Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1897)
- Date
- 1897-04-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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61.-Jahrgang. Ar. 16. Berlin, 16. April 1897. Ern unparteiisches Organ für alles Mische Interesse. Begründet von Nabbiner De- Ludwig PHNippson-So»». Verlags-Drpedrtum: iöeriin, Lerusaiemerjir. 48/49 Alle Zujendungen fltr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der .Allgem. Zeitung deS Judenthums', Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf MasseBerlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen viertelsährl.3 M. Nedacteur: Gustav K arpeles. Illhntt. Leitartikel: Frühlingsbotschast. — Die Woche. — Sabbathfeier und Sonntags-Gottesdienst. - Das Judenthum im Dienste des Einheits- und Gleichheitsprinzips. II. Von Dr. B ernhaud Münz. — Feuilleton: Andere Zeiten. Erzählung von Gotthard Deutsch (Forts.). — „Israelitisches Gebäck". Von Adolf Pick. — Der Auszug aus Aegypten. Von Henriette Hirschberg. —Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Tilsit, Aus der Provinz Posen, Beuthen O.-S: Gleiwitz, Stettin, Dessau, Zerbst, Essen, Wien, Budapest, New-York. — Äon Nah und Fern. — Briefkasten der Redaktion. Frühiingsbotschüft. (Zum Passah.). . / Berlin,' 14; April. b das herrliche Freiheitsfest, das^ Israels Gemüth aller Orten freudig stimmt und uns vergessen läßt die Noth unseres Stammes sowie so manches persönliche Weh, ob dieses Fest dieselbe erbauliche Wirkung übenWürde, wenn wir es zu einer anderen Jahreszeit feiern möchten?' Die heilige Schrift selbst scheint dies zu bezweifeln, indem sie an mehreren Stellen es den Israeliten vor die Seele führt, daß sie im Monat der Frühreife, im Frühlingsmonde aus Aegypten gezogen sind; so spielt eine gan znüchterne Kalenderfrage in die wichtigsten Stinlmungen des religiösen Lebens hinein. Wohl ist noch heute unser. religiöses Jahr, wie ehedem vor Jahrtausenden unseren Vorfahren, ein Mondjahr; aber schon Moseh ordnet an, daß dieses Mondjahr mit dem Sonnenjahr in irgend einer Weise sich ausgleiche; denn die Feste sind nicht nur an einen bestimmten Monat sondern auch an eine bestimmte Jahreszeit gebunden; und wer kann sich der Wahrnehmung entziehen, daß dies Paffah sein besonderes Gepräge dadurch erhält, daß es im Frühling gefeiert wird? Wie durch die Natur ein geheimnißvolles Weben geht, wenn das Eis sich löst und mit Sturmesbrausen der Winter verjagt wird, so ergreift auch den Menschen nach all dem öden Einerlei des Winters gleichsam ein Sehnen nach festlicher Zeit. Aber diese Strahlen, mit denen die Frühlingssonne unsere Seele erhellt, sie müssen gesammelt werden, um wahrhaft neues Leben in unseren Herzen zu schaffen; alle die Lehren, die jeder keimende Grashalm, jeder schmetternde Vogel uns predigt, sie finden nur den rechten Widerhall in unserem Inneren, wenn wir Menschen selbst für eine kurze Zeit der Arbeit entrinnen, wenn wir ein Fest feiern und uns'diesen Frühlingsstimmungen völlig hingeben. Nichts ist lieblicher, als zu beobachten, wie dieses Sehnen nach dem Feste in der ganzen Bevölkerung sich regt, wie ein Jeglicher bestrebt ist, auch sich und sein Heim zu schmücken zur Zeit, da die Natur ihr winterliches Gewand abthut und sich schmückt und verschönt, Wer der Sterblichen bedürfte nicht der frohen. Botschaft? Der Kampf des Lebens ist. hart und schwer; -'stürmischer als' forist-pocht der Mangel an die schlecht verschlossenen Thüren der Armuth in den kalten Tagen; der Haushalt ist auf das Allernothwendigste beschränkt worden; Thräneu im Auge, rechnet die fürsorgliche Mutter, wo vielleicht noch gespart werden könne, um die Forderung des Tages in Einklang zu bringen mit dem kargen Verdienst; vergebens sinnt der Vater, der keine Arbeit scheut, wie er reicheren Ertrag ins Hans WHaffe, und seine Brust ist beklommen, wenn er Frau und Kinder . darben sieht. Ihnen ist die Aussicht auf bte: bessere Jahreszeit auch die Hoffnung auf eine bessere Zeit; in diesen Wochen, wo dir Natur sich wandelt, tritt auch ein Wandel in den Lebensverhältnissen der Menschen ein; neue Beziehungen werden geknüpft, neue Quellen des Erwerbs öffnen sich, er hört die frohe Botschaft des Festes, wie Israel einst in fröhlichen Tagen sich erinnerte des Brodes des Elends, das es vordem hatte kosten müssen, und dieses Brod des Elends dann selbst nur noch eine Erhöhung des Festes bedeutete, und draußen die .Flur und drinnen das' Fest erheben die gebeugte Seele. Was er auf dem Felde sieht, daß auf ,die Erstarrung die Erlösung, auf den scheinbaren Tod ein Auferstehen folgt, das wird ihm, zumal wenn das Fest ihm Zeit gewährt zu innerer Sammlung, unwillkürlich zum Zeugniß, daß überall in der Welt der Geist der Liebe waltet, der das Joch hinwegnimmt von den Schultern der Gebeugten. Wir Sterblichen sind nun einmal abhängig von der Außenwelt; der Mensch kann der Wirkung der lichteren Jahreszeit nicht widerstehen, und wenn das Fest kommt, dann ist die Erinnerung an die Erlösung Israels vor Jahrtausenden und das Bild der Erlösung der Natur, das wir vor Augen haben, zugleich eine Erlösung für das trauernde Menschenherz. Denn es ist nicht wahr, daß die Menschen zu prosaisch sind, um diese Sprache der Natur zu verstehen. Die Poesie ist nicht das Erbgut Weniger, sondern sie ist das Gemeingut Aller, und wem wären nicht zumal schon edle Frauen begegnet, die eine Welt von Poesie in ihrem Herzen bargen und doch nie einen Vers gestaltet haben. Von dieser poetischen Stimmung gilt der Satz des Psalmisten: Kein Spruch, kein Wort, kein Laut wird vernommen, und dennoch geht durch die ganze Erde ihr Weben und bis ans Ende des Weltalls ihr Ruf. Was wäre uns das Passah ohne den Frühling? Eine verblaßte geschichtliche Erinnerung; auch das Paffah bekommt erst seine Lebenswärme, seine Frische, seine ursprüngliche Kraft durch den Frühling, durch den Kommentar, den in Licht und Blüthen, in milden Lüsten und duftenden Blumen die Natur zum Feste.spendet. Das Fest ruft uns zu: Wie die Natur sich, verjüngt, so verjüngt, sich auch Israel immer wieder nach langem, harten Winter: Unsere Vorfahren, brauchten Wunder, uni an den Gott zu glauben,'