Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1897)
- Date
- 1897-02-26
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Anstalten christliche Offerten bevorzugt werden. Pater Zygulinski, der in den Reichsrath kandidirt, motivirte diese Beschlüsse. Bischof Löbos ertheilte dem Parteitage und dessen Beschlüssen seinen Segen. Infolge dieser Agitationen hat sich endlich in Krakau ein jüdisches Abwehr-Komitee, aus 33 Mitgliedern bestehend, gebildet. Möchte es bald etwas Positives leisten! — Die Mediziner Hirzegger, Heinrich und. Karl Hager aus Siebenbürgen wurden vom Appellgericht in Gra z, nachdem die erste Instanz sie freigesprochen, zu 80 und 50 Gulden oder 8 und 5 Tagen Arrestes verurtheilt, weil .sie den Ferdinand Ritter von Arlt als „Judenstämmling" aus dem Ballkomitee ausschlossen und für nicht satisfaktionsfähig erklärten. Arlts mütterlicher Großvater war der Jude Ritter von Königsberg» Besitzer des Rothen Adlerordens, des Ordens der Eisernen Krone und. persönlicher Anerkennungsschreiben Kaiser Wilhelms I; In' der Urteilsbegründung erkannte der Appellhof die Absicht der Beleidigung als vorhanden. Amerika. 6. H. Netv-Aork, im Febr. Ephraim Deinard, als Antiquar und durch seine Reisebeschreibungen bekannt, will eine aus 200 Familien bestehende Ackerbaukolonie in Kalifornien ansiedeln. Man steht in maßgebenden Kreisen diesem Plane skeptisch gegenüber. — Eine jüdische Gesellschaft in New-Jork) die sich Agudath Hakehiloth nennt, wollte ihre Inkorporation durchsetzen. Dieselbe wurde von einem Richter verweigert, weil die Statuten den zweiten Sonntag im Januar als Versammlungstag bestimmten, wie, was der Richter entschied, dem Geiste des christlichen Sabbath zuwider sei. —-Der Tempel Beth-El hat einen echt amerikanischen Schritt gewagt, indem beim Freitag-Abendgottesdienste am 1. Januar Frau Frederick Nathan einen Vortrag über das jüdische Herz hielt. — Herr Edwin Einstein ist, wie man sagt, dazu äusersehen, den auf die Juden entfallenden Beute-Äntheil aus dem letzten Wahlkampfe einzuheimsen. Präsident Mc. Kinley will ihn zum Gesandten in Italien ernennen. Das wäre ein Fortschritt, denn bisher haben es die Inden nur zu Gesandten „weit hinten in der Türkei" gebracht. — Die Presbyterianer von New-Iork, welche kürzlich ihrem Judenmissionar Warszawiak das ehrenvolle Zeugniß gaben, daß man an die moralischen Qualifikationen eines getauften Juden keinen allzu strengen Maßstab anlegen dürfe, haben in der darauffolgenden Versammlung ihr Bedauern darüber ausgesprochen, daß man aus ihren Beschlüssen eine Beschimpfung der Juden in moralischer Hinsicht gefolgert habe. — Der in der letzten Januarwoche mit der gewöhnlichen Plötzlichkeit des amerikanischen Klimawechsels hereingebrochene strenge Winter hat die United Hebrew Charities in New-Iork vor.eine unerfüllbare Aufgabe gestellt. Die Temperatur sank bis—18° R. und steigerte die Noth der zahlreichen Arbeitslosen aufs Empfindlichste. — Frau Emilie Scharek vermachte in ihrem Testamente den New-Iorker Anstalten: Talmud-Thora, Mount Sinai-Hospital, Altersheim, Waisenhaus und Freischule je 800 Dollars, der Einwanderer-Hilssgesellschaft. 250 Dollars und dem Siechenhause 1000 Dollars. — Der bekannte Philanthrop Jacob H. Schiff hat dem jüdischen Jünglingsverein in New-Iork ein großartig eingerichtetes Haus zum Geschenke gemacht. Es enthält neben Lese- und Bortragssälen auch Turnräume, Bäder und eine Kegelbahn. * '?• Non Nah und Fern.. Der Kaiser hat dem außerordentlichen Professor in der medizinischen Fakultät der Universität zu Berlin, Geheimen Medizinal-Rath Dr. Hirschberg, den Rothen Adlerorden IV. Kl. verliehen. — Der Maler Max Liebermann hat das Ritterkreuz des italienischen St. Mauritius- und Lazarus-Ordens erhalten. —.In Posen ist Frau Stadtrath Ulrike Friedländer!, die Gattin des Stadtraths Josef Friedländer, der seit Jahren zu den angesehensten Mitgliedern der Repräsentantenversammlung daselbst gehört, im 53. Lebensjahre allgemein betrauert gestorben. Die Heimgegangene war langeals Aufsichtsdame des' jüdischen Krankennnd Siechenhauses thätig. Die goldene Hochzeit feierte am 13. d. Mts. der Synagogendiener der Breslauer „Landschul", Herr Tischler, und dessen Ehefrau in voller Rüstigkeit. Aus diesem Anlaß fand in der Synagoge eine Feier statt, bei der Rabbiner Dr. Rosenthal eine Ansprache an das Jubelbrautpaar hielt, und ein ^Gnadengeschenk des Kaisers im Betrage von 30 Mark überreichte. — Apotheker Oehlmann aus Wülfel wurde vom Schöffengericht in Hannover wegen Ungebühr vor