Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1897)
- Date
- 1897-09-17
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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4 Nothlage so vieler armer Kranken die schleunigste Fertigstellung des Baues dringend gebietet, und um dies nach unseren Kräften zu erreichen, haben wir so viele Arbeiter beschäftigt, als uns der Raum und die Verwendung erlaubt. Am Sonntag den 17. Menachem Ab (15. August) waren außer dem jüdischen Baumeister Jacob Mann, den 2 jüdischen Aufsehern, dem Architekten Theodor Sandel und seinem Adjunkten 74 Arbeiter beschäftigt (52 Juden und 22 Nichtjuden, letztere meist Mohamedaner), im Laufe der Woche ist die Zahl derselben ans ungefähr 90 erhöht worden. Es gewährt einen erfreulichen Anblick, den größten Theil der Arbeit, nicht nur die körperlich schwere, wie das Schleppen der Steine von einem Ende des ausgedehnten Terrains zürn anderen, das Ausstößen der Bohrlöcher für die Sprengung rc., sondern auch diejenige, welche zugleich mit der Anstrengung geistige Ueber-. legung erfordert, wie das passende Zertheilen des Felsblockes, das Zurechthauen der kubischen Bausteine, die richtige Behauung der Steine, welche als Fassung für die Thüren und Fenster dienen sollen, alles dies von Juden, und zwar auch von solchen mit langen „Peioth", ausgeführt zu sehen. Nichts kann mehr die alte und ewig junge Legende von der Faulheit der hiesigen Einwohner Lügen strafen, als daß diese Leute in einer Sonnengluth, die uns noch unerträglich ist, unverdrossen arbeiten, während sie doch kaum mehr Zeit hatten, sich an diese Gluth zu gewöhnen, als wir Europäer, denen solche Arbeit unerträglich erscheint. Daß so schon jetzt und in Zukunft wohl noch mehr armejüdische Arbeiter durch die Beschäftigung beim Bau ihren und ihrer Angehörigen Unterhalt gewinnen, sich aus den Steinen gleichsam „Brod" aushauen, ist, wie ich schon früher betonte, der erste und nicht der kleinste Segen, den das neue Hospital noch vor seiner Vollendung für die hiesigen Einwohner schafft. Um ein Mißverständniß zu vermeiden, sei darauf hingewiesen, daß es nicht etwaan arbeitslosen jüdischen Arbeitern hier mangelt oder die übrigen Beschäftigung scheuten, so daß wir zu nichtjüdischen Arbeitern rekurrireu mußten, es bilden aber einzelne Arbeiten, wie Sprengen rc-, durch Gewohnheit gleichsam das Privileg der letzteren, auch zählen letztere einige hervorragende Meister oder durch Körperkraft Ausgezeichnete, deren Mitwirkung vortheilhaft ist. Es, wird selbstverständlich stets unsere Aufmerksamkeit daraus gerichtet sein, die jüdischen Arbeiter, deren Nothlage ungleich schwerer ist als die der nichtjüdischen, welch letztere bei den von Kirchen und Klöstern ausgeführten Bauten leichter Beschäftigung finden, thunlichst zu berücksichtigen. Zu bemerken ist noch, daß der Spitalbau gegenwärtig die einzige Gelegenheit darstellt, bei der jüdische Arbeiter in größerer Zahl Beschäftigung finden können. Es ist zugleich ein Zeichen der traurigen sozialen Lage der jüdischen Einwohner Jerusalems, daß nur wenige Häuser von jüdischen Eigenthümern neu gebaut werden, und nur bei diesen kann noch eine ganz kleine Zahl jüdischer Bauhandwerker Beschäftigung finden. Gebe der Allgütige, daß ich Ihnen den regelmäßig günstigen Fortgang der Arbeit und in kürzester Frist die Vollendung des Baues melden kann. Non Nah und Fern. — Zum Oberlehrer am Andreas-Realgymnasium ist vom Magistrat der bisherige wissenschaftliche Lehrer an der 8. Realschule, Gemeindelehrer Dr. Lasch, gewählt worden. — Die Erlaubniß zur Annahme der kaiserlich russischen goldenen Medaille am Bande des St. Wladimir- Ordens hat der Kaufmann Adolf Segall erhalten. — Der Hofcellist Heinrich Grün seid hat den St. Annenorden dritter Klasse vom Kaiser von Rußland erhalten. — Auch aus Gnesen berichtet man, daß dort ein Einjährig-Freiwilliger, Wollenberg, am 1. April zum Gefreiten und vor 14 Tagen im Manöver zum Unteroffizier befördert wurde. — Die königliche Landwirthschaftsschule in Samter wird zur Zeit von 39 jüdischen Schülern besucht. — Aus Memel wird berichtet, daß die Ausweisung der dortigen fremdbürtigen jüdischen Familien redressirt wurde, so daß die Betroffenen unbehelligt dort bleibend dürfen. — Für das in Köln zu bauende Lehrlingsheim hat durch Vermittelung des Rabbiners Dr. Frank und der Alliance Israelite Universelle Frau Baronin Hirsch 25 000 Mark bewilligt. — Dr. Ludwig Rosen-' thal, seither Rabbiner der israelitischen Religionsgesellschaft zu Mannheim, wurde zum zweiten Rabbiner in Köln