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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-05-09 · Heft 17 (9.5.1890) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 17 (9.5.1890)
Date
1890-05-09
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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54. Jahrgang. Nr. 17. Allgemeine Berlin, 9. Mai 1890. eitung des Dudenlbums. Ein unparteiisches Organ Kr alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von derExpedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Begründet von Nablnner 21*- Ludwig Philippjon in Kann. Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag von Rudolf Mosse, Berlin SW., Jerusalemer Straße Nr. 48/49 zu richten. 3tti)ttlt. Leitartikel: Das auserwählte Volt oder Juden und j Deutsche. Von Prof. Dr. Steinthal. — Tie Judendebatte in der Berliner Stadtverordneten-Bersammlung. — Wissenschaft und Litteratur: Gabirol als Philosoph. Von Dr. Ni. Güdemann. — Der Adel in Israel. Von Dr. A. Lew in Schluß). — Feuilleton: Das Rösele. Von Samuelv (Schluß). — Anstand und Höflichkeit b.i den Hebräern. Von Dr. Feßler. — West-östliche Poesien. Von Satnuel Kriftel ler. — Litterarische Mittheilnngen. Der Gemeindebote: Bericht über die Interpellation in der Berliner Stadtverordneten-Persannnlung am 1. Mai. — Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Prag, Rom. — Bon Nah und Fern. — Miseellen. Das auserwählte Volk oder Inden und Deutsche. Bon Prof. Dr. Steinthal. „Du sollst ein Segen sein." I. M. 12, 2. „Ich Gott habe Dich berufen in Gnade, ich faßte Dich bei der Hand, ich schuf und setzte Dich zum Bnndesvolt, zum VHdjt der Bölter." Jes. 42, 6. Sind wir das auserwählte Bott? Wir glauben es. Und wie viel naß, Spott, Tadel hat uns dieser Glaube zugezogen. Welche Anmaßung! hat man gerufen, National-Eitelkeit und Selbstverherrlichung; selbst der Tempelherr in Lessings Nathan möchte uns verachten wegen dieser „Menschen-Niäkelei", die wir auf Christ und Muselmann vererbt hätten! Und doch giebt es auf Erden kein Bott und kein Bölklein und kein Natiönchen, das sich nicht für das auserwählte Volk seiner Gottheit hielte. Jedes Blatt der englischen Times ist ein lautes Dankgebet, „daß Tn uns nicht geschaffen wie Jene." Und wie der Magyar? und der Tscheche? Doch ich will nicht anzüglich werden und gedenke nur noch der beiden klassischen Völker, denen wegen ihrer Classieität alles verziehen wird: der edlen Hellenen, Venen alle übrigen Völker dienen sollten, und der noch edleren Römer, welche selbst Hellas zu zertreten sich für berechtigt hielten. Ja, macht nur die Reise um die Erde: von welchem Bolk ihr empfangen oder auch abgewiesen werdet, das werdet ihr als „auserwählt" begrüßen sollen, in Australien, wie in Süd-Afrika. Herrliche Sonne, du schaust auf lauter auserwählte Böller! Wir aber sind von unserem Meister Mose belehrt (5. M. 7, 7. 9, 5.), nicht wegen deiner Tugend und der Geradheit deines Herzens und nicht etwa, weil Du hervorragtest unter den Böllern, bist Du auserwählt, sondern weil Gott unsere Väter liebte, die zuerst auf Erden den Heilig-Einzigen erkannt hatten und die diesen Gott aller Welt mittheilen sollten. So ist es uns angeboren, mit dem Blute vererbte Pflicht, im Weifte der Propheten zu denken, nach ihrem Herzen zu fühlen, nach ihren Worten zu handeln. Das ist die Pflicht, welche uns durch die „Erstgeburt" unter den Völkern auferlegt wird. Wenn wir uns das anserwählte Volk Gottes nennen, so soll damit nur gesagt sein, daß unsere Väter es waren, denen zuerst die Erkenntnis; Gottes gepredigt und die Liebe zu ihm als die allgemein menschliche Aufgabe ans Herz gelegt ward; und daß mir in dieser Thatsache der Geschichte unseres Volkes noch einen ganz besonderen Antrieb finden müssen, uns in unserem ganzen Leben aus allen Wegen von der Liebe zum allgütigen Gotte leiten zu lassen. Das auserwühlte Volt nennen wir uns, nicht um die Höhe zu bezeichnen, auf welcher wir ständen oder jemals gestanden hätten, nicht um uns als die Vorzüglicheren unter unseren Mitmenschen hinzustellen, sondern um uns jeder Zeit die Kluft vorzuhalten, die unsere Wirklichkeit von der idealen ''Aufgabe der Sittlichkeit trennt, die Kluft zwischen unseren Mängeln und dem von den Propheten gezeichneten Vorbilde. Das Häßliche jeder Gemeinheit und Roheit soll uns noch abstoßender erscheinen, wenn wir sagen müssen, daß es sich am „Priester-Volke" findet; irnd die Tugend, die wir uns zuzusprechen berechtigt wären, soll als unzulänglich erscheinen, um als die des „heiligen Volkes" gelten zu können. Wir sind jetzt kein jüdisches Volt mehr: das will viel sagen; das will sagen, daß wir in allen Kreisen sittlicher Bethätigung von dem Geiste des Volkes, unter dem wir wohnen, bestimmt werden. Durch alle Lebensbeziehungen aber, von den allgemeinsten Bürgerpflichten durch die vielseitigen geselligen Verbindungen hindurch bis in die innerlichsten Privat-Verhältnisse, wie sehr auch von irgend einem Volks- und dem jeweiligen Zeitgeiste bestimmt und befruchtet, dringt an uns der speziell jüdische Mahnruf: Bedenke, welcher Ahnen Sohn du bist! Lerne von allen Völkern, aber nicht ihre Fehler und etwa ihre Laster, sondern nur ihre Tugenden! Wenn der Prophet, der beim Untergange des jüdischen Volksthums am schmerzlichsten gelitten hat, die Verbannten ermahnte (Irrem. 29, 7), sie sollten das Wohl desjenigen Staates zu fördern suchen, in welchen Gott sie geführt habe, weil, sagte er, „das Wohl dieses Staates euer Wohl ist"; so ist unter „Wohl" nicht blos das äußerliche Glück, Ruhe und Sicherheit des Lebens zu verstehen; sondern wir hören aus diesen Worten die Aufforderung, mit all' unserer Kraft das Gedeihen aller sittlichen, aller geistigen Güter der Völker zu fördern, unter denen wir leben, und an ihrer nationalen Aufgabe mitzuarbeiten. Mitarbeit an der Festigung, Erweiterung und Erhöhung ihres nationalen Geistes ist unsere Pflicht, und indem wir diese üben, erfüllen wir unsere Bestimmung.

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