Gericht zu einer Geldstrafe von 5 Mk. verurtheilt, weil er zu einer Eingabe an das Amtsgericht einen Briefbogen mit dem vorgedruckten Motto: „Jeder Deutscher, welcher kein Antisemit ist, übt Berrath am Vaterlande — bewußt oder unbewußt" benutzt hatte. Die gegen das schöffengerichtliche Urtheil eingelegte Berufung wurde von der Strafkammer des Landgerichts am 13. d. M. verworfen. Gegen das Urtheil .ist die Revision beim Oberlandesgericht angemeldet worden. — Dozent Dr. Philippson in Bonn ist von der niederländischen Gesellschaft fürErdkunde in Amsterdam zum Ehrenmitglied ernannt worden. — Am 13. d. M. fand in Bozen ein Duell zwischen einem Oberlieutenant und einem jüdischen Studenten statt, weil der Erstere- Letzteren „Saujud" nannte. Der Offizier erhielt einen Hieb übers ganze Gesicht, der Jude blieb unverletzt. — Der Synagogendiener der Stadt Arlon in Belgien Goldschmidt, wurde sammt seiner Frau und fünf Kindern vergiftet aufgefunden. Ob ein Verbrechen, ein Selbstmord oder ein Unfall vorliegt, ist noch nicht bekannt. Goldschmidt und drei Kinder sind bereits todt. Die Mutter und die beiden anderen Kinder leben noch und sind in hoffnungslosem Zustande nach dem Spital geschafft worden. — Die „Petite Republique" in Paris veröffentlicht Nachrichten über das Befinden des Exkapitäns Dreyfus. Danach habe Dreyfus iy der letzten Zeit zwei Selbstmordversuche gemacht. Seine Bewachung sei jetzt noch weit strenger als früher; nach einem 'kurzen Spaziergang, den er täglich machen darf, wird er an eine Kette geschlossen. — Der Petersburgkaja Wjedemosti zufolge wird laut eines in den vierziger Jahren erlassenen Gesetzes, welches den Juden den Aufenthalt in Sibirien bedingungslos verbietet, dieses Verbot vom Senat erneuert werden. Auch Juden mit dem Bildungscensus höherer . Lehranstalten wird der dauernde Aufenthalt in Sibirien untersagt. Sie werden's aushalten können. — In Moskau ist am 20. d. Mts. der Schachmeister Wilhelm Steinitz gestorben. Steinitz, am 18. Mai 1837 zu Prag geboren, war schon als Knabe ein ungewöhnlich hervorragender Schachspieler. Der großen Oeffentlichkeit wurde er 1862 bekannt, als er in dem großen Wettstreit in London den sechsten Preis errang. Dieser Erfolg bestimmte ihn, das Schachspiel zu seinem Lebensberuf zu machen. Bis in die letzten Jahre galt er als der erste Schachspieler der Welt. — Wie aus Konstantinopel berichtet wird, empfing der armenische Patriarch in Haskieu eine jüdische Deputation, die ihm ihr Bedauern über die vorgefallenen Greuel aussprach. Der Patriarch nahm dieselbe sehr freundlich auf und schloß seine Erwiederung mit dem Bibelwort: „Haben wir nicht alle einen Vater? Hat uns nicht alle ein Gott geschaffen?" — Vor einiger Zeit entließ der Münizipalrath von Oran die jüdischen Polizisten aus dem Gemeindedienste. Der Präfekt Monsieur de Malherbe hat darauf in einem energischen Schreiben die Wiederanstellung der Entlassenen verlangt, und den Munizipalräthen eine Lektion über die Resultate - der Revolution von 1789 gelesen. Trotzdem haben sich die Munizipalräthe geweigert, Juden anzunehmen, und haben ihre Mandate niedergelegt? Hoffentlich bringen die neuen Wahlen eine gute, den Juden günstige Verschiebung der Verhältnisse. — Nachdem die Behörden die-Schützwache aus dem jüdischen Stadttheil von Mesurata in -Tripolis zurückgezogen hatten, drangen die Eingeborenen in die Synagoge ein und schändeten und plünderten dieselbe. Auf Reklamation des Chief - Rabbi Dr. Adler hat der englische Staatssekretär Kurzen mitgetheilt, daß die Mifsethäter verhaftetseien und daß der Herr Generalgouverneur strenge Justiz zu üben zugesagt habe. — Der Aufstand im Betschuanaland ist über Erwarten schnell unterdrückt worden, zu welchem günstigen - Resultat hauptsächlich das militärische Geschick und der Eifer des Obersten'Harris, bekanntlich ein Glaubensgenosse, das. Meiste beigetragen hat. Bei der Rückkehr der Brigade von Kimberley aus dem Felde wurde den Soldaten und besonders dem Obersten Harris eine große Ovation gebracht. Unter den zahreichen Glückwunsch-Telegrammen,'die er erhielt, befand sich auch ein solches von dein englischen. Staatssekretär der Kolonien. —Bei der letzten Parade der Cossijar Artillerie in Kalkutta erhielt ein jüdischer Sergeant Hey den, dessen eigentlicher - Name Henry Lewes Abrahams, eine große güldene Medaille für seine ausgezeichneten Leistungen Lehrer in der Artillerieschule. - - ° Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. > Verantwortlich für die Redaktion: M ax Bauch Witz in Berlin?