Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1897)
- Date
- 1897-10-15
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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GM Üf:: « UW Am 26. v.^M-, am Vorabend des' Neujahrsfestes, fand in Enzersdorf bei Wien die feierliche Eröffnung des neuerbauten Tempels statt. — Der Kaiser hat dem Bezirksarzt in Spital Dr. Salomon P o r g e s das goldene Berdienstkreuz mit der Krone verliehen. — Auf Anordnung des Kaisers wurde .dem Hauptmann-, Rechnungsführer Leopold B ack der Ausdruck der allerhöchsten Zufriedenheit bekannt'gegeben. —In Weißkirchen ist im Alter von 76 Jahren der allgemein verehrte Rabbinats-Affeffor Reiniger gestorben. ö. Budapest, 3. Oktober. Mehr als 200 aus Galizien eingewanderte Haufirer wurden brodlos. Auf Grund des neuesten Statuts wurde ihnen nämlich der Gewerbeschein entzogen, was sie natürlich in eine sehr mißliche Lage brachte, denn die Wenigsten konnten das ungarische Staatsbürgerrecht erwerben. In ihrer bedrängten Lage wandten sie sich an die Pester israelitische Kultusgemeinde mit der Bittet zu ihren Gunsten bei der städtischen Behörde interveniren, zu wollen. Diesem Ansuchen wurde nun in der Weise entsprochen,, daß Paul Tenzer/ ein einflußreiches Mitglied des Gemeindevorstandes und des hauptstädtischen Munizipalausschusses, in der letzten Generalversammlung den Antrag stellte, es möge ausgesprochen werden, daß die Hausirer, welche das Hausirgewerbe bis zum Jahre 1897 betrieben haben, den Gewerbeschein auch in dem Falle erhalten mögen, wenn sie das ungarische Staatsbürgerrecht nicht erworben haben. Der Antrag wurde an den Magistrat zur Begutachtung überwiesen. Hoffentlich wird beim Magistrat die bessere Einsicht zum Siege gelangen, und es wird den armen Hausirern die seit Jahren in Ungarn leben, dieser schwere Erwerb gestattet werden. — Der Allofener Schriftsetzer Leo Frankl spielte bekanntlich als Sozialist zur Zeit der französischen Kommune eine hervorragende Rolle. Die sozialistisch gesinnten Gewerbetreibenden seiner Vaterstadt werden nun dem gewesenen Minister ein Denkmal setzen. Dasselbe — eine Tafel aus rothem Marmor — wird an seinem Geburtshause angebracht. Bei der Enthüllung wird das Ausland durch mehrere Gesinnungsgenoffen vertreten sein. — In Karänsebes wurde der neuerbaute Tempel unter großen Feierlichkeiten seiner heiligen Be^ stimmung übergeben. An der Feierlichkeit nahmen die Spitzen der> Behörden und die ganze Bevölkerung der Stadt theil. Beim Festessen^ welches der Kirchenfeier folgte, ergriff unter Anderen auch OberU Sverenfeld das Wort und führte aus, es gebe in Ungarnüberhaupt' keinen Religionsunterschied, am allerwenigsten im Militärdienste, wo sich die Juden als gute Soldaten bewähren, und auf dem Schlachtfelde wo Juden und Christen in gleicher Weise fürs Vaterland heldenmüthig) kämpfen. Von Nah und Fern. Professor Dr. Hermann Munck, der allgemein als Nachfolger Du Bois Reymonds betrachtet wurde, dann aber dem Utrechter Professor Engelmann Platz machen mußte, hat jetzt eine Art Entschädigung) erhalten, indem man ihn vom „außerordentlichen" zum „ordentlichen Honorarprofessor'" befördert hat. — Dr. Georg Huth, Privatdozent an der hiesigen Universität, ist von seiner im Aufträge der Akademie der' Wissenschaften in Petersburg unternommenen Reife zu den Tungusen) des Jenisseigebietes nach Berlin zurückgekehrt. Sie hat namentlich für. die Kenntniß der bisher fast ganz unerforscht gebliebenen Sprache und Volkslitteratur dieses Volksstammes über Erwarten werthvolle Ergebnisse geliefert. Dr. Huth gedenkt im nächsten Frühjahr seine Forschungenim Amurgebiet fortzusetzen. — Ein Kunstwerk der Klempnerei, vom; Kaufmann Victor Simon in Magdeburg auf der dortigen Ausstellung, präfentirt, wird von allen Besuchern viel bewundert: ein Altarleuchter mit neun Armen für den jüdischen Gottesdienst. Es ist keine Arbeit der Neuzeit, es wurde im Jahre 1832 angefertigt. Zu dieser Zeit hatte man noch keine Ahnung von den großartigen Hilfsmitteln der Neuzeit. Nach jetzigen Begriffen arbeitete man damals mit primitiven Werkzeugen. Es bekundet große Geschicklichkeit, eine solche Arbeit mit mathematischer Genauigkeit herzustellen. Eine eingravirte hebräisch^ Inschrift lautet übersetzt: „Dieser Leuchter nebst Schrift ist angefertigW vom Klempnermeister Moritz Simon, Güsten 1832." Eigenthümer des Meisterstückes ist der Sohn des Verfertigersder obengenannte Kaufmann Victor Simon. — In Breslau ist ein Kursus für jüdische Geschichte'und.Litteratur seitens der Gemeinde