Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 4 (9.2.1890)
- Date
- 1890-02-09
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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»0 Iroei Feste. Berlin, 2. Februar. Das deutsche Israel feiert in dieser Woche zwei Festtage mit innigem Stolz und wahrer Erhebung, obwohl die Männer, denen die Ehre dieser Tage gehört, in Oesterreich leben. Aber über ihr engeres Vaterland hinaus sind sie Bürger eines Weltstaats — der Poesie und Wissenschaft. Ein Dichter ist der eine von allgemein anerkannter Bedeutung, ein Gelehrter der andere, dessen Name aus der jüdischen Literatur nicht verschwinden wird. Ludwig August Frankl heißt der Dichter, Leopold Dukes der Gelehrte. Beide feiern in dieser Woche ihren achtzigsten Geburtstag in voller geistiger Frische und körperlicher Gesundheit. Beiden bringen wir an dieser Stelle unsere herzlichsten Glückwünsche dar! Nicht an uns ist es, zu erörtern, was Ludwig August Frankl in der Geschichte der deulschen Poesie bedeutet, in der er sich einen festen Sitz erobert hat, in der er als einer der besten epischen Dichter, als der letzte überlebende Lyriker der großen österreichischen Dichterschule von seinen Zeitgenossen gefeiert werden wird. Für uns ist er der jüdische Poet, der die Saiten seiner Leier zum Ruhme Israels gerührt, der die Größe und Ehre, die Leiden und Schmerzen seines Volkes in warmen und rührenden, in erhebenden und ergreifenden Tönen besungen hat. Der nicht aus dem Lager seines Stammes fortgezogen ist, da ihm draußen in der großen glänzenden Welt Ehre und Ansehen winkten, der vielmehr treu blieb der Fahne, welcher er Treue zugeschworen, und der sein Ansehen und seine Begabung in den Dienst seiner Glaubensgemeinde stellte. Der hinauszog, um die Oriflamme der Kultur nach dem heiligen Lande der Väter zu tragen und dort Schulen zu gründen, und der dort auf den Ruinen des Tempels — ein anderer Juda Halevi — herzblutende, tiefrührende Lieder sang, Lieder der Klage und des altersgrauen Judenschmerzes, aber auch Hymnen der Freude und der Hoffnung auf den Sieg des Lichts, ans die Zukunft Israels, auf die Harmonie der Menschheit. DaS ist Ludwig August Frankl für uns. Es erscheint als ein müßiges Beginnen, am Ehrentage des Dichters heute seine Verdienste, seine Werke und Thaten im Einzelnen aufzuzählen. Sein ganzes, mit dem Psalmisten köstlich zu heißendes Leben ist ein Werk, eine That, ein großes Verdienst. Er hat die unvergänglichen Helden seines großen österreichischen Vaterlandes gefeiert, er hat die Einheit Deutschlands besungen, das Glück und Leid Israels in seinen Liedctn verklärt, er hat durch Wort und That Werke der Liebe und der Barmherzigkeit gestiftet. So ist sein Leben in Wahrheit ein reich gesegnetes, und alle Wünsche, die wir dem Dichtergreise heute darbringen könnten, vereinigen sich in dem einzigen: Möge Ludwig August Frankl uns noch lange so wie heute in voller Gcistesfrische erhalten bleiben, uud möge der Herr noch viele Tage den Tagen unseres Saugesfürsten hinzufügen! Nicht geringer sind die Verdienste unseres zweiten Jubilars, wenn sie auch nicht so bekannt und nur im Verborgenen geblüht haben. Leopold Dukes war fast vierzig Jahre, lang einer der Träger der jüdischen Literaturgeschichte. Er war nach Zuuz,. Rappaport und Luzzatto der Erste, der sich an den Aufbau des arg verwüsteten Tempels der jüdischen Wissenschaft heranwagte, der nicht nur „Ehrensäulen und Denksteine" für diesen Aufbau errichtete, sondern der mit seltenem Fleiß und nie ermüdender Ausdauer auch die kleinsten Steinchen herbeitrug, um den Ausbau zu vollenden. Jahrzehnte lang zog er als ein literarischer Wanderer von Stadt zu Stadt, von Land z» Land, um im Staub der Bibliotheken nach den verschütteten Schätzen der jüdischen Litteratur zu graben, und was er auf diesen Wanderungen gefunden, das hat er dann mit Geist und Geschmack, mit tiefem Wissen und eindringeudem Verständniß der allgemeinen Wissenschaft erschlossen. Die Poesie und Geschichte, die Philosophie und Litteratur der Juden in Spanien verdanken ihm die werthvollsten Aufschlüsse, die interessantesten Mittheilungen. Er war der Erste, der den Bibelkommentar Raschi's verdeutscht hat, der Erste auch, der Mose ben Esra, Charisi und Salomo Gabirol in ihrem poetischen Schaffen, wie in ihrem philosophischen Ringen zu schildern unternommen hat. Von Preßburg ist er ausgegangen, und in Oxford hat er seine Stadien beschlossen. Das sagt für den Kenner unserer Verhältnisse Alles. Aber ein Gefühl von Wehmnth ergreift n»s, wenn wir heute dem greisen Gelehrten unfern Tribut der Huldigung darbringen. Ein hartes Loos ist die Arbeit im Dienste der jüdischen Wissenschaft; sie verlangt Selbstlosigkeit, Uneigennützigkeit, den Muth großer Opfer, ja ein gewisses Märtyrerthum. Und vielleicht war dieses Loos nie so hart wie gerade heute, unter den veränderten Wcltverhältnissen, wo dem Arbeiter ans diesem Gebiete so viele andere verlockende uud verführerische Stellungen winken, die Ehre, Ansehen, Gewinn und Aemter mit sich bringen. Wir haben von alledem nichts zu vergeben. Wir haben keine Akademie, keine Mäcene, keine großen Bibliotheken, ja nicht einmal bedeutende Stiftungen und Stipendien für das Studium und die Arbeit auf dem Felde jüdischer Wissenschaft. Jeder Arbeiter ist auf sich allein angewiesen und muß seinen Lohn in der Arbeit selbst finden. Das ist Alles. Hätten wir aber solche Ehrenstellen zu vergeben, so würden wir heute sicher einmüthig Leopold Dukes zum Mitgliede der Akademie für jüdische Wissenschaft ernennen, ebenso wie wir Ludwig August Frankl den Lorbeerkranz überreichen würden, der ihm den künftigen Ehrenplatz in Juda's Dichter- Hain sichern sollte. Aber nicht Ehrenstellen und nicht Lorbeerkränze haben wir zu vergeben. Nur den bescheidenen Tribut innigen Dankes, warmer Verehrung wird die israelitische Glaubensgemeinde dem Dichter wie dem Forscher an ihren Ehrentagen darbringen können. Und diese Liebe, dieser Dank wird den beiden Helden des Geistes — dafür bürgt ja ihr ganzes