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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-02-21 · Heft 6 (21.2.1890) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 6 (21.2.1890)
Date
1890-02-21
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Ein uiijmrtkiisches Organ skr alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner Dr- Ludwig Philippson in Kann. Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 48/49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis vierteljährlich 3 M., direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband 3.50 gft. — Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse.- „Verlag von Rudolf Mosfe, Berlin SW., Jerusalemerstr. 48/40" zu richten. 54. Jahrgang. Berlin, den 2\. Februar \890. SntwtU Die Fürsorge für jüdische Strafgefangene. — Litterarische Mittheilungen. — Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Fürstenwalde. Köln. Aus Schlesien, Insterburg, Von der Warthe, Schneidemühl, Dresden, Fürth, Freiburg i. B., Wien, Brody, Pest, Paris, Rom, Odessa, Warschau, Bukarest, New-Nork. — Feuilleton: Ter erste Berliner Salon. — Vermischtes. Die Fürsorge für jüdische Strafgefangene. Berlin, 17. Februar. Die jüdische Armenpflege, wie lang auch ihre Eniwickelungsbeschichte schon währt und wie sehr sie voll einem Religionsaeböt zu einer Herzellspflicht jedes einzelnen Israeliten getoorbeit ist, hat sich im Grunde doch durch die eigenartiger! Verhältnisse der jüdischer: Gemeinschaften nur einseitig ent- «uicfeln können. Der enge Zusammenschluß der Gemeindenutglieder itnb das ständige Bewußtsein gemeinsamer Roth ueß bis in die neuere Zeit die „Kehilloth" nichts anders ein, als enueiterte Familien, und bot nur geringe Gelegell- )cit zur Ausbildung einer öffentlichen Armenpflege. Um so rsreulicher ist die Wahrnehmung, mit welchem Eifer und welchem Verständniß lmsere Glaubensgenossen sich, seit ihnen hierzu die Möglichkeit gegeben ist, an den gemeinsamen Unteruehmrmgen für öffentliche Wohltbätigkeitspflege betheiligen, und wie sie mit Erfolg bemüht sind, die gesammelten Er- -ahrnugell in ihrer engeren Gemeinschaft zu verwerthen. Die Fürsorge für entlassene Strafgefaugelle ist eine humarn- .üre Thätigkeit, welche in erster Lillie der christlichen Kirche, speziell der Mission, ihren Ursprung verdankt; sie steht in engstem Zusammenhang mit der Seelsorge in den Gefängnissen. Es ist allznerkennen, daß die preußische Regierung hinsichtlich dieser Seelsorge auch für die jüdische Religionsgeuosfenschaft volle Parität zugestanden hat, und in denjenigen Strafanstalten, woselbst jüdische Sträflinge internirt sind, auch jüdische Geistliche besoldet. Wie es indeß mit der Fürsorge mr die entlassenen Gefangenen jüdischer Religion steht, darüber mag ein Brief Aufschluß geben, den anläßlich eines Unzelfalles Herr Rabbiner Dr. Löb in Rawitsch an den Ausschuß des „Deutsch-israelitischen Gemeindebnndes" gerichtet 'rat, und der mit Genehmigung des Absenders uns zum Abdruck gütigst überlassen worden ist. Nachdem Herr Dr. Löb dgs Gutachter: der Strafanstaltsdirektion über einen besonderu in Frage stehenden Fall mitgetheilt hat, fährt er fort: .„Ich glaube in letzter Zeit mahrgenommen zu Haber:, daß X. selbst eingesehen, wie sehr er durch seine wiederholte Nückfülligkeit gesunken, und daß es ihm nun Ernst sei, ein anderes Leben zu beginnen. Vielleicht täusche ich mich auch, aber ich möchte die Hoffnung nicht aufgeben, daß man ihn durch Arbeitsnachweis auf die rechte Bahn führen und doch noch retten könnte. Aus diesem Grunde habe ich ihm gerathen, sich an den Wohllöbl. Ausschuß zu wenden, denn ich betrachte es als eine dringende Pflicht, welche der Gemeindebund zu erfüllen hat, die Fürsorge für entlassene Sträflinge in die Hand zu nehmen. Durch den hiesigen Lokalverein kann in den seltensten Fällen eine Arbeit für Inden nachgewiesen werden, die Inserate stehen zumeist in Zeitungen, die nicht von Juden gelesen werdenaußerden: sind es zumeist Landwirthe re., denen entlassene Sträflinge zugeführt werden. Ich stehe oft vor der traurigen Thatsache, jüdischen Gefangenen, die den redlichen Willen zergen, das im Zuchthaus erlernte Handwerk :c. ir: der Freiheit zu verwerthen, mit der Unmöglichkeit, sie unterzubringcn, antworten zu müssen. Nur in wenigen Fällen — namentlich bei Cigarrenarbeitern — ist es mir gelungen, ein paffendes Unterkommen zu verschaffen. Den Meisten rathe ich, nach dem Auslande zu gehen, damit sie bei dem Mangel an Arbeitsnachweis mcht wieder m die alten Kreise kommen und die Zahl der Rückfälligen vermehren helfen. Aber auch hierzu fehlt es zumeist an Geld; von meiner Gemeinde, welcher ohnehin durch die Strafanstalt vielfache Kosten erwachsen, kann ich für diese Zwecke nur Weniges errvarten, noch weniger von der Anstaltskasse, die nur in den seltensten Fällen eine Unterstützung gewährt. Ich glaube, es dürfte Sache der Buridesgemeinden sein — zumal da in der hiesigen Anstalt die jüdischen Strafgefangenen aus vier Provinzen konzentrirt werden — durchschnittlich etwa 100 Mann — hier helfend einzugreifen. Der Staat gewährt mir sonst alle Mittel, die zur Seelsorge in der Anstalt notwendig sind. Außer den nothwendigen Gebetbüchern für Wochentage unb Feste habe ich auf Staatskosten eine Bibliothek eingerichtet, die belehrende und erbauende Bücher allgemeinen und speziell jüdischen Inhalts enthält und bereits 240 Nummern zähltdie Fürsorge für die

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