Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1897)
- Date
- 1897-10-08
- Page
- Seite 485 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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gründlich für einen Erwerb vorzubereiten, vermeiden thunlichst jede körperliche Anstrengung, die als „grobe Arbeit" verpönt ist, und suchen Stellen, diediese Vorbedingungen auch noch mit der Möglichkeit verbinden sollen, jederzeit von dem Beruf in die Ehe zu springen. Daher der große Zudrang der jüdischen Mädchen zur Schneiderei, zum Putzmachen, zum Ladendienst und zu „Kinderfräuleins", die die schlechteste Lohn- und zum Theil auch Moralitätsstatistik aufweisen, und daher auch die geringe Vorliebe für die Krankenpflege und Haus- und - Küchenarbeit, Erwerbszweige, die vorzüglich bezahlt werden und geschützte und gesicherte Lebensstellungen bieten. ' Es erübrigt nun nur noch, aus diesen Betrachtungen den einfachen Schluß zu ziehen. Die gebildete jüdische Frau lasse jene Bewegung, die zum Wöhle der Nationen diej Frau der Untätigkeit zu entreißen sucht, nicht unbemerkt an sich vorübergleiten. Der Wunsch, zum Besten Vieler beitragen zu können, führe sie in die Reihe der Arbeiterinnen und sie weihe Herz und Kopf solchen Veranstaltungen und Schöpfungen, die dazu bestimmt sind, der Wohlfahrt zu dienen, seien es nun Haushaltungs- und Kochschulen, Volkskindergärten oder Flickschulen. Volksküchen oder Stätten zur Heranbildung von Krankenpflegerinnen. Ein weites Arbeitsfeld für jede Frau! Macht sie sich auf irgend einem Gebiete desselben wirklich nützlich, dann trägt jede einzelne Frau das Ihre dazu bei, die Frauenfrage als einen Theil der sozialen Frage einst zu glücklicher Lösung zu führen. Eine Heimstätte der Humanität. *^ie Philanthropen verlangten neben der Ausbildung des Gefühls hauptsächlich die Bildung des Verstandes und der Urteilskraft. Ihre Bestrebungen gipfelten in dem ideal-schönen Ziel einer allgemein menschlichen Erziehung. Basedow spricht es aus und verwirklichte es in dem Philanthropin zu Dessau: „Die Jugend soll von allem Vorürtheil, von dem Religiöns- und Konfessionsunterschied befreit werden." Der Glaube an Gott, den allgemeinen Vater der Menschheit, soll in den Zöglingen -erweckt werden. Welch eine sschlichte Größe in der Auffassung höchster Ziele spricht aus diesem wunderbaren Männe, von dem Goethe sagte: „Er verstand es, die Herzen und die Beutel der Menschen aufzuschneiden." Blicken wir -am Ende des Jahrhunderts zurück auf jene Zeck so müssen wir wunden Herzens bekennen, wie weit wir hinter jenen Forderungen zurückstehen. 'Wir erleben es leider immer von Neuem, daßlder ^Gegensatz der Konfessionen in Schule und Erziehung, ja selbst von Seiten der Behörde betont wird. Zur Zeit Basedows sahen es Fürsten und andere vornehme Leute als eine glänzende Aufgabe ihres.Lebens an, Philanthropine, Stätten wahrster Menschlichkeit,^mit Herz und Hand zu unterstützen und zu fördern. Und heute hören wir von Anordnungen, die darauf gerichtet sind, die Thätigkeit jüdischer Lehrer an Silmultanschulen auf das Nothwendigste zu beschränken; da hören wir von einer österreichischen Stadtverwaltung, die armen begabten Kindern die Freischule entzieht, weil sie Juden sind. Erhebend und trostspendend wirkt es auf uns, wenn uns auch heute wahrhaft edle Stiftungen, die eine Fortsetzung jener Philanthropine genannt werden können, bekannt werden. Zu dieser einleitenden Betrachtung veränlaßte uns der erste Jahresbericht der Rudolf Mosse'schen Erziehungsanstalt zu Deutsch-Wilmersdorf. Sind doch