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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-10-01 · Heft 40 (1.10.1897) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 40 (1.10.1897)
Date
1897-10-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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61. Jahrgang. Nr. 40. Kexlin, 1. Oktober 1897. Gin unparteiisches Organ für alles Mische Interesse. Begründet von Nabbiner Dr Ludwig Philippson-Konn. Verlags-Wrpedition: Berlin, Lerulalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!.3 M. Redacte,rr: Gustav Karpeles. 3tt!)(tlt« Leitartikel: Zum Versöhnungstage. — Die Woche. — Der deutsch-israelitische Lehrerbund und seine Gegner. Von Dr. M. Spanier. — Aus Ostpreußen. — Ein israelitisches Blindeninstitut. Von Dr. I. Moses. — Was ist uns nöthig? — Das Iudenthum als Fortschrittsprinzip. Von Dr. A. Eckstein. — Feuilleton: Nathanaja. Novelle von Carl Weil. — Litterarische MittheUungen. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Steglitz, Memel, Wandsbeck, Marburg, Karlsruhe, Stuttgart, Wien, Kiew. — Von Nah und Fern. Zum Nersöhiiungstagc. Berlin, 29. September. fie alten Weisen sagen: Drei Pforten giebi es, die zur Hölle führen, die eine ist in der Wüste, die andere aui Meere, die dritte mitten in Jerusalem. Es ist nicht leicht möglich, in einen kurzen Satz mehr des Rätselhaften znsammenzudrängen, als hier die Weisen thun. Hölle ist ein oft gebrauchtes Wort, aber eines von denen, das da sich einstellt, wo die klaren Begriffe fehlen.. Zu einer Zeit, wo man schon gegen den eines Verbrechens Verdächtigen Folterqualen für erlaubt hielt, wo man Über den Schuldigen nicht nur den Tod verhängte, sondern mit grausen Martern den Schmerz des Todeskampfes steigerte, in einer solchen Zeit hat die erregte Einbildungskraft sich die Hölle als eine ungeheuere Folterkammer vorgestellt. Die jüdische Justiz hat nie die Tortur in ihrem Rechtsverfahren angenonlmen und auch nie dem Sünder, über den sie zur Sühne seiner Schuld den Tod verhängte, zu den Qualen des Gewissens, zur Angst vor dem Jenseits noch die Peinigung des Körpers hinzugefügt. So "haben auch schon die hervorragenden Denker des jüdischen Alterthums jene rohen Vorstellungen von der Hölle als einer Stätte, wo die Bösen in Feuersgluthen ihre Sünden büßen,, abgelehnt. Da lesen wir im Talmud: „Es giebt keine Hölle im Jenseits, sondern Gottes Antlitz strahlt wie eine Sonne, die Gerechten werden durch diese Strahlen geheilt, die Bösen werden durch sie gerichtet"; d. h. die Erkenntniß Gottes, die den Seelen in jener höheren Welt aufgeht, ist den Guten, die auf Erden schon Gott vor Augen hatten, eine Quelle der Freuden, der Genugtuung, daß sie ihm nachgewandelt sind, als noch ihr körperliches Sein wie ein Schleier um ihren Geist sich legte, als noch die Bilder irdischen Genusses sie vom Pfade der Tugend zu verlocken trachteten; die Bösen aber empfinden tief schmerzlich den Vorwurf, daß sie Gott auf Erden nicht erkannt haben, da er aus Sonne und Sternen und aus dem eigenen Gemüthe ihnen entgegenflammte.. Himmel und Hölle, wir tragen sie vor und nach unsermTode in unserer eigenen Seele, die Seele schafft uns. den Himmel auf Erden, den innern Frieden, der uns. im Priestersegen als die Vollendung, als die Krone des Lebens verheißen wird, so wir fromm als Boten Gottes unter die Leidenden und Gedrückten treten und die Wunden verbinden und die Schmerzen lindern; und unser Gewissen straft uns bei Tag und Nacht, wenn wir in feiger Selbstsucht unsselbst verloren haben. Drei Thore giebt es zur Hölle, in der Wüste, am Meere, in Jerusalem, d. h. aller Orten, in der Oede, in der Einsamkeit und im Lärm der Großstadt öffnet sich unversehens die Pforte, durch die du herniedersteigst in Nacht und Grauen, wo eine Sünde zugleich deine Strafe wird, wo dein Gewissen ständig die Gluthen schürt, in denen du dich verzweifelnd windest. ... Drei Pforten giebt es zur Hölle. Die eine ist in der Wüste! Die Wüste ist das Sinnbild der Entsagung. Da gab es Menschen, die Pein und Kasteiung ihrem Körper auferlegten, die alle Lust der Welt von sich stießen, die in der Einsamkeit lebten, und die Welt verehrte diese Büßer wie Heilige und wallte zu ihnen, um ihre Fürbitte bei Gott zu erflehen, und traute ihnen die Kraft zu, Wunder zu thun und Heil und Genesung in ihrer Hand zu haben. Das scheint uns der gerade Weg zum Himmel, diese Wüste ist das Thor Gottes; nein, sagen die Alten, diese Wüste kann auch die Pforte zur Hölle sein, denn so wunderlich ist der Ehrgeiz der Sterblichen, daß sie sich plagen und kasteien, nur um unter ihren Genoffen für etwas Großes und Besonderes zu gelten; ihm ist es nicht Ernst mit dieser Weltflucht, sondern mit diesem Verzicht auf allen Genuß spielt er eine Rolle vor den Leuten, täuscht er sie durch den Schein der Heiligkeit, lechzt sein Herz nach dem Ruhm eines Heiligen, von dem er doch weiß,-daß er ihm unverdient gezollt wird. Und diese Lüge macht ihm das Dasein zur Hölle. ( Die Welt verehrt ihn, aber er muß sich verachten, und dennoch ist er so sehr ein Sklave seines Ehrgeizes, daß er die Maske des Truges nicht von sich werfen kann. Er hat den Ehrgeiz, ein Heiliger zu sein, in der Wüste der Entsagung zu leben.. So geht er an Leib und Seele zu Grunde. Vor allem aber ist am Meere die Pforte der Hölle. Das Meer ist das Sinnbild der Fülle, der stürmisch wogenden Lust; gern lassen wir uns tragen und wiegen von den Fluthen der Freude, gern möchten wir das Leben genießen; aber der Kelchs des Genusses darf nicht bis zum Grunde geleert werden, auf, seinem Boden ist die Hefe, die uns das Dasein vergällt, und vergiftet, dieses Meer verschlingt uns und wirft uns in den Abgrund, wenn. wir nicht auf festgebautem Schiffe besonnen das Steuer führen. Ist es nicht eine Hölle, wenn unser Lebensschifflein zum Wrack geworden ist, wenn die : Masten zerbrochen sind, und es .steuerlos umherirrt auf den Wogen? Wie nagt der Vorwurf, daß im Genuß Körper und Geist müde' und elend geworden sind. Darauf beziehen die Alten das Wort des Propheten Jona : Aus der Mitte-der Unterwelt bete ich zu Dir.

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