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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-09-10 · Heft 37 (10.9.1897) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 37 (10.9.1897)
Date
1897-09-10
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 was Besonderes, zumal wenn ich Ihnen verrathe, daß das Haus nicht viel unter 60 000 Mark zu stehen kommt. Die erste Anregung hierzu verdanken wir — und das muß hauptsächlich betont werden — dem Wohlthätigkeitssinn des auch über das Weichbild unserer Stadt hinaus bekannten hochherzigen Kommerzienrath Heichelheim'schen Ehepaares, das gelegentlich seiner silbernen Hochzeit für diesen Zweck die Summe von 20 000 Mark spendete, wodurch dann vorläufig nur noch die Platzfrage in Erwägung zu ziehen war. Der Bau ist maurischen Stils mit schönem Verputz und präsentirt sich als eine Zierde der Stadt. Im Innern sehr vornehm ausgestattet, birgt er im Parterre eine schöne Wochensynagoge mit circa 100 Sitzplätzen, daran stößt ein hübscher und geräumiger, in moderner Art ausgestatteter Schulsaal, woran sich noch ein Sitzungssaal für den Vorstand und ein Zimmer für andere Zwecke schließen. Wie wir noch anfügen wollen, ist bei uns eine Förderung des religiösen Lebens durch fleißige Benutzung der Wochensynagoge in Aussicht genommen, und auch an Sonnabend-Nachmittagen hält unser Herr Dr. Sander Borträge in der Synagoge über den betreffenden Wochenabschnitt. Sie erfreuen sich reger Theilnahme. Wenn wir uns, bei der Kürze der Wirksamkeit des Herrn Rabbiners am hiesigen Orte, auch noch kein abschließendes Urtheil haben bilden können, so steht doch schon soviel fest, daß er sich bereits viele Sympathien erworben und geeignet erscheint, ein ersprießliches Verhältniß mit seiner Gemeinde herauszubilden. Das gebe Gott! n. Nürnberg, 6. September. Der 2. September 1897 wird ein unvergeßlicher Ehrentag sein für die Kultusgemeinde von Nürnberg. Gelegentlich ihrer nur auf einige Stunden berechneten Anwesenheit beehrten der Kaiser und die Kaiserin, der Prinzregent Luitpold von Baiern, der Prinz und die Prinzessin Ludwig, begleitet von einem glänzenden Gefolge, auch die hiesige Synagoge mit ihrem Besuch. Herr Rabbiner Dr. Ziemlich, umgeben von den Mitgliedern der Gemeindeverwaltung, begrüßte am Eingang des Gotteshauses die Majestäten mit dem traditionellen Segensspruch. Die hohen Herrschaften, welche längere Zeit in der Synagoge verweilten, waren von einer bezaubernden Liebenswürdigkeit. Insbesondere Kaiser Wilhelm zeichnete Herrn Rabbiner Dr. Ziemlich durch eine mit huldvollster Leutseligkeit geführte Unterhaltung aus und verabschiedete sich von demselben mit freundlichem Handdruck. Eine so erlauchte Gesellschaft beisammen dürfte eine Synagoge wohl selten gesehen haben. Oesterreich-Ungarn. □ Wien, 6. September. Wohin die Mischehen führen, hat wieder einmal ein Vorfall gezeigt, der sich diese Woche in Perchtolsdorf abgespielt hat. Der jüdische Arzt Dr. Sonnenschein heirathete ein Christenmädchen, die sich zuerst ganz glücklich fühlte, die Gattin eines geachteten Mannes zu werden; bald aber änderte sich das Bild: durch die antisemitischen Hetzereien wurde auch die Frau aufgehetzt; der jüdische Arzt hatte von seiner Frau und deren Familie die schmählichste Behandlung zu erdulden, und dieser Tage verübte der Schwiegervater des Dr. Sonnenschein auf ihn ein Mord-Attentat, das zum Glück für den jungen Arzt demselben blos eine kleine Verletzung beibrachte. Der Attentäter wurde verhaftet. Derartige Vorkommnisse mögen als warnendes Beispiel dienen. — Der Ministerpräsident hat den Finanzkommiffar Dr. Julius Kohn zum Finanz-Oberkommissar ernannt. — Der Kaiser hat den Privatdozenten und Adjunkten am ersten chemischen Laboratorium der Universität Wien Dr. Josef Herzig zum außerordentlichen Professor der Chemie an der bezeichneten Universität ernannt. — Der Statthalter hat die bisherigen Vertreter der einzelnen Konfessionen im Bezirksschulrath neuerdings auf sechs Jahre in ihrem Amte bestätigt, und zwar u. A. für die israelitische Kultusgemeinde Baurath Stiaßny. — Die tschechischnational-antisemitischen Exzessein Pilsen hatten bereits ihr erstes Nachspiel im Gerichtssaale. Angeklagt war der Tscheche Wenzel Tremr, Zimmermann, 43 Jahre alt und verheirathet, wegen Vergehens des Auflaufes. Er war am 22. v. M. um 8 Uhr Abends während des Vorgehens des Militärs gegen die Rotte der Exzedenten verhaftet worden. Der Gerichtshof verurtheilte ihn zu strengem Arrest in der Dauer von drei Wochen, jede Woche verschärft mit einem Fastentage. — Am 18. August verschied in Karlsbad im 68. Lebensjahre nach kurzem und schwerem Leiden Herr Samuel Klärmann. Seine sterbliche