Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1897)
- Date
- 1897-11-26
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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im Ganzen l1/* Prozent, welche die Note „nicht genügend" in Religion hatten. — In der letzten Generalversammlung der „Union" erregte der ehemalige Abgeordnete Dr. Bloch nicht geringes Aussehen, als er die jüngste Interpellation des Abgeordneten Schneider erwähnte. Der Redner erzählte die Entführungsgeschichte des kleinen Schestak durch den vacirenden Kellner Grünfeld und konstatirt, daß auf den Klang des Namens hin sofort das Blutmärchen erzählt und verbreitet wurde, obzwar Grünfeld gar kein Jude ist, ja nicht einmal von jüdischen Eltern abstammt. Dr. Bloch erklärt, für ihn bestehe kein Zweifel, daß der Mechaniker Schneider um diesen Umstand gewußt.habe, als er seine Interpellation einbrachte. Dr. Bloch behauptete auch — und er übernahm ausdrücklich die Verantwortung für die Richtigkeit seiner Angaben —, daß Gesinnungsgenossen Schneiders mit Grünfeld unler einer Decke gespielt, ja daß Grünfeld den kleinen Schestak auf Anstiften der Wiener antisemitischen Agitatoren entführt habe, damit diese Gelegenheit haben, „den Juden Eins zu versetzen", wie dies auch bei der berühmten Tisza - Eszlarer Affäre der Fall gewesen sei, wo die Antisemiten die Ester Solmossy umgebracht haben, um den Juden die Schuld in die Schuhe zu schieben. — In Graz veranstalteten aus Anlaß der jüngst stattgehabten Inauguration des Rektors der technischen Hochschule die farbentragenden Verbindungen einen Kommers, zu welchem das Professoren - Kollegium, mit Ausnahme der Professoren Forchheimer, Reinitzer und Löw wegen deren jüdischer Abkunft, geladen wurde. Diese Uebergehung der Kollegen veranlaßte den Rektor und das gesammte Professoren - Kollegium, dem Kommers fernzubleiben. — Nun aber wurde der Jnaugurationskommers, welchem kein einziger Professor beiwohnte, um halb 2 Uhr Nachts wegen Vortrages eines verbotenen Liedes unter großem Tumult aufgelöst. — Zum Ingenieur für den Staalsbaudienst wurde der Adjunkt Carl Grün Hut, zum ordentlichen Professor, der klassischen Philologie an der Universität in Krakau der Professor Dr. Leo Sternbach und zum Regierungsrath im Eisenbahnministerium Herr Richard Brüll, ein Sohn des Kultusvorstehers Adolf Brüll in Bielitz, ernannt. — Der Kaiser hat die Wahl des Großhändlers Eduard Ritter v. Kanitz zum Mitglied der Central- Kommisston für die Weltausstellung im Jahre 1900 in Paris genehmigt. — Unter zahlreicher Betheiligung hat das Leichenbegängnis eines der hervorragendsten hiesigen Advokaten, des Dr. Otto Keryal, hier stattgefunden. Nach Dr. Güdemann sprachen anr Grabe noch mehrere Berufsgcnoffen, Ritter v. Feistmantel und Dr. Ruzicka. — Dr. Moritz Rubin st ein, k. k. Sektionsrath i. P. und Ritter des Ordens der eisernen Krone, ist gleichfalls in dieser Woche verschieden.— In Erlau starb im Alter von 104 Jahren ein ehemaliger Soldat, der an mehreren Schlachten theilgenommen und sich dort tapfer erwiesen hat, Salomon Ritter mann. Amerika. c. H, New-Aork, im November. In der jüdischen Gemeinde in. Korsikana, Texas, herrscht volle Frauenemanzipation. Der gegenwärtige Präsident der Gemeinde ist Frau Gertruds A. Fox. — In St. Louis starb am 2. September der ehemalige Rabbiner Jsaac Epstein, geboren in Meiningen 1843. Daselbst starb am 3. September Lazarus Greengard, 105 Jahre alt. — Der in New-Iork verstorbene Abraham Stein hart bedachte folgende Wohlthätigkeitsinstitute mit größeren Legaten: Waisenhaus, Montefiore-Siechenhaus und Altenheim mit je 500 Dollars; Mount Sinai-Hospital 300 Dollars; allgemeine Wohlthätigkeitsgesellschaft und Heim für verlassene Kinder je 200 Dollars. — Trübe Nachrichten aus Argentinien bringt ein im New-Iorker „Ha-ibri" enthaltener Brief eines früheren Kolonisten, Namens Vermont, der behauptet, daß alle günstigen Berichte über Fortschritte der Kolonisation Schönfärbereien seien, zum Theil sogar von Mädchenhändlern ausgehend, welche auf diese Weise Opfer in ihre Netze locken wollen. Don Nah und Fern. — Der Oberbibliothekar Dr. Max Perlbach in Halle hat den Rang eines Rathes vierter Klaffe erhalten. — Der Großherzog von Hessen empfing am 10. d. M. den Provinzialrabbiner Dr. Sander-" Gießen in längerer huldvoller Audienz. — Der Kaiser von Oesterreich ernannte zu Oberstlieutenanten: die Majore Emil