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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-07-23 · Heft 30 (23.7.1897) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 30 (23.7.1897)
Date
1897-07-23
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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61. Jahrgang. Nr. 30. Kerlin, 23. I«li 1807. Mn unpartenfches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Bcrlin unter Streifband bezogen vierteljcihrl. 3 M. Nedacteur: Gustav K arpeles. Begründet von Rabbiner Dr Ludwig Philippson-Konn. Verlags-Trprditio»: LeriE Jerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen fNr Redaktion und Expedition sind an die Adreffe: Verlag der .Allgem. Zeitung de8 JuventhumS'. Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Die Mission. — Die Woche. — Konferenz des Vereins israelitischer Lehrer Mitteldeutschlands zu Gotha. — Die Wirkungen des Gesetzes über die Verhältnisse der Juden vom 23. Juli 1847. I. Von Dr. Leopold Auerbach. — Eine Streitschrift. Von Dr. jnr. Fritz Stier- So ml o. — Essek-Sitnah. Ein Brunnenstreit. I. Von Dr. I. Kvhn. — Feuilleton: Flatterentchen. Von I. Z an gw ill (Forts.). — Weder Glück noch Stern. Don O. B a ch (Forts.). — Litterarische Mittheilitugen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Potsdam, Memel, Thorn, Aus der Provinz Posen, Hannover, Straßburg i. E., Aus Bayern, Karlsruhe, Wien, Budapest, Paris, New-Pork. — Bon Nah und Fern. — Misccllen. Berlin, 20. Juli. eit beinahe zwei Jahrtausenden bemüht man sich, der jüdischen Religion ihre Anhänger abspenstig zu machen, und diese Bemühungen werden auch heule noch fortgesetzt. Nur die Mittel sind verschieden, aber die Sache ist die gleiche geblieben, ob man nun im Zeitalter der Kreuzzüge den Juden die Wahl ließ: Taufe oder Tod, oder sie 300 Jahre später in der schon etwas milderen Periode der Entdeckung Amerikas vor die Alternative stellte, das Christenthum anzunehmen oder auszuwandern. Auch heute wendet man in dem halbcivilisirten Rußland noch das System an, die Juden vor die Wahl zu stellen, zu dem griechisch-orthodoxen Glauben-sich zu bekennen oder in das große polnische Ghetto zu ziehen. In Mitteleuropa ist man doch schon weiter, man bietet in Deutschland und Oesterreich dem Taufkandidaten nur Ehrenstellen, Professuren, große Karrieren als Belohnung, man verschließt dem Juden, der seiner Religion treu bleibt, blos den Zugang zu Aemtern, Lehrstellen rc., und man erreicht doch beinahe dasielbe. Nach Hunderten zählen die Abtrünnigen, welche vom Judenthum abfallen und den Meineid schwören, die fremden Lehrsätze und Dogmen zu glauben, obwohl sie ebenso wenig jene Lehreii anerkennen wie die jüdischen. Ja, es scheint wieder einmal sich zu bewähren, daß Israel die Freiheit nicht verträgt, denn während ungeachtet des furchtbaren Druckes von den fünf Millionen Juden in Rußland nur ca. 800 pro Jahr in die griechisch - orthodoxe Staatskirche eintreten, fallen von den 120 000 Juden Wiens * mehr als 500 im Jahr vom Judenthum ab.. Ueberhaupt ist nach dem Geschichtsschreiber der Judentaufen, nach dem Pastor de le Roi, das Kaiserreich Oesterreich - Ungarn dasjenige Land, in dem der Glaube der ., Juden an die Religion ihrer Väter am meisten-erschüttert ist. Je weiter man nach Westen kommt, je kultipirter werden die Mittel, die man gegen die jüdische Religion anwendet. In England und Nordamerika versucht man es mit dem sanften Zwang der Ueberredung, unterstützt von dem verständnißvolleu Hinweis auf die gern fließende Geldunterstützung. v. ' ' : "ji- *; J Uns Juden, die wir so fest durchdrungensind von der Vorzüglichkeit unserer Religion, scheint es kaum glaublich, daß die Anstrengungen der Mission nennenswerthe Erfolge haben könnten, aber in Wirklichkeit sind die Mittel der Missioiisgesellschafteu so große und die Unwissenheit der Juden von ihrer eigenen Religion in der Neuzeit so arg, daß die Seelenfäuger doch sehr namhafte Erfolg erringen. Unter der englischen Geistlichkeit allein sind mehr als 200 Pfarrer jüdische Konvertiten, und in den übrigen Ständen /fehlen sie auch nicht. Existireu doch in Großbritannien nicht weniger als 26 Missionsgesellschaften, von denen eine' einzige, freilich die größte, die Londoner Judenmission, allein 171 Missionäre erhält, Waichererherbergeu, Arbeitshäuser, Schulen rc. unterhalt und für jede gewonnene Seele den Niesenbetrag von 60000 Mark aufwendet. Auch die anderen Gesellschaften, obwohl kleiner, verfügen noch immer über ein ganzes Heer von Beamten. Weniger Erfolg haben die Missionäre in Deutschland mit ihren Bemühungen. Freilich vollziehen sie eine ganze Menge von Taufen; so konnte Pastor Bieling 1895 unter Anderen mehrere jüdische Lehrerinnen taufen, aber war nicht in diesem Fall der be- Mmite Erlaß des Provinzial - Schulkollegiums das Werkzeug der Ueberzeugung? Bei dem letzten Jahresfeste der Mission mußte ^Pastor Bieling eingestehen, daß sie nicht mehr über die nöthige Anzahl von Missionären verfügten und daher die Station in Breslau eingehen lasten mußten. Auch die englische Mission in "Deutschland arbeitete mit geringem Erfolg; konnte doch z. B. in --Königsberg ein Missionär in 37 Jahren nur 40 Taufen zu Wege bringen.^ . Sehr energisch sind die Missionäre in Palästina thätig. Hier ' im Heimathlaud der Religionen, arbeiten Seelenfänger aller Nationen um Juden für das Christeuthum zu gewinnen. Freilich ist seit längerer Zeit auch hier der Erfolg nicht mdjr so gut wie früher, besonders seitdem sich der moralische Einfluß der Kolonisation und mit ihr und von den Kolonisten getragen, die Macht der westeuropäischen Bildung geltend macht. Zudem haben jüdische Krankenhäuser rc. dazu beigetragen, den Einfluß der ähnlichen Anstalten der Mission zu brechen. Interessant ist in dieser Beziehung das Zugeständniß des Pastors de le Roi: „Es ist leichter, an die altangesiedelten Juden heranzukommen als an die Kolonisten; letztere sind > ,ganz mit modernen Kulturgedanken erfüllt." In der That hat die Mission bisher auch nicht einen einzigen Kolonisten dem Glauben seiner Väter abspenstig machen können, während sie in Jerusalem inzwei Jahren Hk Juden zur Taufe brachte. Ganz amüsant ist es, -daß die Versuche der Missionäre, die getauften Juden als Bauern gnzusiedelu, seit 40 Jahren' immer gescheitert sind; mußten sie doch 1895'Artus, das von ihnen für diese Zwecke benutzte Grundstück,

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