eingerichtet worden,an. dem Knaben und Mädchen über 13 Jahre gegen ein mäßiges Entgelt theilnehmen können. Den Unterricht ertheilen die beiden Gemeinderabbiner Dr. Guttmann und Dr. Rosenthal. — Die „Deutsche. Volksmacht" der Abgeordneten Hirschel und.Köhler in Hessen, das, Organ des mitteldeutschen Bauernvereins, bringt in ihrer Nummer vom 2. Oktober zwei lügnerische Behauptungen. Sie sagt, .in dem Prozeß der Marie Gerdes habe ein Jude eine, sehr erbärmliche Rolle gespielt. s Thatsächlich ist der Einjährige Reibenstein christlich-germanischer Abstammung. Ferner wird der Geliebte der Prinzessin Chimay, der Zigeuner Rigo, zum Juden gestempelt! In der betreffenden Notiz heißt es, daß die Judenpreffe systematisch den Volksgeist vergifte. Soll die „Jüdenpreffe" sich etwa Lügenblätter vom Schlage der „Deutschen Volksmacht" zum Vorbild nehmen? — Am 18. Oktober begeht Herr Laub h eim das Fest seiner 25 jährigen Amtsthätigkeit als Lehrer und Prediger, der Synagogengemeinde Bochum. Die Festpredigt wird Herr Dr. Coblenz-Bielefeld halten. — Die Königlich baierische Akademie der Wissenschaften hat dem ordentlichen Professor der Mathematik an der Großherzoglich technischen Hochschule in Darmstadt, Herrn Dr. Gundelfinger, für die sehr verdienstliche Mithilfe bei der Herausgabe von Ludwig Otto Hesses „gesammelten Werken" die goldene akademische Denkmünze „Bone merenti“ verliehen. — In Wiesbaden feierten Herr Sam. Tuch und Gemahlin das Fest der goldenen Hochzeit unter allgemeiner Theilnahme in der Synagoge. Bezirksrabbiner Dr. Silberstein, der in seine Predigt eine Ansprache an das Jubelpaar einflocht, gab ein Lebensbild des Letzteren und verlas ein huldvolles Schreiben aus dem Civilkabinet der Großherzogs von Hessen, worin die Glückwünsche sowie das Bild des Landesherrn mit dessen eigenhändiger Unterschrift übermittelt wurden. — Herr Geh. Reg.-Rath Prof. Dr. M. Lazarus ist wegen asthmatischer Beschwerden nach Meran, Tirol, übergesiedelt undwird in nächster Zeit nur noch auf Bortragsreisen nach der norddeutschen Heimath kommen. — In Amersfoort (Holland)wurde N. Visser einstimmig zum Vizebürgermeister gewählt, erklärte aber, auf die Ehre verzichten zu müssen, weil der Stadtrath seine Sitzungen am Sonnabend abhalte. Um es Herrn Visser zu ermöglichen, dies Amt doch anzunehmen, bestimmte der Stadtrath, daß künftighin die Sitzungen am Montag stattzufinden haben. — Aus London meldet man: Die Israeliten Londons werden ihrem Glaubensgenossen, dem gegenwärtigen Lordmayor Faudel Philipps, bei seinem demnächstigen Scheiden aus dem Amte sein vom Akademiker S. I. Solomons gemaltes Oelbild schenken. — Wie man aus Petersburg schreibt,- hat der Zar angeordnet, daß in den Gouvernements Cherson und Jekäterinoslaw von dem enormen ärarischen Grundkomplexe Ländereien an Israeliten zu geringen Pachtzinsen vergeben werden, um dem Nothstande, in dem sich die arme jüdische Bevölkerung im Süden des Reiches befindet, abzuhelfen. Dagegen hat sich wieder die Majorität der Petersburger und Moskauer Advokaten gegen die Zulassung jüdischer Rechtsanwälte bei den Bezirksgerichten der Kammern von Moskau und Petersburg ausgesprochen. — Aus Kowno wird gemeldet: Kaufmann Samuel Schapira, der als Krösus des Bezirkes Kowno galt, fuhr nach Kielmy, wo er in einem Finanzinstitute einen größeren Betrag einkassirte und sodann in einem Privathause übernachtete. Während des Schlafes ryurde er von neun vermummten Männern überfallen und von einem derselben durch einen Revolverschuß getödtet. Dank den eifrigen Nachforschungen gelang es der Sicherheitsbehörde, die Missethäter, welche die Habseligkeiten und Kostbarkeiten des ermordeten Kaufmannes unter sich vertheilt hatten festzunehmen. Die verhafteten Verbrecher gestanden, daß sie einer Räuberbande, die seit Jahren das Gouvernement Wilna unsicher machten, angehören. Die Räuberbande unternahm auch Raubanfälle in den Eisenbahnwaggons. — In Algier kam es. aus einem Kirchhofe am 1. d. M. zu antisemitischen Ausschreitungen. Gensdarmerie, und Truppen trieben die Ruhestörer auseinander; die Polizei verhaftete 18 Personen, 2 Personen wurden schwer verletzt. Die Ruhe ist wieder hergestellt. — Auf Veranlassung des Rabbiners,Dr. Krauskopf in Philadelphia wird eine Zählung der jüdischen Bauern in den Vereinigten Staaten veranstaltet, sowohl der Kolonien, wie der einzeln lebenden Farmer unseres Glaubens. . Krauskops erwartet, daß die Zählung viel höhere Ziffern ergeben wird, als man gemeinhin hier annimmt. '/Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.