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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-11-12 · Heft 46 (12.11.1897) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 46 (12.11.1897)
Date
1897-11-12
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Berlin, 12. November 1897 61. Jahrgang. Nr. 46. I Begründet von linbbiner Du Jlituunn NnrttVv!on-Bonn. ~ ' j TTr Verkags-Grpemiion: Lertm, Jerusnlemerftr. 48 /49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des^Judenthums", Berlin 8 N'., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. InhltH. Leitartikel: Wiener Verhältnisse. — Die Woche. — Der 7. ordentliche Gemeindetag des Verbandes der Synagogengemeinden Westfalens. — Brief aus Oesterreich. — Humanismus und Humanität. I. Von Dr. Heinrich Grotz. — Die jüdischen Denkmäler in der Krim. Von Isidor Goldberg. — Feuilleton: Auf der Schau. Von Rahel Apfel. — Lilterarische Mittheilnngen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlin, Thorn, Eisenach, München, Wien, Petersburg. — Von Nah und Fern. — Miseellen. Wiener Verhältnisse. _ Berlin, 9. November. (9I)VTit nicht geringer Verwunderung lesen wir jetzt fast ständig Vjl. in den Zeitungen die Berichte über Wiener Vorgänge und Verhältnisse. Glücklicherweise steht Wien auch im Lande der Unwahrscheinlichkeiten in dieser Beziehung nur vereinzelt da, und man würde fehl gehen, wenn man die dortigen Verhältnisse auf das ganze Reich oder auch nur auf Cisleithanien übertragen wollte. Wiell nimmt eine völlig isolirte Stellung ein, und diese erscheint nur verständlich, wenn man die geschichtlichen und sozialen Bedingungen kennt, aus denen sie. erwachsen ist. Um diese aber kennen zu lernen, ist es nothwendig, ein Bild von den äußeren Verhältnissen der Juden in Wien zu entwerfen, da ja Zahlen eine beredtere Sprache als die gründlichste Auseinandersetzung führen. Das statistische Jahrbuch der- Stadt Wien, das vor einigen Wochen erschienen ist, bietet hierfür mehr als ausreichendes und objektives Material. Die Ziffer der gesammten Bevölkerung der Stadt Wien stellte sich im Jahre 1895 auf 1363 548. Davon waren Juden 118495, also 11.51 pCt. der Gesammtbevölkerung, und zwar 60741 Männer und 57 754 Frauen. Eheschließungen fanden in demselben Jahre im Ganzen statt 1512, davon 800 jüdische Männer und 780 Frauen; 400 fanden statt, bei denen der Bräutigam jüdisch, die Braut dagegen konfessionslos war. Ehen, bei denen der Bräutigam konfessionslos, die Braut dagegen jüdisch war, wurden 20 geschlossen. Scheidungen erfolgten mit Einverständniß jn diesem Jahre 5, ohne Einverständniß 2. Eine Trennung der Ehe erfolgte in 41 Fällen. Geburten waren 1713 männliche und 1541 weibliche,. Todesfälle 980 männliche und 816 weibliche. Ein trauriges Charakteristikum bilden die Selbstmorde in der Statistik der Wiener Juden. Es sind zu verzeichnen 22 männliche und 8 weibliche. Und nicht . minder interessant sind die Ursachen dieser Selbstmorde. In 8 Fällen wird langwierige Krankheit als Ursache angegeben, und zwar bei6Männerri und 2 Frauen, Geistesstörungen in 2 Fällen, bei einem Mann und einer Frau, Liebesgram in 5 Fällen, bei 4 Männern und .einer Frau, unbekannte Ursachen bei 5 Männern. Der Selbstmord erfolgte in 15 Fällen durch Erschießen, in 1 Fall durch Schnitt- und Stichwunden, in 6 Fällen durch Herabstürzen von Höhen, in 1 Fall durch Erhängen, in 5 Fällen durch Ertränken und in 1 Fall durch Vergiftung. Außerdem verunglückten 14 Personen. . Das Heimathrecht erhielten in Wien in 2Jahren, in welchen allerdings die gegenwärtige antisemitische Stadtverwaltung noch nicht simgirte, sondern die Residenz des Kaiserstaats durch einen Bezirkshauptmann verwaltet wurde, im Ganzen 4925 Personen. Davon waren Juden 147 Inländer, 168 Ausländer, 1 Zugewiesener, also 12,42 pCt. von der Gesammtbevölkerung. Die folgenden Jahre werden wohl kaum ein so günstiges Verhältnis darbieten. Neben diesen allgemein bürgerlichen Verhältniffen sind natürlich die Zahlen des statistischen Jahrbuchs der Stadt Wien, welche sich auf die konfessionellen Angelegenheiten beziehen, von hohem Jntereffe. Es bestanden im Jahre 1895 in Wien 42 Synagogen und sonstige ständige Beträume, also mehr wie in Berlin, wo sich im Ganzen etwa nur 25 Synagogen und Beträume befinden. Das wichtigste Material zur Beurtheilung der leider so sehr veränderten Verhältnisse in der Reichshauptstadt bieten natürlich die Juden taufen. Es sind im Jahre 1895 aus dem Judenthum ausgetreten 410 Personen, und zwar 212 männliche und 198 weibliche. Zum Judenthum übergetreten sind 76 Personen, und zwar 22 männliche und 54 weibliche. Die große Zahl weiblicher Uebertritte wird man nach Gebühr abzuschätzen wissen, wenn man weiter erfährt, daß 31 derselben .im Alter von 20 bis 30 und 12 im Alter von 30 bis 40 Jahren gestanden haben. Von den 410 Personen, welche aus dem Judenthum ausgetreten, sind zur römischkatholischen Kirche 226, zur evangelisch-augsburgischen Konfession 52, zur evangelisch - helvetischen 18, zur griechisch - orientalischen Kirche 2 Personen, zur griechisch-katholischen 2, zur altkatholischen 2 übergetreten. Konfessionslos erklärten sich 108 Personen. Auch die Gruppe Bildungswesen in dem statistischen Jahrbuch Ist von großem Jntereffe, weil gegen diese sich die meisten Anklagen unserer Gegner richten. Im Jahre 1895 waren an der Universität 1606. jüdische Studenten immatrikulirt, an der technischen Hochschule 353 und an der Hochschule für Bodenkultur 9, an der Akademie der bildenden Künste 22..; Ferner besuchten 1483 Kinder die 44 Gymnasien der Stadt, 325 das Realgymnasium und 499 die 13 Realschulen. Prozentualiter nehmen die jüdischen Schülerinnen an den Töchterschulen den größten Antheil; unter den 1539 Mädchen, welche solche Institute besuchten, waren 645 jüdische. Wir glauben nicht, daß auch selbst der verstockteste Antisemit den Muth haben wird,

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