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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-07-09 · Heft 28 (9.7.1897) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 28 (9.7.1897)
Date
1897-07-09
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 Der antisemitische Reichsrathsabgeordnete Wolf hat hier seine zweite Arreststrafe angetreten, die ihm in Prag zuerkannt wurde. — ^.Der ehemalige Pfarrer von Schwertberger, P. Johann Mittendorfer, der nach durchgeführtem kanonischen Prozeß mit Entscheidung des Linzer Konsistoriums der Pfarre enthoben wurde und dann die Redaktion ßes antisemitischen „Westungarischen Grenzboten" übernommen hatte, strengte vor dem Mnzer Schwurgerichte gegen acht seiner ehemaligen Pfarrkinher von Schwertberg, darunter einige Gemeindevertreter, eine Ehrenbeleidigungsklage an, weil ihn die Genannten in der Linzer „Tagespost" in einem Eingesendet einer Reihe von unehrenhaften und unsittlichen Handlungen beschuldigt hatten. Nun sollte hierüber die Verhandlung stattfinden. Es kam jedoch nicht dazu, da der Privatkläger feine Anklage gegen die Angeklagten, welche den Wahrheitsbeweis für die erhobenen Beschuldigungen antraten, zurückzog..Das Verfahren wurde eingestellt und der Kläger in die Gerichtskosten verurtheilt. — „Parce qu’on revient toujours etc.“ Wie hiesige Blätter melden, tritt der antisemitische Abgeordnete Mittermaper wieder als Zählkellner und zwar in ein Gasthaus in der Färbergasse ein. — In Graz hatten sich vor dem Strafrichter sechs Universitätsstudenten zu verantworten, die im angeheiterten Zustande einen sonderbaren „Ulk" vor dem jüdischen Tempel trieben. Sie entfernten, wie erinnerlich, die Brenner der Laternen, entzündeten das Gas, das in mächtigen Flammen emporschlug, beschädigten das eiserne Gitter vor dem Tempel und eröffneten ein Stesnbombardement, wodurch mehrere Fenster zerbrochen würden. Der Richter nahm an, daß eiü Komplott nicht vorlag und verurtheilte einen Studenten zu siebentägigem, einen zu dreitägigem, zwei zu achtundvierzigstündigem Arrest und sprach zwei frei. — Bei dem Eisenbahnunglück in K o l o m e a kam auch ein hiesiger jüdischer Kaufmann ums Leben, dessen tragisches Geschick das tiefste Mitgefühl hervorruft. Ein anderer jüdischer Mitreisender (Herr Daniel Korkus) vermochte sich zu retten und betheiligte sich bei den Rettungsarbeiten in energischester Weise, so daß es ihm gelang, mehrere Menschenleben zu retten. Freitag Vormittag fand unter zahlreicher Betheiligung das Leichenbegängniß des unglücklichen Opfers statt. Der Rabbiner der israelitischen Kultusgemeinde Olmütz, Dr. Berthold Oppenheim, hat im Laufe der letzten Tage aus Anlaß der Vollendung des von ihm angeregten und geförderten Tempelbaues sichtliche Zeichen der Verehrung erhalten, deren er sich bei allen Gemeindeangehörigen ausnahmslos erfreut. Die Mitglieder des Gemeindevorstandes widmeten dem Rabbiner eine prachtvoll ausgestattete Adresse, deren Inhalt von dem innigen Verhältnisse zwischen Seelsorger und Gemeinde deutlich Zeugniß giebt. Von mehreren jungen Damen der Gemeinde wurde Herrn Oppenheim ein in emaillirter Bronze künstlerisch ausgeführter, reich mit Edelsteinen und Filigran gezierter Fächer, dessen feinciselirte Blätter mit den Bildnissen der reizenden Spenderinnen versehen sind, mit nachstehender Widmung überreicht: „Zur Erinnerung an die Tempelweihe am 11. April 1897 in Dankbarkeit und Verehrung gewidmet von den jungen Mädchen der Gemeinde Olmütz." Im neuen israelitischen Tempel fand letzten Sonntag in Gegenwart eines alle Räume füllenden Publikums die feierliche Konfirmation einer Anzahl von Mädchen und Knaben statt. Die Prüfung der Konfirmanden sowie den damit verbundenen Gottesdienst leitete Rabbiner Dr. Oppenheim, dessen Mühe um die religiöse Erziehung der jungen Schaar von den Eltern dankbarst anerkannt wird. B. Budapest, 30. Juni. Die Frage der Einberufung des Landeskongresses beginnt schon größere Dimensionen anzunehmen und allen Schichten der Bevölkerung Interesse einzuflößen. Der israelitischen Landeskanzlei gebührt das Verdienst, die Bewegung im Interesse des Kongresses hervorgerufen zu haben und mit voller Kraft für dieselbe einzutreten. Doch giebt sich für das Streben der Landeskanzlei keine Begeisterung kund; man ist hüben und drüben mißtrauisch, denn man kennt noch immer nicht die Mittel und Wege, welche das ungarische Israel zu gemeinschaftlichem Wirken führen soll. So kommt die Frage der Organisation noch nicht in dos richtige Fahrwasser, während die Orthodoxie schon mit besonderem Gewichte darauf hinarbeitet, die Verwirklichung der