Hülle wurde nach Lemberg überführt, wo zahlreiche Glaubensgenossen seinem Sarge bis zum Friedhofe folgten. Durch lange Jahre leitete Samuel Klärmann die Marcus Bernstein- Stiftung, welche die Hebung und Ausbildung des jüdischen Gewerbestandes zum Ziele hat, mit Eifer und Energie. Er war der intellektuelle Schöpfer und Leiter des von Baron Moritz Hirsch gesegneten Andenkens begründeten Wohlthätigkeitsbüreaus, welches die Nothlage zahlreicher Glaubensgenossen in Ostgalizien linderte und viele erschütterte Existenzen aufrichtete. Bei der Baron Hirsch'schen Schulstiftung, welche für die Förderung des Fortschrittes und der Intelligenz der galizischen Judenschaft so segensreich wirkt, war der Verstorbene als Vizepräses des Exekutivkomitees in hervorragender Weise thätig, und durch das Vertrauen seiner Mitbürger auf den Ehrenposten eines Kultusrathes und seinerzeitigen Vizepräsidenten der Kultusgemeinde berufen, war er um eine strenge Verwaltung und gerechte Vertheilung der Kultussteuerlasten nach Kräften bemüht. Als Vertrauensmann der Regierung zur Berathung des neuen Gemeindestatutes berufen, vertrat er den Standpunkt des maßvollen Fortschrittes, in welcher Richtung er während seiner ganzen jahrzehntelangen öffentlichen Thätigkeit gewirkt hatte. B. Budapest, 1. September. Die ungarischen Zeitungen veröffentlichten Ende August Nachrichten über die abschlägige Erledigung eines Gesuches der israelitischen Landeskanzlei, die sich an die Militärbehörden mit der Bitte wandte, daß die der gemeinsamen Armee angehörigen Rekruten jüdischen Glaubens nicht am 6. Oktober, auf den Heuer der Versöhnungstag fällt, sondern am darauffolgenden Tage einrücken mögen. Die Thatsache, die zu diesen Gerüchten Veranlassung gab, scheint nicht bestritten zu werden, denn die Militärbehörden haben sich dieser Bitte gegenüber ablehnend verhalten. Das gemeinsame Kriegsministerium, dem die Angelegenheit vorgelegt wurde, ordnete aber nachträglich an, daß der Bitte Folge geleistet werde. — Auf Anregung der israelitischen Landeskanzlei, die die Einberufung des Landeskongresses eifrig propagirt, gelang es den Bemühungen des Gerichtsrathes Wilhelm Lippe, den 16. Gemeindedistrikt, dem die Kultusgemeinden im JLsz - Kün - Szolnoker, Heveser und Borsoder Komitate angehören, zu konstituiren. Zum Distriktspräsidenten wurde Gerichtsrath Wilhelm Lippe gewählt.— Die hiesige Friedhossverwaltung kommt ihren Pflichten so lässig nach, daß sich der Pester „Heilige Verein" veranlaßt sah, die Aufmerksamkeit der Behörde auf die dadurch verursachten Uebelstände zu lenken und um strengere Handhabung der Normen anzusuchen. Der Friedhofsverwaltung obliegt nämlich die Pflicht, von der Auffindung der Leichen unbekannter Israeliten dem „Heiligen Verein" die Anzeige zu erstatten, die dann für die Bestattung derselben sorgt. Dieser Anzeigepflicht kommt aber die Friedhofsverwaltung sehr lässig nach und läßt die Todten in der christlichen Abtheilung beerdigen. Der „Heilige Verein" veranlaßt in jedem Falle die Exhumirung der Leichen. — In Lipto - Ujvar starb der Distriktspräsident Dr. Adolf Roth, der sich in ganz Oberungarn eines großen Ansehens erfreute. Kurz vor seinem Tode hatte er noch die Freude, daß die Promotion seines Sohnes zum Doktor der Medizin sub auspiciis regis genehmigt wurde. Den erhebenden Akt selbst sollte der Greis nicht mehr erleben. — Der vor Kurzem in Ischl verstorbene hiesige Kaufmann Bernhard Baum garten testirte verschiedenen jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen ein Dritttheil seines Vermögens, d. i. '95 000 Kronen. — Der katholische Pfarrer Anton Hegy i, der in Wort und Schrift den Antisemitismus propagirt, erklärte unlängst in seinem Blättchen, daß er am 18. August, dem Geburtstage des Königs, keine Messe lese, weil er Korporationen, Behörden rc, deren Mitglieder Juden, Freimaurer und Liberale sind, keinen Einlaß in die Kirche gewähre. Gesagt, gethan. Der Gottesdienst unterblieb. Darauf hat die städtische Vertretung von Budapest an den Rabbiner Martin Büchler die Bitte gerichtet, der katholischen Bevölkerung Gelegenheit zu geben, an dem feierlichen Gottesdienst in der Synagoge theilnehmen zu dürfen. Der Rabbiner war sofort einverstanden, und sämmtliche Korporationen, staatliche und städtische Behörden, Vereine, ein großer Theil der christlichen Bevölkerung erschienen im jüdischen Gotteshause. Büchler hielt die Festrede, die auf die Anwesenden einen gewaltigen Eindruck machte. Der Oberstuhlrichter, der dem Redner den Dank der Behörden überbrachte, erbat sich die Erlaubniß, die Rede drucken und unter die Bevölkerung vertheilen zu dürfen.

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