Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1897)
- Date
- 1897-04-23
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228202-3228220--53654-3267589- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
daß an den zwei ersten Tagen der vorigen Woche mehrere Bahnarbeiter gegen die dort wohnhaften Juden exzedirten, indem sie Fenster einschlugen und Häuser plünderten. Herbeigerufene Gendarmerze stellte die Ruhe her - und führte 14 verhaftete Arbeiter nach Rohatyn ab. Seither -ist nichts mehr vorgefallen. — Der König von Württemberg hat dem Sanitätsrath Professor Leopold Ose.r, Primär des Rothschild-Spitals, das Komthurkreüz der II. Klasse seines Hausordens für besondere Dienstleistungen zu verleihen geruht. — Am 11. d. Mts. wurde in Prag Dr. Samuel Freund, Advokat, Stadtverordneter und Mitglied des Landesschulraths rc., zur Erde bestattet. Der Verstorbene, der tschechischen Partei angehörend, war ein bei allen Parteien beliebter Mann, welcher sich lebhaft für jüdische Angelegenheiten interessirte. Sein Leichenbegängniß gestaltete sich zu einem großartigen. Am Friedhofe verrichtete der Oberrabbiner ein ergreifendes Gebet; Dr. Kreuz, Rabbiner ° in Beneschau, dem Geburtsorte des Verstorbenen, hielt ihm eine tschechische Grabrede. Und zum Dank dafür find jetzt die verehrten Jungtschechen mit Sang und Klang ins antisemitische Lager übergegangen! — Ein erfreuliches Bild der Eintracht, die in einer Stadt zwischen Juden und Christen herrscht, bot die am 11. d. Mts. vollzogene Einweihung des neuen israelitischen Tempels in Olmütz. Die im maurischen Stile erbaüte prächtige Synagoge — ein Werk des Architekten I. Gärtner — war bis auf das letzte Plätzchen von den Augehörigen der Olmützer Kultusgemeinde und deren Gästen erfüllt. Die Spitzen der Staats-, Militär-, Landes- und Stadtbehörden hatten sich zu der Feier eingesunden, die von dem Vorsteher, Herrn Eduard Hamburger, mit einer kurzen Ansprache eröffnet wurde. Es folgte hierauf die Ceremonie der drei 'Hammerschläge, an der folgende Herren theilnahmen: Eduard Hamburger, Rabbiner Dr. Oppenheim, Feldmarschalllieutenant - Ritter von Mertens, Generalmajor Heimroth, Bürgermeister Brandhuber, Altbürgermeister Josef v. Engel, Handelskammerpräsident Robert Primayest, Gerichtspräsident Dr. Rodr, Bezirkskommifsär v. Hannaburg, Reichsrathsabgeordneter Dr. Zacek, Kammerrath S. Zweig rc. An Ue Schlußsteinlegung schloß sich die lieberführung der Thorarollen, die VW dem Rabbiner und den Vorstehern Leopold Groag, Josef Löw und I. Groak getragen wurden. Es folgten Gesänge^ intonirt vom ObHkantor Schlesinger, und schließlich eine schwungvolle und gedankenticke Rede des Rabbiners,, die mit einem weihevollen Segen schloß. Dze erhebende Feier war würdig des Alters und der Größe der Olmützer jüdischen Gemeinde, die, wie uns die Festschrift lehrt, bereits im 10. Jahrhundert der üblichen Zeitrechnung existirte. Bl. Budapest, 16. April, Nach langem, qualvollen Leiden verschied der Arzt Dr. Siegfried Pollak, einer der strebsamsten Aerzte der Hauptstadt. Trotz seiner Jugend - er war erst 34 Jahre alt — konnte er schon auf eine bedeutende, von den Gelehrten des In- und Auslandes stets mit großer Anerkennung hervorgehobene litterarische Thätigkeit zurückblicken. Er bekundete sowohl in seiner Eigenschaft als Arzt als auch in seinem Privatleben eine streng humane Gesinnung. Rabbiner I. L. Pollak, der früher in Jnowrazlaw wirkte, betrauerlindem Verblichenen seinen heißgeliebten Sohn. * Kon Nah und Fern. * — Die Baruch Auerbach'schen Waisen-Erziehungs-Anstalten werden am .21. April d. I. von Oranienburgerstr. 38 nach dem Neubau Schönhauser-Allee 162 verlegt. — Der Louisenstädtische Bruderverein Ahawas Reim feierte am 12. d. Mts. das sünfund?- zwanzigjährige Jubiläum seines Bestandes durch eine gottesdienstliche Feier in der Synagoge, bei der Herr Prediger Bleichrode die Rede hieltz und durch ein Festessen. Die Religionsschule des Vereins wird gegenwärtig von 140 Schülern besucht. — Herr Dr. F. Blum enthalt Assistent an der medizinischen Universitätsklinik und Oberarzt an der Charitee, sowie Dr. L. Feilchenfeld, Botschaftsarzt der spanischen Gesandtschaft, haben das Ritterkreuz des Jsabellenordens von Spanien erhalten. -— Dr. M. Silberberg in Beuthen (O.