Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 15 (9.4.1897)
- Date
- 1897-04-09
- Page
- Seite 170 (sequence 2)
- Language
- German
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170 manche Seele wird das eigene Weh nur um so schwerer empfinden, wenn ringsherum die Natur freudig auflebt. Der Gegensatz zwischen dem Blühen draußen und dem Welken im Gemüthe wird den Schmerz nur mehren; warum, so fragt wohl in wilder Empörung die gemarterte Seele, warum blüht alles, und ich welke dahin, warum schwinden aller Orten die Schatten, und nur die Schatten, die über mein Leben sich legen, werden breiter und dunkler, warum regt? sich überall neues Leben, und nur mein Leben siecht." Jede Blüthe wird ihm zum Dorn, der' ihm sein armes Herz verwundet. Der Frühling allein macht noch kein frohes Herz, und wiederum vermag der Mensch den Frühling sich zu schaffen in des Winters Oede; da sitzen im traulichen Raume gute Menschen zusammen, die sich üebcu, während draußen der Sturm tobt und mit ohnmächtiger Wuth gegen die Mauern des Hauses dringt; was fragen sie nach dem Wetter draußen, wenn es in ihnen klar und ruhig ist; Herrschaft übt der Mensch über die Mächte der Natur, und unabhängig ist bis zu einem gewissen Grad sein Glück von ihrem Walten. Draußen ist Winter, und drinnen kann doch Frühling sein. Aber am schönsten ist es doch, wenn die eigene Freudigkeit uns widerstrahlt aus dein blüthendurchwebten Raine, wenn unser Jubel ein Echo findet in der Lerche frohem Morgenliede, wenn, wie die Seele der Freude sich öffnet, so das Land sich öffnet vor dem Nähen des Lenzes. Deshalb lautet die Freiheitsbotschaft Gottes an Israel: Dieser Monat sei euch der erste der Monde, er ist auch der erste in den Monden des Jahres. Denn da sie im Frühlingsmonde die Freiheit feierten, lasen sie im Gottesbuche der Natur die 'Erklärung der frohen Kunde, die ihnen aus dem Munde der Got.tesmänner geworden war. Trefflich lehrt R. Mew, der scharfsinnige Meister: Gott sprach: mir. und euch war die Erlösung, ich bin mit euch befreit worden. Ein tiefsinniges Rüthselwort; jeder Unglückliche ist gleichsam eine Anklage gegen die Gottheit, auch der Gläubige und Gottergebene wird, wenn er schweres Leid über einen Menschen verhängt sieht, die Frage nicht los, warum dies geschehe, und leise Zweifel steigen in ihm auf an der Liebe und der Gerechtigkeit Gottes, die mächtiger werden, wenn das Joch der Noth allzu schwer und allzu lang, sei es auf einem Einzelnen, sei es auf einem ganzen Volke, lastet. Aber jeder Glückliche, jeder Erlöste ist ein Zeugniß von der Liebe des Höchsten und lehrt uns den Glauben an den guten Gott, der fürsorgend und heilend, der beseligend und erfrischend den Thau seiner Gnade niedersendet auf die Geschlechter der Sterblichen. So lange hatte Israel gelitten; was es auch immer verschuldet hatte, auch für die schwerste Schuld schien die Buße fast zu groß, und seine Dränger frohlockten und durften ungehindert die größte Unbill üben! Mußte da nicht, der Glaube an Gottes Treue wanken, auch da, wo er am festesten im Geiste wurzelte, bedurfte es nicht einer großen That, um die Zweifel auszulöschen und auf der reinen Fläche uiederzuschreiben die große Kunde von der Gerechtigkeit, die den Dränger strafend heimsucht, und von Der Liebe, die sich des Bedrückten annimmt. Da kam die Stunde der Erlösung Und nicht nur Israel, sondern, wie R. Mew kühn sich ausdrückt, Gott selbst wurde erlöst, denn er hatte wieder sich offenbart als der Hort der Beladenen und Unterdrückten. Und wie wurde dieses Fest gefeiert, das Moseh und Aron, der Eine der Mann der erhabenen Wahrheit, der Andere der Mann der aufopfernden, hingebenden Nächstenliebe,, beide zugleich am ersten Nissan dem Volke meldeten % Traten