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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-04-18 · Heft 14 (18.4.1890) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 14 (18.4.1890)
Date
1890-04-18
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 österreichischen Industrie, der dnrch seine öffentliche Thätigkeit wie bitte!) seine Eharaktereigenschaften sich die wärmsteil Sympathien errungen hat. Tie nachfolgenden Taten geben ein Bild der hervorragenden Wirksamkeit, welche der Verstorbene entfaltete. Wilhelm v. Boschan, der in Wien geboren ist, genoß eine sorgfältige Erziehung und trat 1827 in das Großhandlungshaus feines Vaters ein, dessen Kompagnon er im Jahre 1842 wurde. Dnrch angestrengten Fleiß und solides Gebühren gelang es den Associös, zu welchen auch der Bruder des Verblichenen gehörte, das Manufaktnrgeschäft zu einem der umfangreichsten der Monarchie zu gestalten und der österreichischen Industrie dnrch Erweiterung des Absatzes österreichischer Erzeugnisse über die Grenzen des Reiches erhebliche Tienste zu leisten. Nachdem im Jahre 18ö9 sein Haus das Mannfaktnrgeschäft aufgegeben und in Niederösterreich mehrere bedeutende Fnbriketablissement gegründet hatte, die es heute noch schwunghaft betreibt, widmete Wilhelm v. Boschan seine Thätigkeit ausschließlich der heimischen Industrie und den öffentlichen Interessen. In Folge seines Wirkens erhielt er viele Beweise der Hochachtung von Seiten seiner Mitbürger und Berufsgenossen. So wurde er im Jahre 1848 zum Vorsteher der Oesterreichischen Sparkasse berufen, fungirte dort viele Jahre als Direktor :mb bis in allerletzter Zeit als Wechselcensor. In gleicher Eigenschaft wurde er 18-V2 in die Nationalbank gewühlt und bekleidete auch dieses Amt bis zum vorigen Jahre. Im Jahre 1849 wurde er zum Gemeinderath von Wien gewählt, welches Ehrenamt er durch elf Jahre innehatte. Als in Folge einer kaiserlichen Entschließung die Börsenkammer errichtet wurde, wählte ihn die uiederösterreichische Handels- und Gewerbekannner zum Börsenrath, welchen: Amte er dnrch wiederholte Wiederwahl erhalten blieb. Im Jahre 1848 hatte sich zur Unterstützung des Handels und der Industrie, welche dnrch die damaligen Ereignisse hart betroffen wurden, unter Führung der Nationalbank ein Aushilfstomitee gebildet, in welches auch Wilhelm v. Boschan berufen wurde. Nachdem die vollständige Auflösung dieses Komitees eingetreten war, wurde im Jahre 1854 die Niederösterreichische Escvmpte-Gesellschaft gegründet, welcher der Verblichene seit ihrem Bestehen erst als Theilnehmer, hierauf als Präsident des Komitees, sodann als Verwaltungsrath. Vizepräsident und endlich als Präsident des Verwaltungsrathes angehörte. Noch in allerletzter Zeit wurde Wilhelm v. Boschan von dem Wiener Großhandlungs-Gremium, dessen Vizepräsident er dnrch viele Jahre war, zum Präsidenten gewählt. — Am selben Tage starb ltocl) ein anderes hervorragendes Mitglied der hiesigen jüdischen Gemeinde, der Oberinspektor der Südbahn Eduard Mannheimer. Ter Verblichene gehörte dem Beamtenkörper der Südbahn seit deren Bestehen au, nachdem er schon früher bei anderen Gesellschaften im Bahndienste thätig gewesen war. In Folge der besonderen Verdienste, die er sich in seiner Stellung bei der Südbahn erwarb, wurde er bei derselben zum Oberinspektor befördert und zu dem Vorstand des finanzielleil Dienstes ernannt. Er trat vor dritthalb Jahren in den Ruhestand, als er von der ernsten Krankheit befallen wurde, die nunmehr seilien Tod herbeigeführt hat. Mannheimer, ein Sohn des berühmten einstigen Predigers der hiesigen israelitischen Gemeinde, war in der Wiener Gesellschaft eine beliebte unb überaus geschätzte Persönlichkeit; er verrieth reges Interesse und großes Verständniß für alle litterarischen und künstlerischen Angelegenheiten und fungirte dnrch viele Jahre bis zil seiner Erkrankung als Vorstandsmitglied und Kassenverwalter des Wiener Zweigvereins der Schiller-Stiftung. Auch in mehreren Humanitären Vereilieil wirkte er an hervorragender Stelle. Das Leichenbegüngniß 'Mannheimers, welcher bl) Jahre alt geworden, fanb heute unter lebhafter Theilnahme aller Kreise statt, 31t welchen er in Beziehung gestanden. co Wien, 8. April. Entsetzliche Ercesse es antisemitischen Pöbels haben gestern unb heute in unserer Stadt sich ereignet. In den an die Schmelz stoßenden Theilen von Neulerchenfeld und Ottakring fanden diese Excesse statt, die mit der gegenwärtigen Streik-Bewegung im Zusammenhang stehen, bei denen aber nur zum Theil Arbeiter mitwirkten, und die, nne voriges Jahr, hauptsächlich das Werk von Pöbelmassen, die aus den benachbarten Vororten zusammeuströmten, waren. Diese Ercesse nahmell heute einen sehr emften Charakter an, und es kam dabei zu argen Gewaltthätigkeiten, indem die Menge in mehrere Branntweinläden einbrach und in denselben Alles verwüstete und