Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1897)
- Date
- 1897-11-05
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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seinen ^ohn „ßen Juden zu Liebe", die ihm noch immer-grollen, sterben lassen. Der Arzt nahm sich diese natürlich^ durch, nichts be- , gründeten Verdächtigungen so zu Herzen, daß er ' bald darauf starb. Sein Sohn, der ebenfalls Arzt ist, betraute nun einen Anwalt damit, die nölhigen Schritte zur Wahrung der Reputation seines Vaters vor-; zunehmen. Die wegen Verleumdung angestrengte Preßklage wird auf die unlauteren Motive der Verdächtigungen recht klar und deutlich Hinweisen. — Vor Kurzem starb in Ujfehärtü der dortige Rabbiner Hersko Silbermann eines plötzlichen Todes. Seit 15 Jahren — so schreibt ein Debreziner Blatt — wirkte der im Rufe eines Wundermannes; stehende Rabbi in dieser Gemeinde, die seither Wallfahrtsort wurde, wo Kranke und Bedrängte Rath holten. Die ^Pilger von Ujfehörtü rekrutirten sich aus allen Konfessionen. Der große Talmudist wurde von seiner Klientel stets reichlich beschenktaber das viele Geld, das er bekam, wurde zur Unterstützung armer Leute in^ Ungarn, Rußland und Palästina verwendet. Er starb so arm, daß seine Familie im größten Elend zurückblieb und zur Linderung desselben eine Sammlung eingeleitet werden rnußte. Mehr als 10 000 Menschen aus allen Gegenden des Landes, darunter vierzig Rabbiner, kamen, .um dem frommen Manne die letzte Ehre zu erweisen. Zu dem Grabe pilgern täglich Tausende, die verspätet in Ujfehörtü ankamen. Afrika. D Tunis, 26. Oktober. Das Judenquartier von Tunis war vorigen Dienstag vier Stunden lang der Schauplatz erregter Volksszenen. Rabbi Samuel Habib, ein hervorragender Talmudist. hatte vor seinem Tode den Wunsch ausgedrückt, nach tunesischem Ritus' begraben zu werden, also auf dem alten Friedhof und getragen von Freiwilligen, die rasch von anderen abgelöst werden, damit viele zu dieser Ehre gelangen. Tausende begleiteten den Zug bis zum Platz am Karthagischen Thor, wo die Straße fahrbar wird und der städtische Leichenwagen wartete, dessen Führer sich des Sarges bemächtigen wollten. Die Israeliten protestirten, aber zahlreiche Polizisten schritten ein, wobei sie von den Waffen Gebrauch machen mußten und mehrere von ihnen durch Steinwürfe verwundet wurden. Nebenher ging ein Streit zwischen Mitgliedern der tunesischen und livornestschen Gemeinde, die jede ihren besonderen Ritus zur Anwendung bringen wollten. Die Polizei hielt sich aber gut, und das Begräbniß fand am Schluß nach allgemeiner städtischer Vorschrift statt. Doch wurden die Ausführenden bei der Rückkehr noch von einer auf 8000 Köpfe angelaufenen Menge verhöhnt und mit Steinen beworfen. Zahlreiche Juden wurden in Haft genommen. Amerika. C. H. New-Aork, im Oktober. George A. Ko Hut, -der Sohn des bekannten Lexikographen Alexander Kohut, ist als Rabbiner nach Dallas, Texas, berufen worden. — Herr At.kinson, Präsident der Advokatenkammer in Michigan, hat seine von. mir kürzlich gemeldete Beleidigung der jüdischen Rechtsanwälte in einer öffentlichen Erklärung bedingungslos zurückgenommen. — Der Konvertit und Judenmissioyar Herzfeld in Syraeuse, New-Jork, baut große Hoffnungen auf den Basler Zionistenkongreß. Nach seinen Berichten werden bereits herrliche Marmorsäulen, für den zu erbauenden Tempel in Jerusalem in Italien hergestellt. Was mit der Omarmoschee geschehen soll, hat Herzseld nicht mitgetheilt. — Der jüdische Soldat Steinberg in Fort Reno im Territorium Oklahama verwundete seinen Kameraden Cruzon, einen Halbblutindianer, durch einen Schuß ins Bein, weil ihn dieser durch Verhöhnung seines Judenthums gereizt hatte. — In Washington starb am 15. d. M. Henry Ring jr. im 63. Lebensjahre. Er war ein gebürtiger Badenser und seit Jahren in Washington ansässig, wo er in jüdischen Gemeinde- und Logenkreisen eine hervorragende Stellung einnahm. — Der Ausschuß zur Wahrung der politischen Rechte der Juden hat gegen die von dieser Zeitung gemeldete Abschiebung des österreichischen Antisemiten Karl Mittermayer bei dem Einwanderungskommissar Powderly einen Protest überreicht. Dem Mittermayer soll die Landung untersagt.werden. Die regelmäßigen Neujahrsprozesse haben ihren Anfang genommen. Die russische Gemeinde Bnai Jacob in dem benachbarten Brooklyn brachte bei der Polizei die Klage ein, daß acht ihrer ehemaligen Mitglieder, unzufrieden mit der Ernennung des Vorbeters, denselben