Kolischer und Karl Porges in Brixen. — Der Herausgeber und Chefredakteur der „Ungarischen Montan-Jndustrie- und Handelszeitung", Bergrath Silberstein in Budapest, wird im Aufträge der ungarischen Regierung, der königlich' ungarischen Geologen-Gesellschaft und der ungarischen Akademie der Wissenschaften eine Studienreise nach dem neuen Goldlande Alaska und nach anderen Montan-Jndustrie-Centren Nordamerikas, wie Kolorado, Kalifornien, machen. — Ein zumeist aus Reservisten bestehender Kongreß eingeborener Israeliten in Bukarest protestirte gegen die im neuen Armeegesetz vorgesehene Ausschließung der einheimischen, aber nicht naturalisirten Juden von den Rechten und Pflichten des rumänischen Militärdienstes. — Am 14. d. M. fand in Paris die Wahl zum Konsistorium statt. Gewählt wurde der bekannte Nationalökonom Alfred Ney mark. — Bei der Blumenausstellung erhielt das israelitische Rettungshaus in Plessis-Piquet eine silberne Medaille für seine Chrysanthemen. — Kapitän Geismar vom 11. Artillerieregiment ist zum Major im Generalstab befördert worden, M. Hey mann zum Oberstlieutenant und Eskadronschef der Kavallerie. — Der russische Verkehrsminister Fürst Chilkoff hat die bisherigen Bestimmungen, wonach auf den Eisenbahnen die Beamten nichtrusstschorthodoxen Glaubens nur einen kleinen Prozentsatz bilden konnten, ausgehoben. Von nun an sollen die Beamien auf sämmtlichen Staats¬ und Privatbahnen Rußlands und Kongreß-Polens ohne Rücksicht auf die Konfession angestellt werden. — Aus guter Quelle verlautet, daß der russische Minister des Innern die Gouverneure aufgefordert hat, über die Wirkungen der Gesetze vom 3. Mai 1882 Bericht zu erstatten. Bis jetzt sind die Berichte von 26 Bezirken eingegangen, die mit alleiniger Ausnahme desjenigen des Gouverneurs von Witebsk den Juden .sehr günstig lauten. — Ter Privatdozent der Medizin Dr. Heinrich Schapiro in Petersburg ist zum Honorar-Professor daselbst ernannt worden. Der erste Fall seit langen Jahren in Rußland. — Es ist bekannt, daß die Fleischtaxe, die doch ganz ausschließlich von Juden aufgebracht wird, in großem Umfange zu anderen Zwecken Verwendung findet. So wurden für Straßenreparaturen in Malonaje 14 500 Rubel, für den Bau von Gymnasien in Bereslaw 13 900 Rubel, in Alexandria 5400 Rubel, Elisabethgrad 25 000 Rubel, Novomyagord 1900, Dubuffar 1800, Ananjew 2500, Novogeorgievsk 2400, Boffneffensk 2100, Otschakow 16 Rubel. Wenn aber die jüdischen Gemeinden Geld für jüdische Zwecke von der durch sie aufgebrachten Steuer verlangen, wird es ihnen regelmäßig abgeschlagen. - Ein Telegramm aus Konstantinopel meldet, daß der Gouverneur von Jerusalem, Ibrahim Chaki Pascha, der seit acht Jahren das Paschalih verwaltet, zurückberufen ist. Tewfik Bey. aus dem Finanzministerium hervorgegangen, ist sein Nachfolger. — In Mogador ist es zu einem Konflikt zwischen dem Gouverneur und dem Konsul der Vereinigten Staaten von Nord-Amerika gekommen. Der Gouverneur hat einen Juden, Joseph Tobias Lewy, verhaftet, der amerikanischer Staatsbürger ist. Der Konsul hat dagegen Einspruch erhoben und, da man seinem Einspruch nicht stattgegeben hat, gedroht, amerikanische Kriegsschiffe herbeizurufen. — Die Jewish Publication Society in Philadelphia hatte vor Kurzem einen Preis von 1000 Dollar ausgesetzt für die beste Jugendschrift über ein jüdisches Thema. Die Bewerbung wurde am 10. November 1895 öffentlich bekannt gemacht, der Schlußtermin für die Einreichungen war am 1. März 1897. Obwohl nun der ausgesetzte Preis ein ganz respektabler ist und die Zeit für die Preisbewerbung ebenfalls genügend lang, so ist doch keine Arbeit eingegangen, welche den Anforderungen entsprochen hätte. Die Preisbewerbung ist daher resultatlos verlaufen. — Eine besondere Anerkennung steht dem Hebrevv Union College in Cincinnati bevor: Der Antrag, eine semitische Fakultät mit der Universität von Cincinnati zu verbinden, ist nämlich im Direktorium spruchreif geworden und wird wahrscheinlich in der nächsten Sitzung dieses Körpers dahin entschieden werden, duß der Lehrkörper des «Uebre-w Union College" die semitische Fakultät der Universität bildet, daß Einer aus der Mitte dieses Lehrkörpers als Honorar-Professor und die anderen Herren als Dozenten für dieses Departement erwählt werden. Das ist sicher ein großer Erfolg für dieses Institut, aber auch ein wohlverdienter. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.