Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1897)
- Date
- 1897-03-19
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Studenten als Feiglinge gebrandmarkt. Darauf forderten die Studenten den Advokaten Dr. Birnbacher. Dieser lehnte ab, da er als Amvcilt gesprochen. Nun verklagten die Studenten ihn wegen Ehrenbeleidigung. In der Gerichtsverhandlung wurde Dr/ Birnbacher freigesprochen, )da er den Ausdruck Feiglinge nur allgemein zur Kennzeichnung des Vors.. ganges gebraucht habe. ' ' 81. Budapest- 15. März'. Die Frage der Einberufung.des Landeskongresses, die von .den Präsidenten der jüdischen Gemeindedistrikte ausgeworfen wurde, beschäftigt noch immer die öffentliche Meinung. Der Abgeordnete Dr. Moriz Mezey richtete in der Konferenz der liberalen Partei anläßlich der Verhandlung des Voranschlages an den Kultusminister Dr. Julius Wlassies die Anfrageob er geneigt sei, für die Einberufung des Kongresses das königliche Reskript zu erwirken und die Staatssubvention von 5000 auf 16 000 fl. zu erhöhen. Bezüglich der letzteren Frage gab der Minister die beruhigende Antwort, daß dies ü on im nächsten Voranschlag geschieht. Was die Einberufung des Kongresses betrifft, erklärte der Minister, daß er diesbezüglich keine bindende Erklärung geben könne, da er diesem Frage einem eingehenden Studium unterziehen müsse. Wenn die verschiedenartigen Hindernisse/ aus dem Wege geräumt sein werden, wird das Ministerium die nöthigen Verfügungen treffen, ohne eine Aktion abzuwarten. — Bor den Budapester Geschworenen stand der penstonirte Pfarrer Rojko aus dem Gömörer Konntate, weil er in dem antisemitischen Blättchen „ Kr e.sty an" einen Hetzartikel gegen die jüdische Religionsgenossenschaft veröffentlichte. Der 76 Jahre alte Priester erhob in demselben die Anklage gegen die Juden, daß der Blutmord ein jüdisch-religiöses Gebot sei.- Das Verdikt lautete freisprechend mit Rücksicht auf das hohe Alter des Angeklagten. - Nach der Urtheilspublikation ertheilte der Gerichts- Präsident dem Angeklagten, den dieser Gnadenakt der 'Geschworenen sichtlich erfreute, den Rath: „Wenn Sie jetzt nach Hause gehen, leben Sie mit Ihren Mitbürgern in Frieden und lassen Sie Ihre'Nächstes in Ruh!" — Die Ofener israelitische Kultusgemeinde faßte den Beschluß, ein AlterversorgUngshaus zu errichten. — Zw Gunsten des. jüdischen Frauenvereins in. Papa hielt der Abgeordnete Dr. Franz Fenyvessi einen interessanten Vortrag über die moderne Geisterbeschwörung. — Frau Anna Brüll spendete anläßlich der Vermählung ihrer Tochter 6600 Kronen dem israelitischen Waisenhaus. — Der u ngarische Friedensverein wählte mit.Stimmeneinhelligkeit Professor Dr. Ludwig Stein zum Ehrenmitglieds. Amerika»; C. H. New-York, im März. Die Noth in den Hauptstädten wird dadurch illustrirt, daß selbst der Rabbiner-Verband von New-Aork sich entschlossen hat, der vereinigten Wohllhätigkeitsgesellschaft fünfzig Dollars zu spenden. Die Wohlthätigkeitsgesellschast von Chicago berichtet, daß ihr Bedarf im abgelaufenen Januar um 50 Prozent höher war als im Januar 1896. — Das Möüni-Sinai-Hospital in New- Zjork hielt am Sonntag Morgen seine Generalversammlung ab. Das Hospital verpflegte im abgelaufenen Jahre 3106 Patienten und ertheilte in' seiner Poliklinik 33694 Patienten ärztlichen Rath. Das Jahres-' einkommen betrug etwa 126 600 Dollars; die Ausgaben waren um 4000 Dollars geringer. Das Vermögen der Anstalt beträgt über eine Viertelmillion. Obwohl das Hospital erst 25 Jahre besteht und durch Zubauten beinahe auf den doppelten Belegraum vermehrt wurde, ist doch ein Neubau eine dringende Nothwendigkeit geworden: Leider gestatten es die schlechten Zeiten nicht, an die Ausführung des Projektes' heranzutreten. Es ist sicherlich ein Zeichen der Zeit, daß über 6000 Dollars" an Mitgliedsbeiträgen ausständig sind und eine Anzahl von säumigen Zahlern von den Listen gestrichen werden mußte. — Morris Good-c heart, ein gesuchter Rechtsanwalt, eifriger Mitarbeiter an den Bene Berith-Bestrebungen und Präsident der Hebrew Sheltering Guardian Society, Heimath für verlassene Kinder, ist am 6. Februar gestorben. Die Beerdigung fand am 9. d. M. von dem Tempel Beth-El aus statt. — Emanuel Lehmann, Präsident des Aufflchtsrathes des WaisenhaHes, schenkte zur Feier seines siebzigsten Geburtstages der unter seiner Verwaltung stehenden Anstalt die Summe von 100000 Dollars, von denen< die Kosten weiterer Erziehung, Ausbildung im Handwerk u. s. w. für ehemalige Zöglinge des Waisenhauses bestritten werden sollen. ' Von Nah und Fern. — Sanitätsrath Dr. Barfchall in Eharlottenbnrg hat den Rothen Adlerorden IV. Klasse erhalten. — Das Konsistorium der Provinz Brandenburg hat der Wahl des Pfarrers I skr aut für .Berlin die Bestätigung versagt. — Vom 10. bis 12. d. Mts. fand an der Jacobsonschule in Seesen a H. (berechtigte Realschule) unter dem Vorsitz des herzoglichen Regierungskommissars, Herrn Gymnasiäldirektor Professor Dr.. Brandes aus Wolfenbüttel, die mündliche Reifeprüfung statt. 