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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-05-21 · Heft 21 (21.5.1897) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 21 (21.5.1897)
Date
1897-05-21
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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—-v4 eine große Anzahl von Gelehrten, Künstlern und Kunsthandwerkern aufwei^ — In Prag wurde'die BrHung.Mes ^lub tschechischer Antisemiten vyP.. der StatthÄterei nicht bewilligt mit der Begründung) daß schon die Bezeichung des Klub die Tendenz eines' feindlichen Standpunkte? gegen" die Juden enthält. — Frau Baronin Hirsch hat dem Verein „Lucina" 1500 fl. und Frau. Amalie Löwenstein demselben Verein 1000 fl. gespendet. — Vor dem Kreisgericht in Przemysl hatten sich neuerdings fünf ruthenische Bauern wegen der Wahlexzesse bei den jüngsten Reichsrathswahlen' zu verantworten. Der Anklageschrift zufolge sollen dieselben gedroht haben, daß sie die Juden und die/Herrenleute infolge des ungünstigen Ausfalles der Wahlmännerwahlen et^ schlagen werden; sie kündigten ferner an, daß sie sich an dem Ortsrichter Nowak rächen werden. Die Hauptangeklagte Zinkiewicz sen. wurde zu zwei Wochen Kerkers, die vier anderen Bauern zu je zwei Wochen^ Arrest verurtheilt.! B. Budapest, 16. Mai. Vor Jahresfrist hatte sich der Haupts städtische Journalist Franz Bonitz vor dem hiesigen Geschworenengerichte! zu verantworten, weil er Freimuts Geschichte der Blutmorde ins Ungarische übersetzte und verbreitete. Die königliche Staatsanwaltschaft beschlagnahmte die vorhandenen Exemplare und zog den Uebersetzer und den Verbreiter des Pamphlets zur Verantwortung. Zur all-, gemeinen Ueberraschung der öffentlichen Meinung Ungarns wurde der Angeklagte freigesprochen und die Konfiszirung aufgehoben. Seither wird die Verbreitung dieses Pamphlets wieder mit ^großem Eifer fortgesetzt, so daß die Wirkung des hetzerischen Werkes nicht ausblieb. Die geringfügigsten Anlässe bieten unter der Einwirkung des Werkes dem Volke genügende Veranlassung, das Blutmärchen wieder aufzufrischen. So geschah es, daß man sich das Verschwinden eines Mädchens in einem kleinen Orte Siebenbürgens nicht erklären konnte. „Die Geschichte der Blutmorde" wurde durch die bekannten „Volksfreunde" unter das Volk geschmuggelt. Bald darauf verbreitete sich das Gerücht, däH die Juden das Mädchen in der Synagoge geschlachtet hätten. Augen- und Ohrenzeugen sollten diese Lüge bestätigen. Die Untersuchung d^ Behörde, abet klärte das ' räthselhafte Verschwinden, des schönen . Mädchens auf. Ein junger Bursche entführte das Mädchen in ein entlegenes Dorf, um die Rivalen los zu werden. Das Mädchen wurde heimgebracht und strafte die Erfinder des Blutmärchens Lügen. Zur selben Zeit spukte auch des „Blutmärchen" wieder in ber Tisza- Eszlarer Gegend. Dem „Pester Lloyd" wird darüber geschrieben: Die Stadt Nagy Källü war der Schauplatz erregter Vorgänge. Eitz - Bauer aus Besnyöd war 'mit seinem Weib und dem Kinde eiHs Nachbars nach Nagy Kollo gekommen und im Wirthshause eines Juden eingekehrt. Mann und Weib gingen ihren Geschäften nach und fanden, als sie heimkehrten, den kleinen Jungen nicht vor. Ohne weitere Nachforschungen anzustellen, beschuldigten sie den Wirth, den Knaben weggeschafft zu haben, um ihn zu „schlachten". Das Volk nahm eine drohende Haltung an. Die Gendarmerie trat in Aktion, und Abends fand man den Burschen, auf einer entlegenen Tanya, wohin er sich verirrt hatte. Don Nah und Fern. — Herr Landesrabbiner Dr.Feilchenfeld in Schwerin, einer unserer verdienstvollsten Rabbiner, feiert am 18. Juni seinen 70. Geburtstag. Ehemalige Schüler des Jubilars, die sich an einer angemessenen Ovation (Adresse) betheiligen wollen, belieben ihre Adresse an den Redakteur Lev in, Berlin, Schillings^. 32 zu senden. — Die „Post" spricht davon, daß hier ein Verband der „liberalen" Rabbiner begründet werden soll. Ein Reporter, der unsere Aeußerungen in voriger Nummer mißverstanden, hat ihr diese willkommene Ente zugetragen. — Am 15..d. M. ist nach schwerem Leiden im 70. Lebensjahre der langjährige, wohlbekannte Rendant der jüdischen Gemeinde in Breslau, NathanCohn, gestorben. — Herr Stöcker hatte auf den 7. Mai eine Volksversammlung zu Berlin einberufen. Das Volk war in einer Zahl von 150 Personen erschienen. Armer Stöcker! — In Oppeln ist Dr. Leo Bäck aus Lissa, ein Schüler der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums, einstimmig zum Rabbiner gewählt worden. — Im amtlichen „Fritzlarer Kreisanzeiger" findet sich folgende Bekanntmachung des Landraths -Noeldechen: „Die Herren Bürgermeister wollen mir bis zum 12. d. M. eine -Nachweisung