schon die Anfangsworte von dem Geiste echtester Menschenliebe durchweht : „So wie das Schicksal seine Opfer nicht nach dem Glauben sucht, sondern die Anhänger aller Religionen gleichmäßig trifft, so werden in dieser Anstalt, die den Bedrängten Hilfe verspricht, alle Kinder mit gleicher Liebe ausgenommen und erzogen." Und wahrlich, wir alle können es bezeugen, daß die Verschiedenheit^ der Konfessionen dort nichts Trennendes und Entfremdendes hat. Alle Kinder betrachten sich als Geschwister,, alle stehen den Erziehern k gleich nahe, und .diese hoffen, in ihnen ein Geschlecht heranwachsen zu sehen, das draußen im Leben einstmals diese Grundsätze verwirklichen und bethätigen soll. Es dürfte die Leser vielleicht interessiren, Näheres aus dem ersten Bericht zu erfahren. Die Anstalt wurde Ostern 1895 mit 91 Zöglingen. 47 Knaben und 44 Mädchen, eröffnet. Nach den Bestimmungen des Stifters sollen einige der 100 in der Anstalt geschaffenen Plätze für außergewöhnliche Unglücksfälle nach Möglichkeit offen bleiben, doch erfuhr die Anzahl der freigehaltenen Stellen eine immer weitere Verminderung, weil den Aufnahmegesuchen, die von den bittersten Nothlagen der zur Berücksichtigung empfohlenen Kinder zeugten, nur in beschränkter Zahl Entlassungen gegenüberstanden. Infolgedessen begann das dritte Jahr /mit 50 Knaben und 49 Mädchen. Unter den Zöglingen sind 51 evangelisch, 40 jüdisch und 5 katholisch. Der Direktor der Anstalt ist Herr Dr. Georg Heinitz. der vorher Lehrer und Erzieher an der Jakobsonschule in Seesen am Harz war. Außer dem Direktor wirken in der Knabenabtheilung als Lehrer und Erzieher Herr Kand. theol. Gustav Müller, evang., ferner Herr Elias Witt, jüd. Der Mädchenabtheilung und der ganzen Hauswirtschaft steht Fräulein Ottilie. Brömmel, evangelisch, vor. Das Amt der Erzieherinnen bekleiden die beiden geprüften wissenschaftlichen Lehrerinnen Fräulein Marianne Neumann, jüdisch,- und Fräulein Emma Kohwalt, evangelisch. Die staatliche Aufsicht wird von der königlichen Regierung zu Potsdam geführt. Der Gesundheitszustand war, bis auf eine im September 1896 stattgehabte Diphtheritisepidemie, ein zufriedenstellender. Als Anstaltsarzt wirkt Herr Dr. Litthauer. Der Bau der Anstalt erforderte einen Kostenaufwand von 432 000 Mark. Der Grund und Boden ist mit 132000 Mark berechnet, somit betragen die Gesammtkosten 595 000 Mark. Die Ausgaben der beiden ersten Betriebsjahre betrugen 1895/96 63 618 Mark, 1896/97 67 203.97 Mark. Am 31. März dieses Jahres befanden sich in der Anstalt 96 Kinder, nämlich 49 Knaben und 47 Mädchen, von denen 51 evangelisch, 40 jüdisch und 5 katholisch waren. Es. waren die Kinder von 41 Kaufleuten, 2 Fabrikbesitzern. 5 Buchhändlern, 3 Handwerkern, 13 Landwirthell, 5 Künstlern, 6 Schriftstellern, 7 Professoren und Lehrern, 3 Geistlichen, 4 Aerzten, 4 Bau- und Maurermeistern, 3 Staatsbeamten. Nach ihrer Heimath vertheilen sich die Zöglinge wie folgt: Brandenburg 42, Ostpreußen 8, Westpreußen 6, Pommern 4, Posen 7, Schlesien 8, Provinz Sachsen 4, Rheinprövinz 2, Hessen-Nassau 2, Baiern 3, Königreich Sachsen 3, Braunschweig 2, Sachsen-Weimar 1, Schwarzburg-Sondershausen 1, Elsaß-Lothringen 2. Hamburg 1. Die Knaben sollen sich nach Erwerbung des Berechtigungsscheines zum einjährig-freiwilligen Dienste dem Kaufmannsstande oder der Landwirthschaft, dem Handwerk, der Technik oder der Beamtenlanfbahn zuwenden. Damit ist nicht ausgeschlossen, daß in Ausnahmefällen besonders veranlagte Zöglinge auch auf anderen Gebieten weiter ausgebildet werden. Die Mädchen sollen für