Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 12 (4.4.1890)
- Date
- 1890-04-04
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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r>4. Jahrgang. Nr. J2. Allgemeine Berlin, 4. April 1890. eitung des Audentbums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin nnter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Begründet von Rabbiner D?- Ludwig Philippson in Sonn. Expedition: iöertin, Jerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag von Rudolf Mosse, Berlin SW., Jerusalemer Straße Rr. 48/49 zu richten. Inhalt. Leitartikel: Zum Frühlingsfeste. Bon Dr. M. Lev in. — Ile Schuldebatte. — Wissenschaft und Litteratnr: Der Eid an Sabbath und Iliertag. Von Rabbiner Dr. T. Cohn. — Die Reliquien aus dem Tempel von Jerusalem in Sage mid Geschichte. Von Tr. Markus Landau. — Feuilleton: (Mn Kuß. Von Hermann H eiberg. - Eine alte Geschichte. Von Samuel Pristeller. — Litterarische Mittheilungen. — Der Gemeindebote; Unsere Ireunde. — Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Aus Schlesien, Aus Baden, Wien. — Von Nah und Fern. Zum Lrüblingsseste.! Von Dr. M. Levin. Das Peffachfest lenkt unsere Blicke ans die weitesten Kreise, aber; ■ fiihrt uns mich wieder zu den kleinsten zurück; cs weist uns mit die Natur und die Geschichte; es ist ein Frühlingsfest und es ist tiii jFreiheitsfest, doch führt es uns auch in das Haus, um im >>leinen das Große zn finden, in der Fainilie die ganze Menschheit. Im frommen Familienkreise wird am Vorabend des Pessach uue Festmahlzeit veranstaltet, die nach der bestiminten Ordnung, in »'Ucher sie stattfindct, der Sedcr genannt wird. Welches Verhalten Muitben dabei die Theitnehmenden? Schon die Alten unterschieden l'»t>ei vier Klassen: der ersten Klasse gehört der Weise an, der nicht ölos nach den Vorschriften des Pessach fragt, sondern seine Frage auf alle Gesetze ansdehnt. Ihm soll die Antwort werden, das; die Befreiung aus Aegypten nur zu dem Zwecke erfolgte, um Israel zum 3We Gottes zu weihen; wenn Pessach als Gnurd für das gci-üiunte Gottesgesetz angegeben wird, dann habe man nichts weiter llüchzutragen. — Dem Weisen steht der Spötter gegenüber, er wirft iw hämische Frage auf: Was sott euch dieser Dienst? Seine Ausichließuug aus der Gesmmntheit begründet er mit der Leugnung der 'NschichteM*Ärweist Pessach in das Reich der frommen Märchen; >l!>d Legenden. Ihm werde die Antwort: wer das Ziel des Volkes,; "Ä Gott zu weihen, verneiiti, der kann auch aus menschlichen Fesseln lllid Schranken nicht erlöst werden. — Die dritte Klaffe gilt dem l 'einfältigen, welchem zufällig die Frage entführt: was bedeutet das?; icm soll gesagt werden: bedenke, daß ein jahrhundertelang in harter : wiechtschaft seufzendes Volk schon zn gedemiithigt war, um noch auf! ‘inen Freiheitsruf hören zu können; da konnte nur Gott selbst das ' rlösungswerk vollbringen. — Die vierte Gattung stellt der Unwissende . üar, der auch nicht einmal zu fragen weiß. Diese Gattung ist um j i» beschämender, als an Israel die oberste Forderung erging, zu er- > tvimen und aufzumerken. Wenn man guch von der Beobachtung der! wemoniellen Handlungen, die an den Auszug aus Aegypten erinnern i lullen, sich lossagt, so muß doch wenigstens die Erlösung selber im > Gedächtnisse bleiben, so müssen doch wenigstens die Gedanken, die jenen Handlungen zn Grunde liegen, erschlossen sein. Dem Unwissenden gegenüber hat man dann selbst die Pflicht, ihn dahin zu belehren, daß er den Mund zu öffnen verstehe, um endlich einzusehen, daß Gott jenes Werk auch für ihn vollbracht, für jeden Einzelnen dem die Freiheit als das höchste Gut der Menschen gilt. Drei Dinge sind es nun, die »ach dem Ausspruche des Rabbi Gamliel die Bedeutung des Festes darlegen: das Pessachopfer, das ungesäuerte Vrod und das Bitterkraut. Das Pessachopfer sollte daran erinnern, daß Gott innerhalb der Schreckensplagen auch verschone. Wie kein Volk der Erde darf Israel ein „Ueberschreitungsfest" begehen, d. h. einen Gott preisen, der verschont. Während alle Völker des AltcrthuinS untergegangen sind, kann Israel ausspreche»: „Unsere Häuser hat Gott errettet!" „Ich bin nicht untergegangen, ich lebe und verkünde die Thaten des lebendigen Gottes!" Unzählige Mal schien Israel unrettbar verloren, doch Gott hat es verschont und cs zur Lehre für die Völker bestehen lassen, daß diese erkennen, wie ein ewiger Wille waltet, der rette; und befreit, der erlöst und behütet. Ward aber auch Israel vor dem Untergange verschont, so mußte cs doch durch eine Leidensschule gehen; Leiden und Prüfungen sollten es für den schweren Opfer fordernden Berns stählen, um deswillen es eben verschont wurde. Als „Schaaren des Ewigen" zogen sic aus, nachdein sie durch das Läuterungsfeuer hindurch gegangen, um den großen Kampf zn führen für Gott und die Menschheit. Wer selbst in der Knechtschaft geschmachtet hat. der wird der beste Lehrer und Wegweiser sein für die Eroberung des Landes der Freiheit. Das ungesäuerte Brod erinnert daran, daß „unsere Väter nicht Zeit hatten, den Teig säuern zu lassen, als Gott, sic erlösend, sich ihnen offenbarte." Diese Bereitwilligkeit, der Gottesstimme zu tauschen, ist der lieblichste Zug in dem Verhalten des Volkes. Dieser Bereit- Willigkeit will Gott ewig eingedenk bleiben. „Ich gedenke Dir die Holdseligkeit Deiner Jugend, wie Du vertrauensvoll mir nachzogst in die Wüste, in ein nnwirthbares, snatcnloscs Land." Die Mazzah ist das Brod der Freiheit, allerdings ist sie nur ein „armseliges Brod", doch auch ein armseliges Brod in Freiheit genossen ist wohlschmeckender als das köstlichste Gericht in der Abhängigkeit. Das ungesäuerte Brod ist ein Bild für das Brod der Rechtlichkeit. Ter Sauerteig bedeutet die Sünde. Das einfache Brod verbürgt die Seelenruhe, den ehrlichen Namen, ein stets zufriedenes, lebensfrohes Gemiith. Wer von zu vielen Bedürfnissen sich frei macht und sich mit einfacherem Brode bescheidet, dem ist auch ein weiterer Boden und die Zeit gewonnen für ein inneres, geistiges Leben, für allgemeine,