der-Grund--' Gebäude--Md Einkommensteuer der israelitischen Einwohner einreichen. Längere Frist kann nicht'bewilligt'werden." Wäs soll das wieder bedeuten? ' —■ Im Großherzogthum Hessen giebt es nach der'neuesten Volkszählung 24 618 Israeliten.; Davon entfallen auf Starkenburg 8745, Oberhessen 7260, Rheinh'essen 8613. Die -meisten Israeliten - wohnenim Kreise Mainz, nämlich 3644. In Darmstadt' wohnen 1379, in Mainz 3098, in Offenbach 967, in Gießen 701 und in Worms 1131. -- Die Strafkammer zu G ießen verurtheilte 'den Lieutenant a. D. Kaiser, ehemals Hofrath und Generalbevollmächtigter des Grafen Leiningen-Ilbenstadt, wegen Betruges (zum Nachtheil des Grafen) zu vier Monaten Gefängniß. Kaiser war der Führer der deutsch-sozialen Reformpärtei im Kreise Friedberg und bei-der letzten Reichstagswahl Anfangs als Kandidat der Antisemiten für Friedberg-Büdingen bestimmt. — Jüngst wurde berichtet, daß Lehrer Rosenberg in Lippstadt seine Lehrtätigkeit, die er 25 Jahre ausgeübt, deshalb eingestellt und zur Versicherungsbranche übergetreten sei, weil er zu einer definitiven Anstellung nicht gelängen konnte. Dieses aber ist nicht der einzige Fall, daß gerade hervorragende Kräfte diesen Schritt thun. Es ist noch nicht so lange her, daß Herr Generalagent Fleischhacker in Dortmund seinen Dienst in Siegburg aus gleicher Veranlassung quittirte, den er 12 Jahre zum Segen in dieser Gemeinde aüsgeübt, und dieser Fall war -umsomehr zu bedauern, da Herr Fleischhacker ein Kenner des rabbinischen Schristthums und hervorragender Kantor war. — In Erlangen feierte am 8. d. M. Prof. Isidor Rosenthalder Ordinarius der Physiologie an der dortigen Universität, sein 25 jähriges Jubiläum als ordentlicher Professor der. Universität Erlangen. Dr. Rosenthal war bei der Berufung nach Erlangen vor jetzt 25 Jahren an der Universität Berlin. Er war zugleich Assistent Emil du Bois-Reymonds am physiologischen Laboratorium der Universität. In Erlangen wurde Rosenthal der zeitlich erste ordentliche Professor für Physiologie allein. — Am'17. v. M. ist in Prag der Rabbinatsassessor der israelitischen Kultusgemeinde, Herr Joseph Wodnansky, nach längerem Leiden im 90. Lebensjahre gestorben. — Wie die „Wiener-Zeitung" amtlich, gemeldet hat, hat der Kaiser den außerordentlichen Professor an der Universität Lemberg Dr. Adolf Beck zum ordentlichen Professor der Physiologie an der genannten Universität ernannt. — Bei der Wahl zweier Mitglieder in das Konsistorium der holländischen Israeliten wurden in Amsterdam gewählt: Herr D. Abrahams und Rechtsanwalt D. Simons. — In Paris fand im Tempel der Rue de la Victoire ein Trauergottesdienst für die Opfer der Katastrophe statt. Präsident Faure ließ sich durch Major Humbert vertreten. Kultusminister Darlan war anwesend. Der Lord Mayor von London entschuldigte sich aber, da ihn Amtsgeschäfte nach London zurückrufen. Zadoc Kahn hielt eine ausgezeichnete -Rede, anknüpfend an Klagelieder K. I. V. 12. Der Tempel war von mehr als 3000 Personen besucht. — Aus Stockholm vom 13 d. M. schreibt man, anknüpfettd an die Notiz von einem jüdischen Polizeipräsidenten in Amerika: Es wird wohl von Interesse fein, daß in Stockholm Herr Gemmy Rubenson (ein Jude) schon seit 1876 das Amt eines Polizeipräsidenten bekleidet, nachdem er schon mehrere Jahre vorher den Posten eines Polizei-Intendanten bekleidet, und schmückt seine Brust eine große Anzahl in- und ausländ-ischer Orden (darunter auch preußische und andere deutsche Orden). An höchster Stelle ist er xei-sona gräta. — Der Prozeß in Bacau in Rumänien gegen die-dortigen Beamten der Lokalpolizei, die dortige Juden so gezüchtigt, daß zwei gestorben und die anderen für Lebenszeit zu Krüppeln wurden, endete damit, daß die beiden Polizeisergeanten Fali an u und Ma nteänu zu 100 Frcs. Geldstrafe verurtheilt wurden. Und das nennt sich Justiz! —Der Sultan soll sich sehr lobend über den Andrang von jüdischen Freiwilligen zum türkischen Heer mit den Worten ausgesprochen haben: „Unsere jüdischen Unterthanen waren uns stets treu ergeben und gehen mit uns durch Feuer und Wasser!" Sofort nach dem Eintreffen der ersten Siegesnachrichten sandte der Sultan dem Chacham Baschi von Konstantinopel eine namhafte Summe zur Vertheilung an jüdische Arme. Die „sechzig Freiwilligen", die zum Islam übergetreten, waren nicht Juden, sondern Sabbataiten, d. h. Ueberbleibsel der alten Sekte der Anhänger von Sabbatai Zevi. In einem Telegramm der „N. Fr. Pr." sind aus den 60 aber nur dreizehn „spanische Juden" geworden, die zum Islam übergetreten sind. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für bie Redaktion: M o r B a u ch witz in Berlin.

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