zerstörte. Diese bedenklichen Ausschreitungen kamen daher, daß nicht rechtzeitig Alles aufgeboten wurde, um den Ansammlungen der Menge, welche auf der Schmelz und in den benachbarten Straßen während des ganzen Tages stattfanden, rechtzeitig ein Ende zu machen. Als endlich Ernst gemacht und mit der Waffe gegen die Excedenten eingeschritten wurde, kamen auch einige Verwundungen vor. Größere Rotten, in deren Mitte sich halbwüchsige Bllrschen befanden, zogen dnrch die Straßen und drangen, voll der Dunkelheit begünstigt, in verschiedene Geschäftslokale, meist Branutweinläden, welche sie plünderten und demolirten. Schreiend durchzog gegell halb 8 Uhr eine solche Rotte die Thaliastraße. Als die Menge zur Branntweinschenke eines Herrn Bitrowsky gelangte, ertönte der Ruf: „Da ist einJud'!", worauf die Bande das Lokal überfiel und die Bralilltweinitub Schnapsfässer, sowie Flaschen theils zerbrach, theils deren Inhalt leerte. Nachdem die Burschen die Geldlade an sich gerissen, zvgeil sie johlend weiter und plünderten das gleichfalls in der Thaliastraße. befindliche Geschäft des Branntweinhändlers Eisenstätter, auf welches sie sich gleichfalls mit dem Rufe: „Da ist ein Jud'!" stürzten. Am ärgsten hausten die brutalen Gesellen in der Liebhartgasse. Dort überfielen sie den Laden des Branntweinhändlers Perlberg, bewarfen j den Besitzer und dessen Familie mit Steinen, tranken Schnaps, rissen > die Spunde aus den Fässern unb zündeten den herausströmenden Braunt-! wein an. Im Nu stand das ganze Lokal in Hellen Flammen, woraus die Rotte johlend weiterzog. Frau Perlberg wurde durch einen Stein-! Wurf au der rechten Schläfe verletzt. Die freiwillige Feuerwehr von j Neulerchenfeld, welche nur mit Schwierigkeiten auf den Brandplatz! gelangte, hatte ziemlich lange mit der Abdämpfung des Feuers zu thun. | Uebereinstimmeuden Berichten von Ohrenzeuge!: zufolge wurden in der ercedirenden Menge sehr drohende Rufe gegen die Juden laut, wie: „Nieder mit den Juden! Haut' die Juden nieder!" Antisemitische Agitatoren wurden nicht müde, diese Stimmung fortwährend zu verstärken: und anzufeuern. Als Detail von einer Plünderungsseene wird! berichtet, daß, als in dem Laden eines jüdischen Geschäftseigenthümero j der Mann und die Frau vom Pöbel schwer verwundet worden waren,! christliche Hauslente aus Erbarmen zwei kleine Kinder des jüdischen! Ehepaares aus den Betten nahmen und dieselben in Sicherheit brachten,! um sie vor der Wuth der entmenschten Menge zu schützen, j Frankreich. Nancy, 10. April. Der Kampf um den hiesigen Rabbinatssitz ist nun auch beendet. Der Oberrabbiner von Algier, Bloch, j hat unter sieben Kandidaten die Palme davongetragen. Zwar fehlt noch - die Bestätigung des Eentralkonsistorinms und der Regierung, doch lieg: : kein Grund zu der Annahme vor, daß diese verweigert werden könntej Die Zahl der Kandidaten war ursprünglich auf acht angegeben, von:! denen jedoch einer vor der Wahl seine Bewerbung zurückgezogen hat! Es war dies der Rabbiner Uri von Toulouse, der seinen Schritt im j „Univt»rs isr.“ mit folgenden Worten begründete: „Allerdings habe ich j um das Nancyer Rabbinat kandidirt, aber ich habe die Kandidatur an j dem Tage zurückgezogen, wo ich Kenntniß von der Art des Wettbewerbe! erhielt. In meinem Alter und nach einer neunnnddreißigjährigen Amts s zeit habe ich nicht mehr geglaubt, an einem derartigen Wettbewerb theil- : nehmen zu können." Thatsächlich berührt Uri hier einen wunden Punkt. : wie unsere französischen Blätter durchweg zu gestehen. Die Wettpredigteu. : welche nicht, wie in Deutschland, an verschiedenen Sabbathen, sondern i unmittelbar hinter einander stattfinden, haben etwas Unpassendes an! sich. In unserem Falle, wo ein Sabbath für die große Zahl der Amtobewerber nicht ausreichte, mußten zwei Gottesdiensttage für die Predigten j verwandt werden, nämlich der 9. und 16. März, und die 16 Mitglieder; des Wahleomitös hatten hintereinander folgende Predigten zu Hörern! Rabbiner Kahn, Israels Beruf. — Rabbiner Levy, Vaterland und j Religion. — Rabbiner Korb, Kiddusch Haschen: und Chillul Haschen:, j Rabbiner Herrmann, Die Philosophie der jüdischen Religion. — Rabbiner! Aron, Die Bibel. — Rabbiner Schulst, Die Mission Israels. — Rabbiner! Bloch, dasselbe Thema. Daß bei dieser Fülle von Reden, welche durcb-! weg vortrefflich waren, das Wahlcomitö in Verlegenheit gerathen mußte, j wollen wir mit dem „U11. isr.“ gern glauben. Boshafter schon ist eo, wenn das genannte Blatt schreibt: „Wir sind nicht in die Geheimnisse der Götter eingeweiht; doch wir glauben — ganz unbeschadet der Verdienste des Herrn B l och — daß der Titel Großrabbiner, welchen Block als der einzige der Kandidaten besaß, von einem gewissen Gewicht ain die Entscheidung der Richter gewesen sei." Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin. 1

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