Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1897)
- Date
- 1897-04-16
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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’ MK. Budapest, 9. April. Ungarn hat einen seiner bedeutendsten^ Kenner der talmudischen und rabbinischen Litteratur verloren: Samuellj Löb Brill ist gestern Abend im Alter von über 82 Jahren sanft ent-s schlafen. Erwar ein Sohn des hiesigen Rabbinats-Assessors Israel Brill und lag von früher Jugend dem Studium des Talmud ob, zuersbb in Eisenstadt bei R. Moses Perls und dann mehrere Jahre in Preß bürg? bei R. Moses Sopher, dem er im dritten Jahrgang dieser Zeitung (Nr. 97)? unter dem Namen S. L. Jsraelsohn einen warmen Nachruf widmete.5 Mehrere Jahre-hielt er sich zum Besuche der Universität in Berlin auf» Bolle fünfzig Jahre stand er als Nabbinats-Assessor, beziehungsweise Rabbinats-Präses im Dienste der hiesigen Gemeinde, und . über ein) Jahrzehnt lehrte er am hiesigen Rabbinerseminar den Talmud, in dem, er auch vor Errichtung' desselben mehrere junge Leute unterrichtete. Er hinterläßt eine an seltenen Druckwerken sehr reiche Bibliothek, in der die" Responsen-Litteratur besonders stark vertreten ist. Sein Leichenbegängniß 5 findet nächsten Sonntag statt, an demselben Tage, an dem vor vierzig) Jahren der ihm befreundete hiesige Rabbiner Löb Schwab von hinnen', geschieden ist. . Amerika. , g. New-Aork, im März. Den 19. d. M. verschied hier im Alter- - von-74 Jahren der emeritirteRabbiner Ignatz Großmann. In Un-\ garn geboren, war er mehrere Jahre Rabbiner in Warasdin. Vor; .dreiundzwanzig Jahren wanderte er nach Amerika aus, wo er zuerstt in New-Iork, dann in Chicago als Rabbiner fungirte. Im Jahres 1892 veröffentlichte er unter dem Titel: 613 Gesetze , der mosaischen Lehre im Originaltexte mit deutscher Uebersetzupg nebst. den Erklärungen von sechszehn Kommentatoren")-(Chicago) ein sehr, werthvolles Werk, das von großer Belesenheit und von Scharfsinn zeugt. Einen Tag früher starb in Alleghcmy Pa. nach langem Leiden der - frühere Rabbiner A. Cohen, ein geborener Deutscher. C. H. New - York, Ende März. Die Wohlthätigkeitsanstalten unserer Stadt sind in letzter Zeit reichlich bedacht worden? Zu den neulich gemeldeten Schenkungen kommen die Legate des kürzlich , verstorbenen Simon Goldenberg, welcher auch christliche und interkonfessionelle Anstalten reichlich bedacht hat. Das Waisenhaus, Mount '. Sinai Hospital, Siechenhaus und Greisenasyl erhalten je 3000, die - allgemeine Wohlthätigkeitsgesellschaft und di: Gewerbeschule je 5000 und die Kinderschutzgesellschaft 1000 Dollars. Das ganze Vermögen des Erblassers geht nach dem Tode der Gattin an ein Kuratorium über,» zu welchem Herr Jakob H. Schiff gehört, welches eine neue Wohl- > thätigkeitsanstalt errichten oder eine bestehende solid befestigen soll. Der * Nachlaß soll eine Million /Dollars betragen. — Eine Neuheit im Gemeindeleben ist der von einem St. Louiser Blatte gebrachte Bericht, daß^ der neugewählte Rabbiner derRodeph Schalom-Gemeinde, Dr. Rudolfs Großmann, verpflichtet worden sei, für die Beibehaltung des? traditionellen Sabbaths einzutreten. Obwohl der „Jsraelite" dieses Nachricht eine tendenziöse Lüge nennt, ist es immerhin einigermaßen auf-? fällig, daß Herr Dr. Großmann in seiner Antrittsrede sein Festhalten an? dem traditionellen Sabbath emphatisch betont. — Nach Berichten Chicagoer - Blätter hätte der Präsident der Sinai-Gemeinde den echt Chicago-mäßigen § Ausspruch gethan, daß diese Gemeinde einen für das Judenthum der ganzen ' Welt epochemachenden Schritt gethan habe, indem sie einer Dame die Kanzel tzinräumte. Die letzte Nummer des von Dr. Emil Hirsch, dem dortigen Rabbiner, herausgegebenen „Reform-Advocate" enthält ' eine ernste Lektion für sensationssüchtige Gemeinde-Präsidenten, für welche die Etikette ihrer religiösen Parteistellung dasselbe ist, was für j einen kleinen Jungen ein aus Goldpapier geschnittener Stern. Ob das wohl ein rein zufälliges Zusammentreffen ist? — Eine Firma in Boston kündigt das Erscheinen eines Werkes an unter dem Titel: Menschenopfer bei den Sephardim, den orientalischen Juden, oder die Ermordung des Padre Tommaso. — Herr Levi Strauß in San Francisco hat bar* dortigen Universität einen jährlichen Zuschuß von 3000 Dollars für Y Stipendien versprochen. — In Verbindung mit dem von Ihnen kürzlich gebrachten Avis aux lecteurs erwähne ich, daß die Gemeinde Scryntoü, Pennsylvania, ihren