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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-02-05 · Heft 6 (5.2.1897) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 6 (5.2.1897)
Date
1897-02-05
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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worden, daß dies einen üblen Eindruck machen und vielleicht maßgebende Faktoren vom Ball fernhalten würde. Das Gerücht wird viel besprochen; es sei indessen nur unter aller Reserve wiedergegeben. Uebrigens heißt es, daß nun thatsächlich Einladungen an Juden ergangen seien. — Eine sehr komische Geschichte wird uns aus Graz berichtet. In der Sitzung, welche das Komitee des Universitäts- Studentenballes am 11. Dezember v. I. abhielt, wurde, wie schon in früheren Jahren, der Antrag gestellt und auch angenommen, zu diesem Ballfeste Juden und Judenstämmlinge nicht einzuladen. In der gleichen Sitzung brachte der Mediziner Hugo 'Hirzegger vor, es sei sehr bedauerlich, daß ein Judenstämmling im Ballkomitee sitze. Damit meinte er den vom Turnverein beider Hochschulen in das Komitee entsendeten Hörer der Philosophie Herrn v. Arlt (einen Enkel des berühmten Wiener Augenarztes). Da Letzterer die Sitzung damals bereits verlassen hatte, erfuhr er den Beschluß des Ausschusses und die .Auslassungen Hirzeggers erst später. Da Arlt Reserveoffizier ist, wendete er sich an die Offiziere seines Regiments, um durch deren Intervention Satisfaktion zu bekommen. In der Besprechung, welche zwischen den beiderseitigen Vertretern stattfand, machte Karl Haager die Mittheilung, daß von einer Austragung der Angelegenheit mit Waffen deshalb keine Rede sein könne, weil Arlt ein „Judenstämmling" sei, und solchen werde von den Angehörigen der Burschenschaft, deren Mitglied Hirzegger ist, grundsätzlich die Satisfaktionsfähigkeit abgesprochen. Da Arlt auf diesem Wege keine- Genugthuung erreichen konnte, strengte er die Ehrenbeleidigungsklage an. Hirzegger verantwortete sich dahin, daß seine Aeußerung mit dem vorn Komitee gefaßten Beschluß, Juden und Judenstämmlinge nicht einzuladen, im Einklang stünde. Wenn dieser Beschluß gefaßt wurde, so mußte er auch für Arlt gelten, da er in dritter Linie mütterlicherseits von dem im Jahre 1845 getauften jüdischen Arzte Königsberg ab stamme. Ihm dadurch eine persönliche Beleidigung zuzufügen, habe ihm um so ferner gelegen, als Arlt ihm weiter nicht bekannt gewesen sei. Was der Beschluß seiner Vertreter bezüglich der Satisfaktionsunfähigkeit betreffe, so müsse er demselben seine Zustimmung geben, da es sich hierbei um einen Grundsatz seiner Burschenschaft handle. Eine persönliche Beleidigung habe ihm auch hier fern gelegen. Der.Richter sprach alle Angeklagten nach § 269 St.-G.-O. frei und hob hierbei in•: der Begründung hervor, daß dem Angeklagten die Absicht einer persönlichen Beleidigung fern gelegen habe. Komisch, höchst komisch! —, Der Kaiser hat den Finanzrath Dr. Benjamin Rappaport zum Oberfinanzrath bei der niederösterreichischen Finanzprokuratur ernannt und dem Gefreiten Nathan Edelmann in Anerkennung seiner hervorragenden Leistungen bei einer Hochwasser-Katastrophe das silberne Verdienstkreuz verliehen. — Die Wahlprogramme der verschiedenen/ Parteien erwähnen alle die „Judenfrage". Das Programm der Sozial-^ Politiker perhorreszirt sie natürlich, die der Christlich-Sozialen und der Deutsch-Nationalen sehen in derselben den Kernpunkt aller Fragen. Sie sind dabei — soweit sie ehrlich und wahr — rein hypnotisirt; die" „Judenfrage" ist für sie nichts als das berühmte Loch in den Vogesen! — Der Ingenieur-Adjunkt Ignaz P ollak wurde zum Ingenieur für den Staatsbaudienst, der Rechnungsassistent Feiwel Gold färb zum' Rechnungsoffizial in der Finanz-Landesdirektion, der Finanzprokuratur- Sekretär Dr. Jakob Adler zum Finanzrath und der Revisor im reichsräthlichen Stenographen-Büreau, Herr Carl Weigmann, zum Mitgliede der Prüfungskommission für das Lehramt der Stenographen — trotz des niederösterreichischen Landtags — ernannt. Von Nah und Fern. — Dr. G. Klemperer, Privatdozent an der medizinischen Fakultät der Berliner Universität, der lange Jahre der Assistenzarzt des Professors Leyden war, hat den Professortitel erhalten. — Am 29. v. M. verschied der Bügermeister a. D. und Ehrenbürger von Jarotschin, Magnus Goldring, Inhaber des königlichen.Kronenordens vierter Klasse. Der Verstorbene hat 22 Jahre hindurch an der Spitze der Stadt gestanden und während dieser Zeit alle Angelegenheiten derselben mit Eifer nnd Erfolg vertreten. Auch war er Mitglied des Kreisausschuffes und lange Jahre Vorsteher der jüdischen Gemeinde. — Die Burschenschaft „Arminia" in Breslau beschloß, gleich der Burschenschaft „Germania", entgegen der Resolution des allgemeinen