sie etwa alle zu einem großen Vereine zusammen, um in lautem Jubel das Vorgefühl der Freiheit zu genießen? Schwarte sich das ganze Volk um seine Führer, um von diesen begeisterte Ansprachen zu vernehmen? Wurden auf weithin sich dehnenden Räumen Altäre errichtet, um auf ihnen zu opfern dem Einzig-Einen, dem Erretter und Erlöser? Diese Formen wurde:: nicht erwählt, sondern es gestaltete sich zu einem Familienfest; das Schriftwort meldet, daß ein Opfer geschlachtet wurde, ein Lamm für jede Familie, ein Lamm für jedes Haus; das Haus war der Tempel, und der Tisch war der Altar, und Mann und Frau waren die Priester und die Kinderschaar, das waren die . dienenden Genossen der Priester; so saßen die heimfrohen Menschen zusammen in jener Nacht, als das Verderben. durch Aegypten schritt und ein großes Sterben über das Land brachte. Mußte es nicht weichen vor den Häusern, die zu Tempeln, vor den Menschen, die zu Priestern geworden waren? „So sollt ihr es essen", lehrt die Thora; „eure Lenden gegürtet, eure Schuhe auf euren Füßen, euren Stab in eurer Hand!" Jahrtausende hindurch war es Israels Schicksal, so zu leben, die Lenden gegürtet, den Stab in der Hand, zur Reise gerüstet; was sonst ein Mensch seine Heimath nennt, das Vaterland, deffen Sprache er redet, die Vaterstadt, wo er geboren ist, sie stießen den Israeliten von sich, und wider Willen wurde ihm das Gefühl der Fremdheit anerzogen. Wo war er denn zu Haus? Israel führte kein seßhaftes Sein, die dunkle Sorge flatterte mit verderblichen Schwingen ständig um ihn; gerade die Frühlingstage, denen sonst die Menschen freudig entgegensetzen, erfüllten den Israeliten mit Bangen; denn es war die Zeit, wo man die verwilderten Volksmassen dazu aufreizte, um an den späten Enkeln eine in Wahrheit nie begangene Schuld der Väter heimzusuchen. Aber die Lenden gegürtet, den Stab in der Hand, wie Kain unstet und flüchtig, daß Jeder, der uns traf, straflos uns schlagen durfte, feierte Israel dennoch Feste. Denn dieses Volk war von seinem Gott belehrt mit dem ersten Gebote, das ihm am ersten Nissan verkündet wurde, seine Heimath zu suchen in seiner Familie und sein Haus zum Tempel zu gestalten. Schöner und prunkvoller als in Aegypten ist das Passah in späteren Zeiten gefeiert, worden, wo der Tempel stand und Jerusalem ein Kleinod au Pracht war und die Israeliten, die Bewohner eines gesegneten Landes, mit reicher Habe zum Fest zur Hauptstadt strömten. Aber ergreifender und feierlicher war sicherlich das Fest damals in Aegypten, wo die Sklaven das Nahen der Freiheit begrüßten, in ihren Hütten sich vereinten und schon vierzehn Tage vorher auf das Geheiß Gottes zur Feier sich rüsteten. Zur Erinnerung daran haben die Weisen es so geordnet, daß wir dem Passah nicht nur entgegenjubeln, wenn es mit leuchtendem Sonnenglanz über unseren Häupten strahlt, sondern daß wir Wochen vorher sein Morgenroth begrüßen. Gewiß blieb vieles unerfüllt von dem, was damals die Israeliten in seligem Bangen und zagender Freude von dem Segen der Freiheit erhofft haben. Aber ein Frevel wäre es an dem eigenen Glücke, wenn die Sterblichen, sobald sie die Blüthe sehen, sogleich an den Wurm denken wollten, der vielleicht sich in dieselbe schleichen könnte. Halten wir fest an der Hoffnung; [ioist das Morgenroth der Freude, die-in seinen Strahlen am lieblichsten leuchtet, und auch der Trübgestimmte vergesse nie, daß nur der Feige verzweifelt. Der Gott, der Israel aus Aegypten erlöst hat, der, da es noch Sklavenketten trug, es^ zum Feste der Freiheit lud, er entfache in uns allen den frühlingsfrohen Muth, der hofft , und glaubt und freudig in die Zukunft schaut. Uebei thätii jurist Eige: und Beru gesch, größt das! 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