und den Sekretär-der Gemeinde'mit dem Tode bedroht hätten. — Am 14. September starb in Philadelphia Jacob Sulzberger, 4 - ein Btüder des Richters Meyer' Sulzberger', ein in jüdischen Kreisen sehr angesehener Mann. — Am 15. September starb auf seinem Landsitze zu Pleäsantville, New-York, David H ay s, der Nachkomme einer der ältesten jüdischen Familien Amerikas. Seine . Vorfahren waren im 17. Jahrhundert aus Holland eingewändert, und fein gleichnamiger Großvater hatte.im Unabhängigkeitskriege gekämpft. Non Nah und Fern. ---- Als Chefarzt des städtischen Hilfskrankenhausesin der Gitschiner Straße wurde Universitätsprofeffor Dr. Litten vom Magistrat gewählt. — Der Privatdozent Dr. Max Friedländer ist zum'Direktorial-Assistenten. bei den königlichen Museen in Berlin ernannt worden. — Dem Schriftsteller und Uebersetzer Kammerrath Emil Jonas ist vom König Oskar von Schweden die Jubiläumsmedaille verliehen worden. — Dr. med. Jakob Ruhemann in Berlin ist von der Gesellschaft der Aerzte in Wien durch den Goldberger-Stistungspreis für die Lösung der Aufgabe: „Ist Erkältung eine Krankheitsursache und inwiefern?" ausgezeichnet worden. Es ist dies der zweite Preis, den Dr. Ruhemann für wissenschaftliche Leistungen erhält. 1891 ertheilte ihm die Huseland'sche Gesellschaft für eine Schrift über, die Influenza den Alvarengapreis. — Wegen Vergehens gegen die Religion, und zwar .gegen die jüdische, wurde von der Strafkammer in Königsberg i. Pr. der Zimmergeselle Julius Neumann zu drei. Lagen Gefängniß verurtheilt. Er hatte im Sommer d. I. in der Synagoge Zimmetarbeiten ausgeführt. Da diese sehr mühsam wären, ärgerte er sich und machte seinem Groll, als er das Gotteshaus verließ, in sehr unwürdiger . Weise Luft; er rief nämlich dem bereits zur Andacht Versammelten mit lauter Stimme ein Lästerung zu. Das Gericht belehrte ihn darüber, daß der §. 166 des Reichsstrafgesetzbuches auch den Israeliten Schutz gewährt. — In Hagenau (Elsaß) starb am 19. v. M. der dortige Rabbiner Bloch. Ter Entschlafene hat lange Jahre die Rabbinerstelle in Hagenau verwaltet. Er war ein geachteter und allgemein beliebter frommer Mann. — Am 22. v. Mts. fand im Palais des Ritters von Gutmann in Wien ein erhebendes Familienfest statt, indem das erste Kind seines Schwiegersohnes, des Grafen Victor, und seiner Tochter, der Frau Gräfin HeleNe di Corrobio, in den Bund Abrahams ausgenommen wurde. — Der Präsident der israelitischen Religionsgemeinde Karlsburg, Großgrundbesitzer Adolf JönLs, wurde „in Anerkennung seiner um das Gemeindewohl und die öffentlichen Angelegenheiten erworbenen Verdienste für sich sowohl als für seine Nachkommen in den erblichen ungarischen Adelsstand mit dem Beiworte „von Berve" erhoben". — Nach den jetzt gedruckt vorliegenden Ergebnissen der Volks-. ' zählung in Bosnien und Herzegowina gab es am 22. April 1895: 37 445 römisch-katholische, 22 901 orientalisch-orthodoxe, 3369 evangelische und 2527 israelitische österreichisch-ungarische Staatsangehörige. — In Amsterdam verschied im. 79. Lebensjahre Mos.es de Lima, langjähriger Vorsitzender der Pekidim und Amarkalim.der israelitischen Gemeinden des heiligen Landes, der seine Kraft und Zeit hauptsächlich palästinensischen Angelegenheiten widmete. — Bei der Ausstellung in Brüssel hat die „Gesellschaft israelitischer Mütter" daselbst, die unter dem Vorsitz der Baronin Lambert - Rothschild steht, die goldene Medaille erhalten. — Die Königin von England hat dem Lord Mayor .von London, Sir George Faudel-Philipps, das Großkommandeurkreuz ihres höchsten indischen Ordens, verliehen. — Der 88jährige Gladstone sagt in einem vom 19. Oktober datirten Schreiben an den Mitarbeiter der Wiener „N. Fr. Presse" Dr. Sigmund Münz : „Sie haben meine volle Sympathie in der Frage des Antisemitismus " — Der Sultan hat vierzig jüdischen Soldaten aus Saloniki die Tapferkeitsmedaille für den letzten-Feldzug verliehen. — Der Direktor des antisemitischen Journals.. „L'Antijuif" in Algier, Rügis, wurde zu 300 Francs, der Verleger. Filippi zu 600 Francs Geldstrafe, Beioe außerdem zu 300 Francs Schadenersatz und Publikation des Urtheils verurtheilt. — Frau Baronin Hirsch hat 850 000Mark für ei» konfessionsloses Mädchenstift, ferner 420 000 Mark zur Ablösung einer . Hypothek auf dem Hebrew-Jnstitut und Beträge von 1000 bis 2000 Dollars für zahlreiche kleinere Vereine und Institute in Amerika gespendet. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.