Deputirten- Konvents, der, sich gegen die . Aufnahme jüdischer Mitglieder ausgesprochen hatte, Mitglieder ohne Unterschied des Standes, der Religion und des politischen Bekenntnisses aufzunehmen. — In Gr ätz feierte das Koppenheim'sche Ehepaar das seltene Fest der goldenen Hochzeit. Dem noch rüstigen Paare wurde vom Kaiser die goldene Ehejubiläums- Medaille huldvollst verliehen. — Der wiederholte Versuch der Antisemiten, in die Hamburger Bürgerschaft einzudringen, ist wiederum gescheitert. Ihr Kandidat Raab unterlag gegen den Kandidaten der Linken, Langenbeck. — Das Reichsgericht verwarf die Revision des Redakteurs Karl Sedlaczek, der am 20. Oktober v. I. vom Landgericht U Berlin wegen Beschimpfung der jüdischen Religion und Gotteslästerung zu drei Monaten Gefängniß verurtheilt wurde. — Ein Führer der Krefelder Antisemiten, der Hefehändler August Wintjens, ist wegen Verdachtes, an Erbschaftsunterschlagungen und anderen Betrügereien sich betheiligt zu haben, verhaftet worden. Aus dem Nachlasse der Wittwe Matthey in M.-Gladbach nämlich sind 110 000 Mark verschwunden, wovon 77 000 Mark bei Krefelder und Gladbacher Bankhäusern als verkauft nachgewiesen sind, während über die verbleibenden 33 000 Mark noch nichts bekannt geworden ist. — Die „Volksstimme" in Mannheim meldet von angeblich gut unterrichteter Seite, daß nach einem Regimentsbefehl im Mannheimer Infanterie-Regiment jüdische Einjährig-Freiwillige nicht zum Vorbereitungsunterricht für das Reserve- Offiziers-Examen zugelaffen werden dürfen. — Frau Baronin Hirsch hat dem Allgemeinen österreichischen israelitischen Taubstummeninstitut in Wien für dieses Jahre den Betrag von 10 000 fl. gespendet. — In Görz ist am 1. d. Mts. der Advokat Dr. Henrico Luzzatto, Vizepräsident der Advokatenkammer, im 59. Lebensjahre gestorben Der Verblichene gehörte auch dem Vorstand der jüdischen Gemeinde an. — Rabbiner Lazar Löw in Ungvär hat das goldene Verdienstkreuz mit der Krone „in Anerkennung seiner gemeinnützigen Wirksamkeit", erhalten. — Wie die „Jurist. Blätter" melden, hat der Senat das Wohnsitzrecht in allen Orten des russischen Reiches für diejenigen Israeliten bestätigt, die ihre Studien an höheren Schulen mit Erlangung eines akademischen Grades abgeschlossen haben. Andererseits wird berichtet, daß die Aufenthaltserlaubniß für jüdische Aerzte zum medizinischen Kongreß in Moskau nur auf je 14 Tage vor und nach dem Kongreß gelten soll. Gelingt es dem Komitee nicht, diese Schwierigkeit zu beseitigen, so ist die Betheiligung der deutschen Aerzte sehr in Frage gestellt. — In Kopenhagen ist Dr. Albert Hackscher, ein bedeutender Jurist und Autor verschiedener anerkannter juristischer Werke, im 40. Lebensjahre gestorben. Bei dem Leichenbegängnisse. schilderte Oberrabbiner Simonsen der großen Trauerversammlung den Verlust, den die Wissenschaft und die Glaubensgemeinde durch den Tod dieses bedeutenden und charaktervollen Mannes erlitten haben. — Einige christlich-soziale, klerikale und antisemitische Zeitungsleiter und Schriftsteller sind in Paris zu einem Ausschuß zusammengetreten, um ein christliches Theater zur Pflege ausschließlich idealer Kunst zu gründen, die „katholische Frömmigkeit und Judenhaß" fördern soll. — In Nancy ist am 17. vor. Mts. der Advokat am Appellgericht und Hauptmann des 42.Art.-Regiments, Th. W olff, im Alter von 45 Jahren gestorben. In der Grabrede hob der Heeres-Rabbiner Bloch den Patriotismus und die Glaubenstreue des Verblichenen hervor. — Elia Effendi Chaki, Unterchef im Amt der auswärtigen Angelegenheiten, ist vom Sultan zum Range eines zweiten Geheimratbes ernannt worden. — Die antisemitischen Rechtshörer von Algier verhinderten den neu ernannten Professor des römischen Rechts, Levy, seinen Bortrag zu halten und beschimpften den Professor sowie den herbeigeeilten Rektor Jeanselme. Sie zogen dann vor die Redaktion der „Vigie Algörienne", die ihre Haltung auf schärfste verurtheilt hatte, und warfen alle Fensterscheiben ein. Die Polizei schritt ein und nahm Verhaftungen vor, die indeß nicht aufrecht erhalten wurden. — Henry Emanüel Cohen ist zum Präsidenten des obersten Gerichtshofes von Neu-Süd-Wales ernannt. Er ist, mit Ausnahme des Sir Julian Salomons, welcher vor einigen Jahren diese Stelle bekleidete, aber schon nach wenigen Tagen demissionirte, der erste Jude der auf diesen hohen Posten berufen wurde. 1882 ward er Justizminister. Drei Jahre später kehrte er dem politischen Leben den Rücken und lebte nur seinem Berufe. Mr. Cohen ist der Schatzmeister der Anglo Jewish Association in Sidney und im Vorstand der Philantropischen Gesellschaft und des Montesiore- Heims. Druck und Verlag von Rudolf Mosso in Berlin. Verantwortlich für die Redaktiori: Max Banchwitz in Berlin.

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