-S.) ist zum Rabbiner in Gr ätz gewählt worden. — Der ehemalige Lehrer und Kantor Julius Cohn in Schievelbein . ist im Alter von 76 Jahren am 15. d. M.,gestorben. — Die jüdische Gemeinde in Tremessen hatte im vergangenen Winter einen ans Russisch-Polen stammenden Kantor und Sch ächtet, vertragsweise beschäftigt, ohne daß dieser die vdrges.chriebene besondere behördliche Genehmigung dazu hatte. Der Korporationsvorsteher ist vom Schöffengericht dieserhalb zur niedrigsten Geldstrafe von 60 Mark verurtheilt worden. — In Wollstein ist es den Antisemiten schlecht gegangen. Ihre drei dortigen Führer sind unter nicht sehr . günstigen Umständen aus dem Vorschußverein ausgeschlossen worden. — In Breslau, wird von gewissen Seiten Stöcker, als Reichstagskandidatempfohlen. Es ist aber selbstverständlich ausgeschlossen, daß er auch nur in die Stichwahl käme. —. Die deutsch-soziale Reformpartei will am 10. Oktober ihren Parteitag in Nord Haufen abhalten. Der Parteivorstand hat in Bezug auf die mannigfaltigen Kartellpläne am letzten Sonntag in Berlin beschlossen, daß ein allgemeines Kartell mit anderen Parteien nicht abzuschließen sei. — Einen netten Streich hat man nach dem „Dür. Anz." dem antisemitischen Reichstagsabgeordneten Pfarrer Js kraut-gespielt. Derselbe war durch ein Telegramm vom 1. April aufgefordert worden, am Samstag Abend einen Vortrag im „Dürener deutschsozialen Reformverein" zu halten. Der Abgeordnete traf am Samstag dort ein, konnte jedoch einen antisemitischen Verein nicht entdecken, da ein solcher in Düren nicht existirt, und mußte unverrichteter Dinge wieder abreisen. — Die antisemitische „Deutsche Wacht" in Dresden, welche vor etwa 3^ Jahren auf Aktien begründet wurde, und als deren Direktor der antisemitische Reichstagsabgeordnete Zimmermann sungirt. hat auch im Geschäftsjahr 1896 recht schlechte Geschäfte gemacht, denn der Verlust, welchen die Aktiengesellschaft bisher gehabt, ist nach der soeben veröffentlichten Bilanz im Jahre 1896 von 129 619,20 M. auf 152 890,25 M. angewachsen, hat sich also abermals um 23279,25 M. vermehrt. — Der Mörder eines dreizehnjährigen Mädchens in Blumberg in Sachsen, der angeblich Johann Bittner heißt, ist am 14. entdeckt und verhaftet worden. Kurz nach der ersten Mordthat wurde im Zeisigwalde bei Chemnitz ein siebenjähriges Mädchen ermordet aufgefunden. Obwohl alle Umstände darauf Hinweisen, daß beide Mordthaten denselben Urheber haben, erfrecht sich die „Deutsche Wacht", hinter ihren Bericht über diese Angelegenheit die Bemerkung zu setzen: „Das Passahfest naht!" — In Nürnberg wurde auf dem israelitischen Friedhof ein Veteran, - der im Alter von 48 Jahren verstorbene Julius Ollendors aus Rawitsch, mit militärischen Ehren beerdigt. Derselbe hat im 6. Grenadier-Regi-- ment gedient, ist bei Sedan schwer verwundet worden. Rabbiner Dr. Ziemlich hielt eine ergreifende Grabrede; hierauf widmete der zweite Vorstand des Kriegervereins dem wackeren Kameraden Worte des Abschiedes, und dann wurden die üblichen drei Salven abgegeben. — Sechs jüdische Kaufleute in Mün chen haben gegen das antisemitische „Deutsche Volksblatt" Klage gestellt, weil dasselbe in einem Weihnachts-Flugblatt die eingesessene Bevölkerung aufgefordert hatte, ihre Weihnachtseinkäufe „nur bei Deutschen, bei Christen" zu machen. Die Verhandlung findet am 21. d. M. statt; die Kläger werden von Rechtsanwalt Dr. E. Fränkel vertreten. — Der Vorstand des Wiener Kellnervereins ersucht um die Veröffentlichung der Thatsache, daß. der derzeitige Reichsrathsabgeordnete Karl Mittermayer dem Wiener Kellnerverein nicht angehört, sondern bereits in der Generalversammlung am 17. Dezember 1894 aus diesem; Verein einstimmig; ausgeschlossen worden ist. Sehr nett! — Ins italienische Parlament sind 12 jüdische Abgeordnete gewählt worden: Schatzminister Luzzati, R. Jaeur, ehemaliger Unterstaatssekretär, R. Wollemberg, Weill-Weiß, Pavia, Marpurgo, .Ricardo. Luzzati, Melli, Attilio Luzzati, Franchetti, Barzilai, E. Modigliani. — Der Artillerie-Oberst Aron in Lille hat das Kommandeurkreuz der Ehrenlegion erhalten. — Der spanische Generalkonsul I Lewenberg in Warschau hat den Jsabellen-Orden erhalten. — In Betschuana-Land ist am 6. d. Mts. der Lieutenant Mark Harris, aus Manchester, ein Sohn des Direktors der dortigen jüdischen Schule, im Alter von 28 Jahren im Kampfe mit den Eingeborenen gefallen. — In Bombay ist Dr. Abraham Hyams, einer der tüchtigsten' jüngeren Aerzte, im. Kampfe mit der Pest gefallen. Mit Recht nennt ein englisches Blatt beide Männer: „Zwei jüdische Helden." - /' ■; " ';; •, ' ", Druck und Verlag yon Rudolf Mosse in Berlin. ' Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.>