Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 11 (28.3.1890)
- Date
- 1890-03-28
- Page
- Seite 174 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227825-3227837--46941-3268433- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
174 „Ei» wenig2" erwiedertc Zebadia schalkhaft lächelnd, „warum nicht? Aber Sie sind nicht der Man», sich mit diese»! Wenigen zufrieden zu stellen." „O! Bei einer Fra», wie Sie, ist schon das Wenige viel." Er küßte rasch und feurig ihre Hand und verließ sie mit einer ritterlichen Verbeugung. Sie blickte ihm nach und seufzte. Der Herbst meldete sich diesmal früh. Die Bäume prangten bereits im bunten Schmuck ihres rotheu und gelben Laubes ein kalter Wind fegte über die Stoppel». Schaareu von Vögeln zogen nach dem Süden, und die Meisen nahmen ihren Platz ein. Mau sah sie allerorten und hörte ihren lustigen Pfiff. Am Tage vor dem Beginn des Lanbhnttenfestes trat jedoch die Sonne wieder aus ihrem Wolkenschleier hervor, und Israel konnte sein schönstes Fest mit Ruhe und Freude begehen. Auch Schimniel Knofeles hatte ans hölzernen Latten und Tannenreisig eine Hütte in seinem Garten errichtet. Zebadia fertigte indeß ans Eiern, die sie geschickt geleert hatte, und ans farbigem Papier kleine Vögel, und die Kinder klebten Ketten ans Goldpapier. Als die Hütte fertig war, wurden alle diese Dinge in den Zweigen befestigt und mit ihnen auch der Lnlaf, die seltsame Frucht, der Zweig, welche das Land der Verheißung, welche das verlorene Paradies ins Gedächtniß zurückrufen sollten. Dann standen Schimmel und die Seinen vergnügt in der kleinen Hütte, in der sich eine Bank und ein Tischchen befanden und bewunderten das Werk ihrer .Hände. Jedes Glied der Familie brachte täglich einige Stunde» des Tages oder der Nacht in der Hütte zu, wie einst das anserwählte Volk ans seiner Wanderung in der Wüste. Schimmel sprach hier seine Gebete und las seinen Talmud, die Kinder spielten, Zebadia beschäftigte sich mit einer Stickerei. Einmal geschah cs, daß sie unter Tages unausgesetzt in dem Gewölbe und in der Küche beschäftigt war. Sie konnte erst ihre Pflicht erfüllen, als cs Nacht geworden ivar und der Mann und die Kinder schon schliefen. Die schöne Frau schlüpfte in ihre warme Pelzjacke, setzte sich in das grüne Zelt, lehnte den müden Kopf an die Pfoste und träumte. Es war eine Nacht z»n> Träumen. Der Mond stand hinter den hohen Pappeln und tauchte das Hans, den Garten, die fernen Felder in einen matten Silberglanz. Der Brunnen, welcher unablässig murmelte, schien in seinem Lichte Diamanten ansznwerfen. Die Astern und Georginen flüsterten leise im frischen Nachtwind, und ans den Büschen stieg ein feuchter, angenehmer Duft ans. Plötzlich nahten Schritte auf dem Kiesweg. Zebadia schrak zusammen, und sie hatte alle Ursache, denn im nächsten Augenblick stand der Graf vor ihr. „Ich muß bitten," stammelte sie, „was suchen Sie hier... zu dieser Stunde... wenn man Sie sieht..." „Ich suche Sie, schöne Frau," sagte der Graf leise, „Ihre Gazellenange», Ihre Elfenbeinärme, Braut des hohen Liedes." „Machen Sie mich nicht unglücklich," gab die Jüdin bebend zur Antwort, „verlassen Sie mich." Der Graf lachte. „Nein, so leicht werden Sie mich nicht los. Sie haben nur die Wahl, meinem Flehen »achzugebe» und Ihren Ruf zu retten, oder eine Eisstatue zu bleiben und in den Augen Ihres Mannes und der Welt schuldig zu erscheinen. Ich liebe Sie, ich muß Sie besitzen." Gorewski lvarf sich zu ihren Füßen nieder und legte langsam den Arm um sie. Sie wehrte ihn nicht ab, sie lächelte sogar, denn in demselben Augenblick war ihr ein schlauer und lustiger Gedanke gekommen, ein Gedanke, so drollig, wie ans de» Novellen des Bocaccio oder der galanten Chronik des Brantome. „Gut," sprach sie lauernd, „ich will Ihren Bitten nachgebe», wenn Sie mir versprechen, alle Vorsicht.zu beobachten, die ich von Ihnen verlange, und mir Ihr Ehrenwort geben, mich unter keine» Umständen zu kompromittircn." Der Graf, von der schönen Eroberung entzückt, versprach Alles. „Sobald ich zur Ruhe gegangen bin," fuhr sie fort, „wird mein Mann noch einmal die Runde durch das Hans machen und dann das Hausthor sperren. Sie treten also mit mir ein, verbergen sich in dem Speisezimmer und warten, bis ich Ihnen ein Zeichen gebe." „Ich werde gern gehorchen," sagte Gorewski. Zebadia legte hierauf den Finger auf den Mund und gab ihm einen Wink, ihr zu folgen. Sie führte ihn leise in das Hans und in das Speisezimmer, in dem finstere Nacht herrschte.! Hier hörte der Graf eine Thür knarren, und dann hieß! ihn die schöne Frau eintretcn. Da er den Weg nicht sofort j fand, drückte sie ihm mit der einen Hand den Kopf nieder! und schob ihn mit der andern vorwärts. Dann schloß sie eine Thür hinter ihm, sperrte sie zu und zog den Schlüssel ab. Der Graf verhielt sich einige Zeit vollkommen ruhig. Er erwartete, daß Schimmel die Runde machen werde, aber bald hörte er diesen im Nebeiizimmer laut schnarchen, und Zebadia kehrte nicht wieder. Leise begann der Unglückliche nmherzutaste» und entdeckte bald, daß er hinter eisernen Stäben gefangen war. Er wollte Lärm machen, aber das Lächerliche seiner Lage zwang ihn, sich in sein Schicksal zu ergeben. Die grausame Tugend hatte ihn überlistet, er war ihr ans Gnade und Ungnade preisgegeben. Sie hatte offenbar die Absicht, ihn die ganze Nacht eingesperrt zu halten, er ließ sich also langsam nieder, versuchte sich ansznstrecken und fand endlich eine Stellung, in der ihn schließlich der Schlummer überraschte. Es war Heller Tag, als er envachte. Er sah jetzt, daß er in einem großen eisernen Käfig saß. Seine Lage war einfach abscheulich. Dennoch sagte er sich, daß er nichts thun könne, als geduldig erwarten, was die neue Delila mit ihm beginnen werde. Sie ließ nicht lange auf sich warten. Schön und frisch wie der Morgen kam sie in ihrem weißen Kopfputz und ihrer Pclzjacke herein, rief ihren Mann und ihre Kinder und zeigte ihnen den seltenen Vogel.