gewählt. — Gelegentlich der derzeitigen Anwesenheit des Prinzregenten Luitpold in Aschaffenburg erhielt Distriktsrabbiner Bamberger durch das königliche Oberhofmarschallamt die Einladung, „in Amtstracht" zu erscheinen, und wurde bei dem nach der Hoftafel stattfindenden Cercle vom Prinzregenten mit einer huldvollen Ansprache beehrt —, Bei seiner Anwesenheit in der Synagoge zu Nürnberg erzählte Kaiser Wilhelm, daß er auch die Altneuschul in Prag und den dortigen jüdischen Friedhof bereits früher einmal besucht habe. — In Karlsbad hat der dortige Kapellmeister Pleyer ein von. der Kritik sehr gerühmtes Musikstück: „Hebräische Melodien" von Oberkantor M. Rosenhaupt iu Nürnberg, mit großem Erfolge ausgeführt. — Der bekannte jüdische Maler David Bl es in Amsterdam hat die junge Königin im Aufträge ihrer Mutter gemalt. Das Bild wird sehr gelobt. — Herr D. L. Leao Laguna, Gefängnißsekretär in Amsterdam, und M. Henriquez Pimentel, Rath im Ministerium des Innern, haben hohe niederländische Orden erhalten. — Auch der Großrabbiner von Belgien, A. Bloch in Brüssel, hat einen sehr energischen Protest gegen die Bestrebungen der Zionisten veröffentlicht. — In Paris ist Ernest Javal, der frühere Präfekt des Departements Creuse, im 63. Lebensjahre gestorben. Er war ein Bruder des früheren Deputirten und des berühmten Arztes Javal. — Unter den zum Orientalistenkongreß in Paris anwesenden Gelehrten ist eine große Anzahl von Glaubensgenossen, darunter die Professoren Oppurt, Derenbourg, Halevy aus Paris, Goldzieher aus Budapest, S. Schechter aus Cambridge, L. M Simmons aus Manchester, Professor D. H. Müller aus Wien und Elkan Adler aus London. — In Petersburg wurde ein Centralkomitee zur Errichtung jüdischer Schulen in Rußland begründet. Für diesen Zweck sind bereits 71000 Rubel gesammelt. Der dortigen jüdischen Gemeinde wurde die Errichtung einer Industrie- und technischen Schule von der Regierung gestattet. — Beim Grafen Schuwalow in Moskau, der dorthin von seiner Besitzung Wartemjaj im Petersburger Gouvernement zum Herbstbeziehungsweise Winteraufenthalt gezogen ist, weilt gegenwärtig als Gast der Professor Dr. Zabludowski aus Berlin. Da wird sich aber die dortige Polizei ärgern. — Baron Ferdinand v. Rothschild traf vor Kurzem auf seiner Dampfyacht „Rona" in Helsing fors ein. Nach Mittheilungen der dortigen Zeitungen sandten die dortigen Juden eine Deputation, welche dem Baron die traurige Lage der Juden in Finnland, insbesondere den schlechten Stand der Schulen und Synagogen schilderte. Rothschild sagte seine Hilfe zu. — Im Militärhospital zu Athen befindet sich ein jüdischer Soldat, Giuseppe Misan aus Korfu, der im jüngsten Kriege der erste verwundete Soldat war, an dem eine Amputation vorgenommen werden mußte, da eine Kanonenkugel ihm einen Fuß zerschmettert hatte, der ihm dann gänzlich abgenommen wurde. Der Verwundete erfreute sich während seines Siechthums des besonderen Wohlwollens der Königin Olga und der Kronprinzessin Sophia, die oft an seinem Krankenlager erschienen. Misan wird nächstens, mit einer königlichen Pension versehen, nach seiner Heimathsinsel zurückkehren. Andere verwundete israelitische Soldaten befinden sich im griechischen Militärspitale zu Arta, da das Korfuer Regiment, dem fast die meisten griechischen Israeliten angehörten, blos auf den Schlachtfeldern von Epirus ins Feuer kam. — Aus Persien kommen wieder Hiobsposten. In Fars hat Sayd Abdul Hussein den dortigen Juden, 250 an der Zahl, die Alternative gestellt: Bekehrung zum Islam oder Tod! Man kann sich die Lage der Unglücklichen denken, in deren Interesse sowohl in London wie in Paris sofort die geeigneten Schritte unternommen wurden. — Jacob Akias ist zum brasilianischen Generalkonsul in Tanger ernannt worden. — Im städtischen Hospital zu Johannesburg sind auf Betreiben einiger angesehener jüdischer Persönlichkeiten jüdische Wärterinnen angestellt, um den Verkehr mit den Kranken zu erleichtern, welche nicht englisch, sondern nur Jargon sprechen. — Der italienische Konsularagent in Mogador, David Sarusi, ist am 20. v. M. daselbst im 71. Lebensjahre gestorben. Das Leichenbegängniß fand unter allgemeiner Theilnahme statt. — In Torento (Kanada) fand die Einweihung einer neuen Synagoge statt. Dieselbe hat 800 Plätze und kostete 40 000 Dollars. Die angebauten Schulräume sind für 180 Kinder berechnet. Rabbiner der Gemeinde ist Rev. A. Lazarus, der seine Studien am Jews College in London gemacht hat. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für.die Redaktion: Max Bauchwiy in Berlin.