Rabbinerposten mit der Bemerkung ausschreibt, daß '' nur solche Kandidaten, welche an amerikanischen Anstalten studirt, bei rückstchtigt werden. Nachdem Stellen erster Klasse schon seit einer 'Reihe? von Jahren- Ansländern unzugänglich sind, kommen - auch? jetzt die zweiter Klasse daran. Im Verlauf von' weiteren 10^15 Jahren dürfte die Grenze vollständig geschlossen sein. Von Nah und Fern. Der Verein jüdischer Lehrer in Rheinland und Westfalen theilt mit, daß der bisherige erste Vorsitzende, Rabbiner Dr. Lazarus, wie auch Herr Lehrer Brisch, der zweite Vorsitzende, aus dem Vorstände ausgeschieden und an ihre Stelle die Kollegen Goldschmidt als erster und Sulmann als zweiter Vorsitzender getreten sind. Die Generalversammlüng findet am 25. d. Mts^ in Köln statt. — Die Senckenbergische naturforschende Gesellschaft in.Frankfurt a. M. hat den Sömmeringp.reis (Denkmünze und 500 Mark) dem Professor Gu stav B orn in Breslau für seine Versuche über Amphibienlarven und daran knüpfenden physiologischest Forschungen zuerkannt. — Die israelitische Religionsgemeinde zu Budapest hat für gottesdienstliche Zwecke 113000 Kronen, für Schulen und den Religionsunterricht 174 898 Kronen, für das Armenwesen und die Wohlthätigkeitsanstalten 311000 Kronen, für allgemeine Zwecke 311000 Kronen verausgabt. Im Jahre 1896 beliefen sich die Einnahmen auf .826 338 Kronen, so daß ein Plus von 17 042 Kronen erzielt werden konnte. — In Lyon hielt am 16. März^ Georges THiebaud vor einer .Versammlung von über 3000 Personen!emen Vortrag über die „protestantische Gefahr". Die Versammlung^ beschloß, gegen die Ueberfluthung des protestantischen Elements in'dem öffentlichen Aemtern, im Finanz- und Schulwesen zu protestirey. .Hs lebe die Toleranz! — In Petersburg ist im Alter von 68 .Jahren einer der ältesten jüdischen Aerzte daselbst, der wirkliche Staatsrath, Exzellenz Dr. A. I. Hirszkorn, Mitglied des- Unterrichtskomitees im. Ministerium der Aufklärung gestorben. Der Verstorbene 'war bis zu seinem Tode ein guter Jude.— Zum Großrabbiner von Algier ist Abr. Bloch, ein geborener Pariser, bisher Rabbiner in Remiremont, gewählt worden. — Staatsräth GDkäve Lövy, Büreauchef der Admiralität, ist in Paris am 3. d. Mts. gestorben. — Die ^Bürger der Stadt Aluschta in Südrußland haben beim Minister des"Jnnern-um Wiederzulassüng der Juden petitionirt, ba feit deren Vertreibung der Handel der . Stadt völlig darniederliegt. So muß es kommM^^Wuch-^d^e ^.jüdffche Gemeinde, in Korfu . hat durch die politischen Wirren zu leiden? Nicht allein, daß die Familien der zur Fahne einberüfenen Soldaten unterstützt werden müssen. Neuerdings sind 30 jüdische Familien aus Ärta, der griechisch - türkischen Grenzstadt, angekommen und fallen vollkommen mittellos der öffentlichen Wohlthätigkeit zur Last. Sie sind vor dem drohenden Kriege geflohen, und es steht zu befürchten, daß auch, aus den anderen Grenzstädten die jüdischen Gemeinden infolge der Kriegsunruhen in eine böse Lage gerathen werden. — Die in Bombay herrschende Pest hat natürlich auch die jüdische Gemeinde in Mitleidenschaft gezogen. Bon einer Seelenzahl von 3500 starben während der ganzen Dauer der Krankheit bisher 50, mit eingerechnet einige Bagdader und Chochinjuden. Bei Beginn der Epidemie dauerte der Besuch der jüdischen Schule ungeschwächt fort, allein mit der steigenden Beängstigung verringerte sich natürlich auch der Schulbesuch, und am 18. Dezember wurde die Schule geschlossen. Als dieselbe Ende Januar wieder geöffnet wurde, zeigte sich, daß von 317 Kindern 62 die Stadt verlassen hatten, während 190 regelmäßig die Schule besuchten, so daß nur etwa 68 Kinder fehlten. — In Salt Lake City (Utah) ist General Frederie Sälornon im 79. Lebensjahr gestorben. 'Er war Jude, aus Halberstadt, und bekleidete lange die hohe Stellung eines Generalvermessers. Besonders, ausgezeichnet hat er sich im Bundeskrieg, und zwar in der Schlacht bei Helena, 1863, wo er die Bundestruppen kommandirte und den Feind in die Flucht schlug. Briefkasten der Kr-aktwu. Marrubium: C.H.ist kein Jude.— Der erwähnteBrauch ist uns überhaupt nicht bekannt. — Der Kälendermann! Hier gewöhnlich Dr. M. Simon. S. G. M. Vielleicht dürften Ihren Wünschen die Sammlungen von Reden von David Cassel: „Sabbäthstunden", und von A. Schmiedel: „Sansimim", am besten entsprechen. : : " . Druck und Verlag von. Rudolf Mosse in Berlin. . Verantwortlich für bie Redaktion: pl a r B auchw itz. in Berlin.