Organisationsfrage zu vereiteln oder wenigstens, zu erschweren. Eine Konferenz der Orthodoxen stellte die Einzelheiten der Gegenaktion fest, die mit vereinten Kräften für die Interessen der Orthodoxie eintreten soll. — Der neu ernannte Bischof Jvankovies m° Rozs ny 6 empfing anläßlich seiner Amtseinführung eine Abordnung der jüdischen Gemeinde. Auf die Begrüßungsansprache des Präsidenten .gedachte der Bischof mit seltener Anerkennung der Thätigkeit der heimischen Juden und erklärte jene Bewegung, die sich jetzt gegen die Juden richtet, für unstatthaft und ungesetzlich, weshalb er. diese in seiner Diözese hintan halten wird. — Dr. Adolf Kohut wurde vom König in Audienz empfangen, um für die doppelte Auszeichnung durch Verleihung des goldenen Verdienstkreuzes mit der Krone , und des Ritterkreuzes des Franz Josef - Ordens zu danken. Der Monarch empfing Kohut überaus huldvoll und sprach ihm die Anerkennung über seine patriotische Thätigkeit, die er im Auslande entfalte, aus. „Wie lange leben Sie im Auslande," fragte der König, worauf Kohut erwiederte: „Seit dreißig Jahren, Majestät." „Um so patriotischer ist es," — bemerkte der Monarch — „daß sie so treue Liebe für das Vaterland bewahrt haben." Dr. Kohut wurde in huldvollster Weise entlassen. — Durch allerhöchste Entschließung wurde für den Lehrstuhl der höheren Mathematik an der Klausenburger Universität Professor Dr. Ludwig Schlesinger-Bonn zum öffentlichen ordentlichen Professor ernannt. — Dem Debreczener Arzt Dr. Alois Popper wurde in Anerkennung seiner Verdienste als Arzt das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens verliehen. Kon Nah und Fern. — Herr Sanitätsrath Dr. Blumenthal ist zum Geheimen Sanitätsrath ernannt worden. — Der Geh. Kommerzienrath Schwabach hat den Stern zum Kronenorden 2. Klasse erhalten. — Der antisemitische Herausgeber der „Charlottenburger Nachrichten", Oswald Knorr, wurde wegen Beleidigung des Landrichters Dr. Hirsch zu zwei Monaten Gefängniß verurtheilt. — Der verantwortliche Redakteur Leb ermann vom antisemitischen „Deutschen Blatt" ist vom Schöffengericht zu Hamburg wegen Beleidigung des Rechtsanwalts Dr. Goldfeld anläßlich der Gründung des liberalen Vereins zu 75 Mark Geldstrafe, event. fünfzehn Tagen Gefängniß verurtheilt worden. — In Neichensachsen feierten Herr Wolf Lomnitz und dessen Ehefrau Esther, geborene Fleischhacker, in voller Rüstigkeit das Fest der goldenen Hochzeit. Der Kaiser ließ dem Jubelpaare ein namhaftes Geldgeschenk überreichen. Der einzige Sohn des Jubelpaares ist der Hausvater des Mädchenheims zu Limburg, Herr Siegfried Lomnitz, der außer zur Errichtung dieses „Mädchenheims" auch zur Begründung des Reichswaisenhauses zu Diez die erste Anregung gegeben hat. — In Hu mpoletz (Böhmen) starb am 28. d. M. der in Fachkreisen bekannte Gelehrte und Talmudist Abraham B. K anders, Rabbiner in Pension, im 63. Lebensjahre. Zu Lebzeiten Sir Moses Montefiores war er an der theologischen Lehrkanzel des Ramsgate-College 19 Jahre thätig. — In Czernowitz wurde Prof. Dr. I. Hilberg zum Rektor der Universität für das nächste Studienjahr gewählt. — In der kleinen Stadt Bry a. d. Marne wurde dem französischen Maler Daguerre, dem Erfinder der Daguerreotypie, ein Denkmal enthüllt. Es stammt von der Bildhauerin Frl. Elisa Bloch (geboren in Breslau und naturalisirte Französin) — Der für den Monat August angekündigte Zionistenkongreß soll nunmehr, wie es heißt, in Basel stattfinden. — Als die Königin von England Revue über-10 000 Schulkinder der Londoner Schulen abhielt, waren genau nach dem Bevölkerungsverhältniß auch 130 jüdische Kinder dabei sowie 26 Lehrer. In ihrem Namen sollte Lord Rothschild eine Adresse überreichen, doch da er durch ähnliche Repräsentationspflichten verhindert war, that es Mr. Louis Davidson an seiner Stelle. — Die englische Judenmission macht von sich reden. Sie hat am 18. Juni ihr alljährliches Fest abgehalteu und über ihren Erfolg Bericht erstattet. Die Berliner Judenmission hat nicht sehr viel zu berichten, in Berlin arbeitet für sie der Pastor Bieling, in Posen der getaufte Jude Levin, in Czernowitz Gottlob, ebenfalls ein getaufter Jude, während man für Breslau, wo früher auch eine Missionsstation war, keinen geeigneten Mann finden konnte. Im Ganzen hat sie im Laufe des Jahres 1896 glücklich 18 Inden getauft, wie viel davon ans Ueberzeugung? Es ist immer gut, Hirse Herren im Auge zu behalten, besonders den Herrn Levin in Posen, dem es beliebt, in jüdischen Kreisen sich als Jude auszugeben! Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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