzen. Die Palme gebührt, nach all' gemeinem Urtheite, dem Entwürfe des Herrn Muggia. Die Fassade zeig! zwei Thürme, und zwischen ihnen das Mittelgebäude etwas eingerüctt imb beträchtlich niedriger. Ein schlankes, pavillonartiges Gewölbe überragt das Mittelschiff und giebt ihm ein eigenartiges, charakteristisches Gepräge, welches das Bauwerk auf den ersten Blick von einer der hier so zahlreichen Kuppelkirchen unterscheidet. Das Innere macht eine» großartigen, ernsteil Eindruck, urtb auch hier ist die große Nische für das Allerheiligste mit ihrem Bogen ganz originell und eigenthümlich gehalten. So wird sich das prächtige Gotteshaus Israels in Rom erheben, auf den Trümmern aller unserer Feinde, des alten Kaiserthums und der Papstherrschaft. Vergebens drohen vom Forum her der Titus bogen und vom jenseitigen Tiberufer her der Vatikan, — Israel, dos sie 31t vernichten wähnten, ist voll Lebenskraft, während sie in den Stand gesunken sind! Eine Betrachtung, die wahrlich im Staude ist, uns über manches Ungemach der Gegenwart zu trösten und hinwegzusetzen! Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.

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