25 Schüler haben dieselbe mit Erfolg bestanden. — Derin Bremen allgemein beliebte Oberkantor und Lehrer Gustav Prinz wurde nach abgehaltenem Probevortrag einstimmig zum Oberkantor der Brüdergemeinde in Posen gewählt. Herr Prinz hat in seiner vierjährigen Thätigkeit sich die Sympathien aller Gcmeindemitglieder in Bremen errungen. — Am 3. n. Mts. wird Herr Hauptlehrer Siegfried Gras in Essen, Vorsitzender der Unterstützungskasse israelitischer Lehrer von Rheinland und Westfalen, sein 25jähriges Amtsjubiläum als Lehrer und Kultüsbeamter Hierselbst feiern, nachdem er zuvor schon je zwei Jahre in Kattowitz und Schneidemühl in gleicher Eigenschaft amtirt hatte. — Am 11. März beging der Finanzminister a. D. Dr. M. Ellstätter in Karlsruhe die Feier seines siebzigsten Geburtstages. Ellstätter stand an der Spitze des badischen Finanzministeriums von 1868 bis 1892: Er ist unter den Ministern Deutschlands der einzige jüdischen Glaubens. Unter den' vielen telegraphischen Glückwünschen, die derselbe an diesem Tage erhielt, verdienen die von Staatssekretär Dr. Stephan, Ludwig Bamberger und Kuno Fischer genannt zu werden. — Oberst a. D. R h einau, der nationälliberale Kandidat für Karlsruhe-Bruchsal bei den letzten Reichstags wählen, hat öffentlich g eäußert, daß die Juden vaterlandslos sind und zu Siaatsämtern nicht zugelassen werden sollten! — Zum Aerztekongreß in Moskau meldet das B. T, daß den jüdischen Aerzten zur Theilnahme am Kongreß unbeschränkter Aufenthalt bewilligt worden sei. Nach den letzten Nachrichten sollte die Erlaubniß zum Aufenthalt in. Rußland nur auf sechs Wochen ertheilt werden. — Ulderio Levi, der frühere Adjutant des Generals Cialdini und Abgeordneter der Stadt Reggio, ist zum Senator des Königreichs Italien ernannt worden. — Bekanntlich dienen viele Bene Israel in Bombay im Heere, d. h. in den Eingeborenen-Truppen, und brachten es durch ihre Tapferkeit oft zu Offizieren, wenn sie. auch als Gemeine eintraten. Besonders im großen Aufstande 1857 wurde ihre Treue wie ihre ausgezeichnete Tapferkeit belobt. Leider ist durch die neuen Vorschriften diesen tüchtigen Elementen die Chance zum Avancement abgeschnitten worden, . da in Zukunft eine Beförderung vom Soldaten zum Offizier nicht Mehr stattfinden wird. — In dem von den Botschaftern entworfenen Reformprojekt für die Türkei ist ein Staatsrath enthalten, in dem die. obersten Würdenträger jeder Religion ihren Sitz haben sollen. Für die Juden wird der Chacham Baschi diesen Platz einnehmen, eventuell dessen Vertreter. Dieselben sind Staatsbeamte und haben Anspruch auf eine militärische Leibwache. — Die Kongregation „Shaar Hashomagim" in New-Jork hat sich mit der Kongregation „Temple Beth El" vereint. Rabbiner Dr. K. Köhler und Kantor H. Silverman werden auch ferner im Amte verbleiben; dagegen wurde dem Rabbiner Dr. Sonneschein Und Kantor Golbstein von der Kongregation Shaar Hashomagim gekündigt — Die Überreichung der Freiwilligen-Qffizier-Dekoration an Oberst Harris in Kimberley gab seiner ganzen Brigade Gelegenheit, ihrer Anhänglichkeit an ihren Führer Ausdruck zu geben. Oberst Harris hat sich schon im Gaika-Galeka-Krieg 1877, dann wieder im Grigua-Aufstand und neuerdings in der Tokwhani - Rebellion hervorgethan. Die Dekorirung. desverdienten Offiziers fand beieiner Parade statt uno führte zueinergroßen Demonstration zu Ehren des Obersten Harris, dem die Offiziere einen prachtvollen silbernen Becher verehrten. — Die amerikanische Einwanderungsbill, die die beiden Häuser des Parlaments passirt hat,, ist von dem Präsidenten Cleveland verworfen worden, weil er die Erschwerungen dieses Gesetzes für allzu hart hielt. Da iudeß das- Repräsentantenhaus die Bill abermals und mit großer Majorität,. 193 Stimmen gegen 37, angenommen hat, so dürfte dieselbe doch noch Gesetzeskraft erlangen. Druck und Bertag von Ruvols Masse in Berlin. Verantwortlich für die Sledaktivn: Max Bauch Witz in Berlin:.