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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-04-11 · Heft 13 (11.4.1890) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 13 (11.4.1890)
Date
1890-04-11
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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Paris, 4. April. Bei der feierlichen Einführung des Großrabbiners Zadok Kahn, welche am 25. Mürz unter zahlreicher Betheilianng van Behörden und Privaten stattfand, hielt Baron A! pH a n s v. R a t h sch il d. der Präsident das EentralEonsistorinms van Frankreich, die folgende Ansprache: ..Das einstimmige Batnm der RansistariatbeXegirten hat eie zu der höchsten Würde erhaben, die einem Rabbiner übertragen werden kann, zu der des religiösen Oberhauptes aller französischen Gemeinden. Diese wohlverdiente Huldigung haben nur der Frömmigkeit, dein Geiste der Liebe, van dem Sie sa deutliche Beioeise gegeben, dem hohen moralischen Einfluß, den Sie durch Ihr beredtes Wort ansgeübt haben, dein Eifer, den Die in der Erfüllung der Pflichten mir* Großrabbiners von Paris gezeigt haben, erwiesen. Die Negierung hat diesem Votum ihre endgültige Genehmigung gegeben. Wir beglückwünschen Sie hierzu herzlich. Als Israeliten empfinden wir gerechten Stolz und Beruhigung, wenn wir unsere thenersten Interessen einem Rabbiner anvertrant wissen, der außerhalb wie innerhalb des Tempels sich die Sympathien und die Achtung Aller erworben hat: der durch seinen Charakter Achtung gebietet und unsere religiösen Rechte pi vertheidigen wissen wird. Als Franzosen keunenstvir Ihren bewährten Patriotismus. Durch Ihr Beispiel, durch Ihre lebendige Wiedergabe des mächtigen Hauches einer aufgeklärten Religion werden Sie die israelitische Jugend unterrichten und sie mit noch größerer Autorität auf die Wege der Pflicht, der Ehre und der Vaterlandsliebe leiten. Mit vollem Vertrauen auf die Zukunft des französischen IudenthumS, das nun in Ihre Obhut gestellt ist, entbietet Ihnen das Eenträlkousistorium, welches die Ehre hat, Sie zu seinen Mitgliedern zu zählen, seine Glückwünsche im Namen der französischen Gemeinden." Rußland. §§ Warschau, 1. April. Ich berichte Ihnen heute über einen Aussatz, welchen das letzte QuartSalheft der ..Revue lristorique“ „über die Ge schichte de r Juden i n P ölen" brachte, um ihn durch neue Hunde zu ergänzen. Dort heißt es: „daß die Juden unter Easimir dem Großen, infolge Verwendung seiner Geliebten Esther, einer Jüdin, nach Polen eiuwanderten." Es ist dies grundfalsch. Und es verlohnt sich wohl, darüber eine nähere Untersuchung anzustellen, umsomehr, als einer der hervorragendsten Maler der Gegenwart, Jan Males ko, soeben ein bedeutungsvolles Bild: „Die Aufnahme der Juden in Polen im Jahre 109G unter Ladislaus Hermann" vollendet hat, während obiges Datum um etwa 000 Jahre später fällt. (Easimir der Große III. herrschte 1003—1070). Das Jahr 1096 wird von den bedeutendsten Historikern zwar als das einzige richtige hingestellt, allein im Widerspruche mit denselben führte der berühmte polnische Historiker Lelewel in ferner „Geschichte Polens" lBand II. § 417) au, daß die deutschen Juden im Jahre S93 eine Deputation, aus 0 angesehenen jüdischen Gelehrten bestehend (deren Namen angeführt werden), zum Polenkönig Leszek um Aufnahme der Juden sandten. Der König habe an diese verschiedene Fragen gerichtet, und da er höchst befriedigende Antworten erhielt, berieth er mit den katholischen Kirchenvertretern, denen er erklärte, daß er die Juden liebgewouuen und sie durchaus in feinem Reiche sehen wolle. Er erlaubte ihnen deshalb, in seinem ganzen Lande sich uiederznlassen, Grund und Boden zu bearbeiten, Eigenthnm zu erwerben und mit Handwerk sich zu beschäftigen. Obwohl nun Lelewel, ein tiefgehender Forscher, die Flamen der Deputation, die Einzelnheiten der Fragen und Antworten angiebt, wurden seine Behauptungen von andern Historikern nicht anerkannt. Sam wurde aber in jüngster Zeit in Wodzislaw, Gouvernement Plock in Russisch-Polen, an einer uralten Synagoge, die einige tausend Menschen fassen kann, eine alte Scheibe entdeckt, die eine sehr wichtige Inschrift in hebräischer Sprache trägt. Dieselbe lautet in lateinischen Lettern: Liprnt Bet j s ü X l b h r <: ii v Es fr. Lopak was bedeutet: „Zur Keuutuiß des Datum*: das Haus Israel segne den Herrn -- mach jetziger Rechnung (Lepak)." Wie bekannt, bezeichnen die hebräischen Buchstaben gleichzeitig Ziffern, und so oft die Juden eine Zahl in einem Satze anführen ivollen, sind die Buchstaben, welche als Zahlen gelten sollen, punktirt. In vorstehender puuktirter Inschrift bedeuten nun: J-IO, S 000, R 200, A 1, L — 00, B — 2, R 200, CH -20, V 0, 11=5, zusammen 774. Das ist die Ziffer des 5. Jahrtausends nach Erschaffung der Welt (nach jüdischer Zeitrechnung), da die Tausender gewöhnlich weggetaffen werden. Nach Hinzusügung der 4 Tausende ergiebt sich 4774 nach Erschaffung der Welt oder 1014 nach christlicher Zeitrechnung. Wenn nun im Jahre 1014 die Juden bereits eine so große Synagoge in Polen hatten, müssen sie schon lange vorher eingewandert sein, und die Behauptung Lelewels, daß sie im 9. oder 10. Jahrhundert nach Polen kamen, kann mau nun wohl mit Bestimmtheit annehmen. Odessa, 00.März. Ein Prozeß gegen dieRabbinaksgehilfen(Dajauim Josef Heilperin, B. Filstein und L. Frenkel, welche mit der Amtsentsetzung der Angeklagten endete, machte unter der hiesigcn Iudenfchaft großes Aufsehen. Nach dem Berichte hiesiger Zeitungen hatte, die Jüdin Sara Gen er ihren Manu verloren, und es wurde im von den Angeklagten die Wiederverheirathung verboten, bis sie von ihrem Schwager, dem Bruder des Verstorbenen, der nach mosaischem Gesetz die kinderlose Wittwe zu ehelichen hatte, einen Freibrief (Chalizu, aufweise, falls der Schwager sie nicht selbst ehelichen wolle. Nun hatü sich aber dieser Schwager, ein gewisser Dubtschak, taufen lassen und gc hörte der orthodoxen Kirche an, außerdem wurde ihm von der orthodoren Geistlichkeit verboten, sich der Eeremvnie der Ausstellung eines Freibriem zu unterziehen. Die Iran wandte sich an den Rabbiner Abelsohu um Rath, welcher fand, daß sie der Ehaliza nicht bedürfe. Abelsohn befragu noch rabbinische Autoritäten, wie den Kownoer Rabbiner Spektor u. A.. welche sich in gleichem Sinne aussprncheu. Darauf hin stellte der verstorbene Odessaer Stadtrabbiuer Dr. Schwabacher der Sura Gener Om formelles Dokument aus, nach welchem sie das Recht hatte, sich umt) Wunsch zu verehelichen. Dieser Fall rief seiner Zeit Sensation hervor : es erschien sogar eine besondere Broschüre, in der dieser Fall näher b. handelt wurde, und in einem Zeitungsartikel wurde Abelsohn beschuldig! dem Rabbiner Spektor und Anderen die Fakta entstellt vorgetragen zu haben. Darnach richteten die obengenannten Rabbinergehilfen Heilperiü Filstein und Frenkel einen Brief an Spektor, iit welchem sie alle Fakta in dieser Sache dekaillirt auführten. Spektor antwortete, daß er nun. nach Erwägung aller Umstände, zu der Neberzeugung gelangt sei, dag in dem gegebenen Falle der Akt der Ehaliza unbedingt nöthig sei. Nag; Einlaufen dieser Antwort beauftragten die Rabbinergehilfen zwei Juden Schermann imb Simonowski, dieses der Gener bekannt zu machen, ließen das Heirathsverbot vor der versammelten Gemeinde verlesen und sic für den Fall der Wiederverheirathung mit dem Bann belegen. Hierin muß wohl die Odessaer Stadtverwaltung einen Eingriff in die Rechte des Stadtrabbiuers erblickt haben und da die beiden Uebermittler de* Verbotes, wie Sara Gener und ihre Mutter aussagten, sich zehn Rubel für vorläufige Auslagen hatten zahlen lassen, wurden die Rabbiner gehilfen unerhörter Weise wegeil „ungesetzlicher Handlungen und Ec Pressung" vor Gericht gezogen und verurtheilt. Türkei. Bagdad, im März. Herr Somekh, der von der Alliance israöiil«- Cniv. den Auftrag erhalten hatte, den Gemeinden Persiens, in welchen die Cholera gewüthet, Unterstützungen znkommen zu lassen, schreibt an! das Eentral-Comite: „Die Briefe, die ich ausIspahan erhielt, loben einstimmig die Humanität des Kronprinzen von Persien; ihm ist es zu danken daß die Israeliten einer Metzelei entgingen, die sonst unvermeidlich schien: aber sein Schutz kann sie nicht jeden Augenblick vor der Barbarei der Bee solgung bewahren. Der Fanatismris ist in Persien sehr groß, und ein mal erregt, vermag ihn keine menschliche Kraft zu hemmen, kein Bei brechen abzuschrecken. In den Unruhen, die neulich in Ispahan ausge brochen sind, und über die Sie Verschiedenes mitthellten, wurde ein Jude ans öffentlichem Markt mit einer seltenen Grausamkeit umgebracht, sei;: Leib alsdann mit Petroleum getränkt und von der Menge in Brand gesteckt. Mehrere andere Juden wurden schwer verletzt, lind ctuifu darunter erlagen ihren Wunden. Frauen wurden entehrt, eine grosi Anzahl Häuser geplündert und zerstört. Die Verfolgungen dauern noc! fort, doch tragen sie nicht mehr denselben heftigen Charakter; dennow ivagen es die Juden noch nicht, sich auf den Straßen zil zeigen oder sich in den Synagogen zum Gebet zu versammeln. Die Mohammedaner weigern sich, ihnen Brot zu verkaufen oder thun dies zu unglaublichen Preisen, und da das Bäckerhandwerk den Juden untersagt ist, sind u gezwungen, sich zu fügen oder Hungers 31t sterben. Diese Zuständ. . dauern nun bereits fünf Monate. Wie sehr mögen darunter unsere armen Glaubensgenossen zu Ispahan inmitten einer wilden und fanatischen Bevölkerung leiden! <5>£gft> Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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