Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 2 (19.1.1890)
- Date
- 1890-01-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Iudcnthums. Ci« ««parteiisches OlM für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis vierteljährl. 3 M., direct von der Expedition in Leipzig unter Streifband 3,50 M. Begründet von R-bbiu-r Dr. Änbiuij in @»n». Krpedition: Leipzig, KospitaPrahe 2. In allen geschäftlichen. Angelegensten wendeMan sich an die Verlags^ mdlung. Beilagen (Gebühr 12 M.1 sind gleichfalls an letztere einzusenden. 54. Jahrgang. Leipzig, den 19. Januar 1890. Nr. 2. Inhalt: Der Tod vr. Ludwig Philippsons.— Feuilleton: Letzter Artikel Di-. Ludwig Philippsons: Auch ein Zeichen der Zeit. II. Der Jucenhaß in Rußland. — Vermischtes. Der Tod Dr. Ludwig Philippsons. Ludwig Philippson ist nicht mehr! Die Hand, die dreiundfünfzig Jahre lang die Redaktion dieser Zeitung geführt hat, nie erschlaffend, nie ermüdend, in Krankheit und Kummer ebenso wenig, wie bei Wohlsein und Kraft, diese Hand, welcher selbst das hohe Greisenalter die Jeder nicht zu entwinden vermochte, der Tod hat sie für immer gelähmt! Wie ein Krieger auf dem Schlachtfelde ist Ludwig Philippson gefallen — wenige Stunden, nachdem er seinen Wochen- Leitartikel für die Allgemeine Zeitung des Judenthums geschrieben, hat ihn der tödtliche Schlag ereilt. Es war Freitag, der 27. Dezember 1889, der Vorabend seines neunundsiebzigsten Geburtstages. Bis um 1 Uhr Mittags hatte der fast ganz erblindete Greis für sein Blatt diktirt, um den Rest der Stunden seinen zu der festlichen Gelegenheit aus der Ferne eintreffenden Kindern widmen zu können. Die Leser werden sich überzeugen, daß seine Geisteskraft eine ungeschmälerte, ebenso frische und jugendliche war, wie nur je in seinen besten Mannesjahren. Mit Freuden empfing er dann seine ankommenden Lieben, und in heiterem, anregendem Gespräche verfloß der Nachmittag. Er plauderte über die neuesten Erzeugnisse der historischen Literatur, den dritten Band vonTreitschke's deutscherGeschichte, die Geschichte Athens von Gregorovius, und ließ sich einen Vortrag über Sizilien vorlesen. Bei dem Mahle des Freitag Abend sprach er mit fester Stimme die rituellen Gebete und segnete dann die Seinigen mit ausgestreckten Händen und Hinzufügung inniger Liebesworte. In heiterster und gehobenster Stimmung ging man zu den Schlafzimmern hinauf. Da, auf dem ersten Treppenflur, sank er plötzlich hin und lag röchelnd am Boden. Zum Tode erschrocken stürzten die Seinigen herbei und trugen ihn auf das Bett. Es war gegen 10 Uhr Abends. Das Bewußtsein hatte ihn verlassen, die rechte Seite war völlig gelähmt. Keine Kunst des Arztes konnte hier helfen. Die Lähmung machte stündlich Fortschritte, das Bewußtsein kehrte nicht wieder. Am Sonntag, den 29. December, ein Viertel vor elf Uhr Morgens hauchte der Sterbende den letzten Athemzug aus. Ein edles, aufopferndes, thaten- und verdienstreiches Leben war beendigt! Es ist noch rp^t an der Zeit, hier eine Würdigung des Verewigten zu geben. Das wird die Aufgabe einer späteren Stunde sein. Aus der Vollkraft des Geistes und des Schaffens ist der Greis geschieden, die Beängstigung und Qual des letzten Kampfes sind ihm erspart geblieben. Nicht nur die Thränen der Seinigen, die Trauer ganz Israels umgab sein Sterbelager. Zahlreiche öffentliche Blätter, darunter die größten Zeitungen Deutschlands, aber auch, was vielleicht noch bezeichnender ist, kleinere Provinzial- und Localblätter brachten die Kunde des traurigen Ereignisses und begleiteten sie mit lobenden Schilderungen der Verdienste des Verstorbenen-- Wir heben nur Einzelnes hervor. Die „Bonner Zeitung" schreibt in ihrer Nummer vom 30. December: „Gestern verschied hier nach kurzer, schmerzloser Krankheit der Nestor der israelitischen Theologen und Publicisten, vr. Ludwig Philippson. Geboren am 28. December 1811 zu Dessau, nahm er bereits im 22. Lebensjahre die Stelle als Prediger, später Rabbiner der Synagogen »Gemeinde Magdeburg all, für deren Hebung und Förderung er unausgesetzt thätig war, bis er 1862 durch Kränklichkeit gezwungen wurde, auf s^in Amt zu ^verzichten und sich nach