Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1897)
- Date
- 1897-02-12
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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zu beklagen. Dagegen durfte der Senior der aktiven israelitischen Lehrerschaft * Württembergs, Baruch Straßburger / in Buchau a F., äm Laufe des letzten Jahres unter ehrendster Theilnahme seiner dankbaren. Gemeinde die Jubelfeier vierzigjähriger treuer Amtsthätigkeit begehen. Der Vorstand des israelitischen Lehrerunterstützungsvereins ist Herr Leopold Stern in Eßlingen. Die Einnahmen beliefen sich auf 5446,56 Mk., die Ausgaben aus 2996,47 Mk., das Gesammtvermögen pro 31. März 1896 auf 48811,09 Mk. Oesterreich-Ungarn. □ Wien, 8. Februar. Der niederösterreichische Landtag arbeitet wacker fort. In dieser Woche hat er nach langer Erörterung die Gesuche einiger evangelischer Gemeinden um Unterstützung ihrer Volksschulen genehmigt, aber nur unter der Bedingung, daß diese Schulen rein konfesstonell sein müssen, namentlich darf kein Jude in die unterstützten Schulen ausgenommen werden. — Ferner hat die antisemitische Landtagsmajorität trotz aller Reden der liberalen Minorität die dem israelitischen Waisenunterstützungsverein seit Jahren gewährte Subvention abgelehnt. — Dagegen wurde dieser Tage der Bürgermeister von Prag, Dr. Podlipny, vom Kaiser in Audienz empfangen. Er dankte in tschechischer Sprache für die Bestätigung seiner Wahl, worauf der Kaiser, gleichfalls in tschechischer Sprache, bemerkte, es freue ihn, den neugewählten Bürgermeister kennen zu lernen. Der Kaiser sprach sodann seine Zufriedenheit darüber aus, daß Dr. Podlipny in seiner Jnstavationsrede den entschiedenen Willen betonte, volle Gerechtigkeit gegenüber allen Gemeindeangehörigen ohne Unterschied der Nation, der Konfession und des Standes walten zu lassen. , Das ist doch ein anderes Bild. — Die hiesigen katholischen Vereine haben kein Glück mit ihren Obmännern; im vorigen Jahre batten sich solche Biedermänner vor Gericht zu verantworten und diese Woche war wieder der Obmann eines solchen Vereines, des „Heiligen Rudolph", Namens Stephan Haupt, wegen Unterschlagungen angeklagt. — Der Kaiser hat dem Schriftsteller Emanuel Singer den Titel eines kaiserlichen Rathes verliehen. — Am 1. d. Mts. wurde hier Frau Johanna Jahoda, die Gattin des Herrn S. Jahoda, Verwalters des Humanitätsoereines „Union", zu Grabe getragen. Die Verblichene war eine echt jüdische Frau von seltener Herzensgüte und edlen Charaktereigenschaften; sie stammte aus alter Rabbinerfamilie und war der Mittelpunkt einer zahlreichen Familie, geehrt und geschätzt von allen Mitgliedern derselben, sowie von den zahlreichen Freunden des Hauses. Sie hinterläßt fünf Söhne, deren ältester der bekannte Arzt Dr. Emil Jahoda ist. An ihrer Bahre trauert neben dem tiefgebeugten Gatten und den Kindern auch als Neffe der Verblichenen der Redakteur d. Bl. und der große Kreis der Angehörigen. Das Andenken der Verewigten wird bei Allen, die sie kannten fortleben! Friede ihrer Asche! B. Budapest, 5. Februar. Vor Jahresfrist unterbreitete die Versammlung der Präsidenten der Gemeindedistrikte dem Kultus- und Unterrichtsminister ein Memorandum, in dem jenem Wunsche Ausdruck gegeben wird, der Minister möge dahin wirken, daß die Legislative die Zustimmung zur Einberufung eines Landeskongresses gebe, damit dieser ein Statut feststelle, laut dem die konfessionellen Angelegenheiten und Institution der rezipirten israelitischen Konfession durch ihre eigenen Organe verwaltet und geleitet werden sollen." Der Minister, dem dieses Memorandum eine Abordnung der Versammlung übergab, erklärte, es sei nichts natürlicher, als daß nach, erfolgter Rezeption der israelitischen Konfession die Israeliten bestrebt sind, ihre Autonomie zu organisiren und zu sichern, aber das Millenniumsjahr halte er dazu für ungeeignet. Deshalb unterblieb der Landeskongreß. — Nachdem das Millenniumsjahr vorüber ist und das Interesse der jüdischen Gemeinden und der Kultusbeamten es dringend erfordert, daß die kirchliche Organisation der Israeliten geschaffen werde, haben die am 6. d. Mts. versammelten Distriktspräsidenten den Beschluß gefaßt, an den Kultus- und Unterrichtsmmister nochmals das Ansuchen zu richten, er möge es ermöglichen, daß der.Landeskongreß baldigst einberufen werde. — Großes Aufsehen erregte vor Kurzem im Abgeordnetenhause eine Rede des katholischen Domherrn und Studien - Direktors Franz Komlossy, der zur nächsten Umgebung des Fürst-Primas Vaszary