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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-05-21 · Heft 21 (21.5.1897) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 21 (21.5.1897)
Date
1897-05-21
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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61. Jahrgang. Nr. 21. k- Kerlin.21. Mai 1897. Gin unparteiisches Organ für alles Mische Interesse. Begründet von Kabüiner Ludwig Phitippfon-Äonn. Verlags-CrpMtion: Berlin, Jerufalemerstr. 48/49 Alle Zuijendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse : Verlag der .Allgem. Zeitung deS Judenthums', Berlin 8W., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandels Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redacteur: Gustav K.arpeles. Inhalt. Leitartikel: Ärm und Reich. — Die Woche. — Innere Kolonisation. Von Konsul M. A. Simon. — Türken und Juden. Von Adolf Friedemann. — Briefe aus Australien. III. Von'Dr. B. Königsberger. — Jüdische Melodien. II. Von-Oberkantor M. Rosen Haupt. — Feuilleton: Weder Glück noch Stern. Novelle von O. Bach (Forts.). — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Magdeburg, Eisenach, Göttingen, Bonn,' Frankfurt a. M., Speyer, Wien. Budapest. — Bon Nah und Fern. — Geschäftliche Notizen. — Briefkasten der Redaktion. Arm und Reich. «Berlin. IS. Mal er Gegensatz zwischen Arm nnd Reich ist nicht nur einer der ältesten, sondern auch -er mächtigste und fast unüberwindliche- " unter denen, welche die^Menschenheit spalten. Der Gegensatz der Nationalitäten/,es läßt sich hoffen, daß nicht in allzu ferner Zukunft die Entwickelung und die Verbreitung der Einsicht in weitere Voltskeeise ihn wesentlich mildern wird;'zwar hat sich bekanntlich in den-letzten Jahrzehnten die Kluft zwischen den Nationen erweitert und vertieft, und die Staatskunst sieht nicht selten ihren Beruf darin, den Verkehr nnd Austausch der Völker, die durch die Wissenschaft und den erfinderischen Sinnfo. außerordentlich gefördert worden, sind, durch hochaufgerichtete Schranken zu hemmen, aber die Gefahr ist nicht so groß: als.- sie scheint. Daß große Nationen, die durch den Despotismus gespalten und zur Ohnmacht verurtheilt waren, sich auf sich selbst besonnen und zu bedeutsamen Staatskörpern sich zusammengeschlossen haben, ist ein wesentlicher Fortschritt; daß in solchen Fälleil der Neid der Nachbarn rege wird, daß das Nationalgefühl-hier und. dort überschäumt und wunderliche, Blasen wirst, ist natürlich nnd zu entschuldigen; so stehen sich die Völker jetzt gegenüber wie die feindlichen Brüder; aber wenn wir sie mit feindlichen Brüdern in Parallele stellen, so ist auf beide Theile des Gleichnisses Gewicht zu legen. Brüder, die erbittert wider einander stehen, ein freundliches Wort, das einen Widerhall in ihrem Herzen findet, vermag; sie plötzlich zu wandeln und scheucht den Haß, und wie dereinst Esau u.nd Jakob vergessen , sie die Fehde in liebender Umarmung; so werden es die Völker, welche die Kultur tragen, nicht auf die Dauer vergessen, daß ihr Vortheil sie auf einander weist, daß, je weiter und fester der Bund wird, der die Menschen zusammenschließt, auch die Bürgschaften des Friedens, und der Wohlfahrt wachsen.. Auch, ein anderer Gegensatz, der. viele Jahrhunderte hindurch die Welt in ein. Kriegslager gewandelt hatte, der der Religionen, wird sich hoffentlich allgemach abstumpfen. Man ist zu der Erkeuntniß vorgedruugen, daß Pulver und Blei und Kerker und Scheiterhaufen nicht gerade die vorzüglichsten Mittel sind, Ueberzeugungen zu erwecken, daß jede Glaubenspolizei vom Uebel ist, und . wie sich der Fanatismus der Gläubigen gelegt hat, so wird auch' j der nicht minder gefährliche und nicht minder rohe Fanatismus, der Ungläubigen schwinden, die Menschen mit Gewalt aufzuklären; die Toleranz wird ihr Banner schwingen, und unter seinem Schatten .' werden die verschiedensten Meinungen über Gott und Welt getrost uneben einander leben und sich nur mit den Waffen des Geistes zu bezwingen suchen. ' Was wir jetzt erleben, ist vielleicht nur das letzte Aufflackern jener im Verlöschen begriffenen Feuer, durch deren Glüth die früheren > Geschlechter so empfindlich gelitten haben. ' : Aber der Gegensatz zwischen Arm und Reich, an den uns die in dem dieswöchentlichen Schriftwort enthaltenen jüdischen Gesetze mahnen, es ist nicht abzusehen, wie er aus der.Welt zu schaffen 'sist. Denn er ist eine Ordnung'Gottess die Ungleichheit des*Besitzes 1 wurzelt in der Ungleichheit der Anlagen und der Charaktere. Und die Entfaltung der Kultur muß ihn nothwendig schärfen und Weigern. Sie bringt ihn zuvörderst den Armen zu klarem Bewußt- Win. Wenn in früherer Zeit Hunderte, Tausende von Menschen Mnem Einzelnen leibeigen waren, so wurde dieses harte Joch erträglich durch die fast thierische Bewußtlosigkeit der -Meisten, die Wüter demselben lebten. Sie waren gleichsam mit der Fessel geboren: hatten es nie anders gekannt, darum spürten sie weniger ihren Druck, und die Härte des Druckes mußte schon ihre höchsten-Grade erreichen, wenn die Gequälten sich zu meist erfolglosen Versuchen -er Abwehr erhoben, die daun um so bitterer geahndet' würden; jSklavenaufstände, Bauernrevolten sind ja neben' Glaubensver- Mgungen eigentlich die dunkelsten Blätter in der Geschichte. Aber dies waren nur Ausnahmen; zumeist lebte die große Masse der -Menschen ruhig dahin in einem entsetzlichen Zustände, dessen Ent- -setzen erhöht und dennoch gemildert wurde durch eine fast thierische Beschränktheit. - Dagegen hat der erweiterte Blick der Jetztlebenden ihnen den ganzen Unterschied gezeigt zwischen den Glücklichen, denen-dasDasein eine Lust, und den Gequälten, denen ihr Leben eine Bürde ist. Ja selbst der glückliche Umstand, daß heute so Mancher aus geringen Verhältnissen zum Reichthum aufsteigen kann und aufgestiegen ist, erhöht nur den Neid und die Unzufriedenheit der Zurückgebliebenen. Früher war leider die Bahn nicht frei. Meist war das Schicksal der Eltern auch das der Kinder; der Geist des Jünglings, der in Armuth . aufwuchs, wurde selten gespornt durch das Beispiel des Nachbarnder durch Arbeit und Tüchtigkeit die Schranken ffeines .Standes durchbrochen und zu erhöhtem Ansehen und Wohlstand sich aufgeschwungen hatte; aber so wurde auch sein Neid: nicht rege.; , denn 'bekanntlich werden' die Menschen.mm neidisch -über'das'Glück-von ihresgleichen. Heute jedoch wird derZurückbleibende doppelt gekränkt,

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