Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1897)
- Date
- 1897-10-29
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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WM- WDR $ -V VN schreitungen gegen das Judenthum und die Juden vollinhaltlich anzuschließen und auch ihrerseits diese grundlosen Behauptungen als fcircdj die israelitischen Religions-Vorschriften wie auch durch das im Lause von Jahrtausenden bewährte religiöse und moralische Verhalten der Juden vollkommen widerlegt zurückzuweisen.— An den Justizminister Grafen Gleispach wurde heute eine Eingabe gerichtet, in der sich die jüdischen Rechtspraktikanten in Galizien darüber beklagen, daß sie bei Besetzung von Gerichtsstellen systematisch übergangen und von der Verwendung im Justizdienste prinzipiell ausgeschlossen werdem Im Krakauer Ober-Landesgerichtssprengel sei seit dem Jahre 1886 kein einziger Jude zum Gerichts-Auskultanten ernannt worden In den meisten Fällen wurden, so wird in der Eingabe behauptet, die ablehnenden Erledigungen der Aufnahmegesuche jüdischer Bewerber mit nicht näher bezeichneten „Hindernissen" begründet.. Das Präsidium des genannten Obergerichtes mache auch kein Hehl daraus, daß der Ernennung jüdischer Kompetenten nur ihr Religionsbekenntniß 'im Wege stehe. Nicht viel besser sei es mit den jüdischen Rechtspraktikanten im Lemberger Ober-Landesgerichtssprengel bestellt. Die traurigen sozialen Konsequenzen eines solchen Vorgehens bleiben durch den Umstand unberührt, daß die wenigen Juden, welche bereits richterliche Aemter von früher her bekleiden, theilweise in der hierarchischen Stufenleiter vorrücken, denn es handelt sich hauptsächlich um die Berechtigung der Gesammtheit. für ihre Mitglieder den Zutritt zum Richteramte zu erlangen. Mit Rücksicht darauf, daß das Erwerbsgebiet der jüdischen Bevölkerung von Tag zu Tag immer mehr eingeengt wird, wirke die Verdrängung der jüdischen Kandidaten aus dem Justizdienste auch auf die ökonomischen Verhältnisse entsprechend zurück. — Die Stadtvertretung von Szo lnok hat einen bemerkenswerthen Beschluß gefaßt. Die dortige israe^ litische Kultusgemeinde hatte sich an die Stadtvertretung um eine Subvention zur Erbauung einer neuen Synagoge gewendet. Die Stadtvertretunx! beschloß in ihrer Generalversammlung, nachdem der Bürgermeister und mehrere christliche Stadtrepräsentanten das Ansuchen befürwortet hatten^ eine Anleihe von 60 OVO fl. aufzunehmen und diese Summe der israelitischen Kultusgemeinde unverzinslich zur Verfügung zu stellen. — Der bekannte hervorragende Schachspieler Berthold En glisch ist hier nach mehrwöchentlicher Krankheit einer Gehirnlähmung erlegen. Der Verstorbene, ein gebürtiger Schlesier, war einer der eminentesten Vertreter der Wiener Schule und hat zahlreiche erste Preise in London, Hamburg und Wiesbaden. davongetragen. Er gewann auch den ersten Preis im Turnier des -Deutschen Schachbundes zu Leipzig. In London 1883 erkämpfte er den vierten Preis, indem er Rosenthal besiegte. Aufsehen machte es dazumal, als er gleich im ersten Anlaufe den damaligen Weltmeister Steinitz in einer genial ausgedachten Vertheidigung des Steinitz-Gambitsdie dann auch als die beste Widerlegung dieses bizarren Angriffes galH besiegte. In dem von Baron Albert- Rothschild geschaffenen Meisters turnier im vorigen Jahre stand er wieder an erster Stelle. Minder glücklich kämpfte er im Berliner Turnier, aus dem er sich am Schluffe krankheitshalber zurückziehen mußte. Sein plötzlicher Tod kam alleü seinen Bekannten unerwartet. v Non Nah und Fern. j Zum Vorsitzenden des Berliner Anwaltvereins wurde JuMz^- rath Dr. Julian Goldschmidt gewählt. — Dem Armenarzt ich 23. Medizinalbezirk, Sanitätsrath Dr. Marcuse, ist der Charakte^ als Geheimer Sanitätsrath verliehen worden. — Einerder erstes Juden, die sich als Handwerksmeister in Sachsen bewährten und Achtung erwarben, der letzte Obermeister der ehemaligen Messerschmiede-Jnnung in Dresden, Hermann Lewy, feierte am 14. d. Mts. sein 50jährigeE Jubiläum. — Aus einer Zusammenstellung ultramontaner Blätter übet die Parität an den höheren Lehranstalten ersehen wir, daß an de^ 88 höheren Schulen der Rheinprovinz kein einziger jüdischer Lehrer angestellt ist. — Das israelitische Central-WaisenunL Mädchenheim in Ems, in welchem arme Waisenmädchen und -Mädchen armer Eltern Pflege und Erziehung erhalten, wird am, 1. November seiner Bestimmung übergeben. Außer den gegenwärtig in Limburg befindlichen 15 Mädchen sollen noch mindestens fünf andere ausgenommen werden. — Dr. Jonas Bondi ist zum Oberlehrer an -- der . Realschule der israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt a. M. ernannt worden. Den Herren Dr.'Kraeauer- und Dr. SteinharA Oberlehrern an der Realschule der israelitischen Gemeinde, ist der Charakter als Professor beigelegt worden. — Zu den aus Anlaß der Enthüllung des Kaiser Friedrich-Denkmals in Wie s bad en veranstalteten' Festlichkeiten ist auch Herr Bezirksrabbiner Dr. Silberstein in Wiesbaden mit einer Einladung beehrt worden. — Das baierische Btivget pro 1898/9 weist folgenden Posten auf : Zur Aufbesserung des Einkommens gering dotirter Rabbinatsstellen 12 000 Mark und zur Fürsorge für dienstunfähige Rabbiner und deren Relikten 2000 Mark, zusammen für den israelitischen Kultus in Baiern 14000 Mark..— Die Karlsbader sind bekanntlich Winter-Antisemiten. Am 9. d. Mts. fand in Karlsbad eine außerordentliche Hauptversammlung des Karlsbader Turnvereins statt. Hierin wurde mit 64 von 71 Stimmen beschlossen, daß nur Deutsche arischer Abstammung Mitglieder des Vereins sein können. Wir sind sehr gespannt, mit welchem Instrument die Karlsbader Herren die Rassenreinheit feststellen wollen. — Die Fabel von dem ungeheuren Reichthum der Juden wird eigentümlich beleuchtet durch eine Zusammenstellung, welche sich in einem soeben veröffentlichten Werke des Direktors des holländischen statistischen Büreaus, Dr. Falkenburg, über die Armenpflege im Haag findet. Daraus ergiebt sich nämlich, daß z. B. im Haag auf je 1000 Mitglieder jeder Konfession bei den Protestanten 41,7, bei den Katholiken 55,9, bei den Juden hingegen 98,3 Armenunterstützung genießen. — Fräulein Porgös in Paris, welche nächstens Prinzessin Borghese heißen wird, ist nach Rom abgereist, um Leo XIII. zu bitten, sie von den langen Formalitäten des Uebertritts zu dispensiren. „Hoffentlich ist dieser Glaubens-Wechsel der einzige, mit dem die Familie der jungen Braut sich in diesen Tagen zu befassen haben wird," bemerkt dazu ein geistreicher Feuilletonist. — Die Veranstalter der letzten Unruhen in Algier sind bereits vom Korrektionsgericht abgeurtheilt worden. Von den 14 Verhafteten ist nur einer sreigesprochen worden, während die-anderen 13 Strafen von sechs Tagen bis zwei Monaten erhielten. — Die Western Synagoge in London feierte bereits ihr 100 jähriges Jubiläum, denn am 23. Ellul 5*797 wurde sie eingeweiht. Während der Dauer ihres Bestehens hat die Londoner Gemeinde einen Aufschwung genommen, wie ein solcher nur äußerst selten Vorkommen wird. — Rev. Dr. Chotzner in Belfast hat einen Posten am Montefiore College, Ramsgate, angenommen. — Aus Rußland erzählte ein Arzt folgende Geschichte auf der internationalen Lepra- Konferenz: Ein Arzt aus Rostow am Don hatte zum internationalen Aerztekongreß in: Moskau drei aussätzige Kosaken aus einem Dorfe mühsam zusammengesucht, um sie in Moskau den Aerzten vorzuführen. Als er in Moskau ankam, ließ ihn der Stadthauptmann nicht in die Stadt mit seinen drei Patienten unter der Motivirung: „Juden dürfen nicht nach Moskau hinein". Die Patienten waren aber echte Donsche Kosaken! Dann wurde acht Tage lang an alle möglichen Behörden telegrapHirt, bis der Kongreß in Moskau glücklich zu Ende war und der Herr Doktor sich seine Kranken wieder mit in sein Dorf nehmen konnte! — Mr. William N. Cohen in New-Jork ist zum Richter des Obersten Gerichtshofes ernannt worden. — Am 27. v. Mts. starb in New-Jork Bankier David I, Seligmann, Chef des Bankhauses I. und W. Seligmann & Co. Der Verstorbene hat ein Alter von 47 Jahren erreicht. Er war der älteste Sohn des bekannten Bankiers Joseph Seligmann und seit dem Tode desselben Chef des berühmten Bankhauses. Herr Seligmann gehörte dem Direktorium des Am. Museum of Natural History, dem Metropolitan Art Museum und vielen Wohlthätigkeitsanstalten an. — Auf den Goldfeldern in Alaska ist dies Jahr bereits Festgottesdienst abgehalten worden. Aus die Bitte der dort ansässigen Juden hat der Reo. Lewy eine Sepher Thora nach Juncau in Alaska geschickt. — Am 1. Juli wurde in den! ein jüdisches Hospital eröffnet, ein Geschenk, welches Mr. B. Monahem Messa der dortigen Gemeinde zur Erinnerung an das Diamant-Jubiläum der Königin Viktoria gemacht hat. Das Grundstück für das Hospital hat die Regierung dem Spender gratis überlassen und auch bereitwilligst die Ueberwachung durch die Sanitätsbehörde der Regierung zugesagt. Das Hospital hat 10 Betten und dürfte für die dortige jüdische Bevölkerung von 2826 Seelen vollkommen genügen. Druck und Perlag von Rudolf Masse in Berlins ^Verantwortlich-sür.^die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.