gehört. Komlossy griff die katholische Volkspartei auf das Heftigste an und verurtheilte ihre Bestrebungen nach einer Revision der kirchenpolitischen Gesetze und die dabei von ihr angewendeten Mittel sehr hart. Auf einen Zwischenruf aus den. Reihen der Volkspartei erwiederte er: er sei allerdings einst Antisemit gewesen, er Habe aber seine.Anschauungen gründlich geändert^ nachdem er gesehen, wie innig sich die ungarischen Juden der nationalen Sache angeschloffen haben und mit welchen hochherzigen Mitteln sie alle öffentlichen Anstalten unterstützen. Die Rede Komlossys wurde von der liberalen Partei mit lebhafter Akklamation ausgenommen, von der Volkspartei, bei welcher sie wahres Entsetzen erweckte, mit Rufen der Entrüstung begleitet. Von Nah und Fern. ---- Der Kais er hat auf den Vorschlag der Kaiserin im Hinblick auf die von der Hochseligen Königin Elisabeth ertheilte Verheißung, sowie unter gegenwärtig beschlossenem Einverständniß des Kapitels der ersten Abtheilung des Luisenordens, der Frau Rentier Beer, Alexandrine, geborenen Rosen, zu Berlin, den Luisenorden erster Abtheilung mit der Jahreszahl 1866 verliehen. — Dr. med. Theodor Rosen heim, Privatdozent für innere Medizin an der Universität Berlin, ist zum Professor ernannt worden. — Als Nachfolger von Emil du Bois- Reymond wird, nachdem auch Herr v. Kries-Freiburg i. Br. abgelehnt hat, nun voraussichtlich Professor Hermann Munk berufen werden. Munk ist ein Forscher ersten Ranges; wichtig sind seine Untersuchungen zur Fühlsphäre der Gehirnrinde. Er hat am 3. d. Mts. das 58. Lebensjahr vollendet und wurde auch zum Vorsitzenden der Berliner physiologischen Gesellschaft als Nachfolger Emil du Bois-Neymonds gewählt. — Prof. Ludwig Schlesinger,' Privatdozent der Mathematik an der Universität Berlin, ist als außerordentlicher Professor an die Universität Bonn berufen worden. — In Hamburg hat der Vorstand der jüdischen Gemeinde dem Repräsentanten- Kollegium folgenden Antrag vorgelegt:. Auf dem israel. Friedhofe zu Ohlsdorf soll ein besonderer Platz zur Bestattung von Särgen, enthaltend Aschen krematorisch verbrannter Israeliten angewiesen werden. Das Repräsentanten-Kollegium nahm mit- 9 von 13 Stimmen diesen Antrag unter der Hinzufügung, daß auf den Leichensteinen keine die Verbrennung verrarhende Inschriften angebracht werden dürfen, an. Die Minorität behielt sich vor, ihre motivirte Ablehnung zu Protokoll zu geben. — Der erst seit vorigem Jahre als Kantor und Religionslehrer bei der israelitischen Kultusgemeinde in Wiesbaden angestellte Herr A. Nu ßbaum, der. sich in dieser kurzen Zeit bereits die lebhafte Anerkennung der Gemeindemitglieder erworben und sich ungetheilter Beliebtheit erfreut, ist leider aus Gesundheitsrücksichten genöthigt gewesen, sein Amt niederzulegen. Das Bedauern hierüber ist in der Gemeinde ein all- | gemeines. — In Wilhelmsdorf (Baiern) feierten am 2. d Mts. Herr Wolf Michelsohn und dessen Gattin, im Alter von 81 resp. 76 Jahren die goldene Hochzeit unter allgemeiner Theilnahme der Bevölkerung. Möge ihnen noch ein langer, heiterer Lebensabend beschieden sein! — Dr. D. Neumark von der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums ist einstimmig zum Rabbiner in Rakonitz in Böhmen gewählt worden. — Dr. Georg Brandes in Kopenhagen ist zum Ritter der Ehrenlegion ernannt worden. — Der bekannte Philantrop Lazar Brodsky in Kiew wurde vom Kaiser von Rußland zum Kommerzienrath ernannt. — In Rußland und Polen soll sich unter den Juden in letzter Zeit eine lebhafte Bewegung zur Auswanderung nach Afrika kundgegeben haben, ein Projekt, das bei der Ueberfüllung Amerikas und bei der glücklichen Lage der Juden in Transvaal u. a. O. wohl auf guten Erfolg rechnen darf. — In Nizza wurde der Marinelieutenant Felix Vormöse, der in ein m Gefecht bei Pon-Hai in Tonkin gefallen, mit großen militärischen Ehren beerdigt. Rabbiner Meiß hielt die Grabrede. — In Paris ist der Oberstlieutenant im Geniekorps, Adolphe Worms de Romilly, dessen Vater lange Jahre Präsident im französischen Centralkonsistorium war, im 84. Lebensjahre gestorben. — „Hut auf" oder „Hut ab", der Angelpunkt amerikanischer Reform, ist das Problem, welches gegenwärtig die Gemeinde Ahawath Chessed in New-Jork bewegt. Bisher war es den Besuchern sreigegebenihre Kopfbedeckung aufzubehalten oder abzulegen. Jetzt will man die „Kopfbedeckungslosigkeit" obligatorisch machen. Der diesbezügliche Antrag hat jedoch nicht die nöthige Unterstützung gefunden. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.