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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-01-22 · Heft 4 (22.1.1897) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 4 (22.1.1897)
Date
1897-01-22
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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m eines Mannes, oer ein langes Leben hindurch alle seine Kräfte, seim Wissen und Können in den Dienst der Gemeinde gestellt, die ihn auch, nachdem er lange Jahre als Vizepräsident sungirt, bei der Neu-/ konstituirung der Großgemeinde Wien zum Präsidenten gewählt. Gustav Simon hat aber auch durch mehr als ein Jahrzehnt im Gemeinderathe der Stadt Wien gewirkt und sich wesentliche Verdienste erworben. Am 15. d. Mts. Vormittags fand das Leichenbegängniß unter zahlreicher' Betheiligung der besten Kreise der Bevölkerung statt. Die Mitglieder des Rabbinats, die Vorstände sämmtlicher Bethausvereine, die Oberkantoren und das gesammte Chorpersonal der Wiener Synagogen, zahlreiche Gemeinderäthe und Abgeordnete folgten dem Leichenzuge. Am Grabe stimmte Oberkantor Goldstein die Trauerpsalmen an, und nach einem warmen Nachrufe des Rabbiners Dr. Güdemann sprach noch Dr. Stern und Gemeinderath Dr. Nechansky Namens des fortschrittlichen Parteiverbandes im Gemeinderathe, dem Simon durch Jahre als Mitglied angehört hatte. Ein gebürtiger Hesse, kam Simon in jungen Jahren nach Wien, wendete sich dem Gewerbestande zu und gründete im Jahre 1847 eine Metallwaarenfabrik, die von ihm seither mit bestem Erfolge betrieben wurde. Sein reger Geist, verbunden mit rastlosem, redlichem Fleiße und energischem Wollen, fand allgemeine Anerkennung. In verschiedenen gemeinnützigen Instituten, unter anderem im Vorstande des Vereins zur Beförderung des Handwerks unter den inländischen Israeliten, wirkte der Verstorbene mit unermüdlichem Eifer. Dem Wiener Gemeinderathe hatte Simon seit Beginn der siebziger Jahre angehört und stets in maßvollem Sinne für die Sache der Bildung und des Fortschrittes gewirkt. Erst vor den letzten Wahlen lehnte er mit Rücksicht auf sein Alter eine Kandidatur ab. Gustav Simon hinterläßt bei Allen, die ihn kannten, das Andenken eines rechtschaffenen Mannes, der in jeder Weise bemüht war, der Allgemeinheit uneigennützig zu dienen und insbesondere dürftigen Nebenmenschen ohne Unterschied der Nation und des Bekenntnisses hilfreich beizustehen. — Herr.Philipp Thorsch widmete der Kultusgemeinde Wien 24000 Kronen zum Ausbau des drittem Stockes im Altersversorgungshaus der Seegasse. — In Prag fand vor dem Bezirksgerichte 'die Verhandlung gegen den Wiener antisemitischen Redakteur K. H. Wolf wegen der Beleidigung einer Amtsperson statt. Wolf hatte nach der Auflösung eines Kommerses des Prager antisemitischen Studentenvereins „Gernmnia" dem landesfürstlichen Kommissar zugerufen, derselbe sei ganz unfähig. Der Einzelrichter verurtheilte den Angeklagten in dessen Abwesenheit zu zehn Tagen Arrest. Großbritannien. B. London, 17. Januar. Von dem jetzigen Lordmayor Sir Faudel Philipps ist auf Veranlassung des Ministeriums ein Komitee gebildet worden, um Geld für die Nothleidenden in Indien, dem von Hungersnoth, Pest und Cholera so schwer heimgesuchten Lande, zu sammeln. Dieser Körperschaft gehören von unseren Glaubensgenossen außer dem Lordmayor noch Lord Rothschild, Lord Pribrygt und Sir Eduard Sasson an. Die Juden haben wieder reichlich ihre Pflicht gethan mit milden Spenden, so sind allein an Beträgen über 200 Mark von ihnen 66 000 Mark für die Zwecke dieses Komitees beigesteuert worden. Dabei vergeht keine Woche, in der nicht die hiesigen Juden zur Unterstützung jüdischer Institutionen angegangen werden und sie auch reichlich mit Spenden bedenken. Diese Woche ist es die Kleinkinderschule oder eigentlich die Schulen, in denen 2300 Kinder im Alter von 3—8 Jahren ihren ersten Unterricht und außerdem körperliche Pflege, Nahrung, Kleidung rc. erhalten. Dazu gehören jährlich 80 000 Mark, wovon in , diesem Jahre 28 000 Mark fehlen, da aber auch in den früheren Jahren ein ähnliches Defizit sich ergeben hatte, so ist eine Gesammtsumme von 100 000 Mark erforderlich, und der Vorstand dieser Schulen richtet einen warmen Appell an die Gesammtheit, diese Summe aufzubringen. Putt Nah und Fern. — Bei dem Krönungs- und Ordensfeste hat Herr Reichsgerichtsrath Behr end in Leipzig den Adlerorden 3. Kl. mit der Schleife, Sanitätsrath Dr. Wolfs, Kreisphysikus in Löbau, den Rothen Adlerorden 4. Kl. und der israelitische Vorsänger Klein in Brumath das Allgemeine Ehrenzeichen erhalten. — Der vom Konsistorium der Provinz Brandenburg veröffentlichten Nachweisung für 1895 entnehmen wir folgende die Juden angehenden Daten: Getauft wurden 15 Kinder jüdischer Eltern und 94 Erwachsene. Bei der letzteren Ziffer ist nicht angegeben, ob alle 94 Juden waren, es ist indeß sicher, daß, wenn nicht alle, doch die weitaus meisten früher diesem Glauben angehörten, denn die Taufen von Heiden sind doch eine große Seltenheit in Brandenburg. — Die theologische Fakultät der Berliner Universität hat aus der Dr. Paul Schultze-Stiftüng folgenden Preis gestellt: „Die alttestamentlichen Stellen in denen von dem „Tage Jahwes" die Rede ist, sollen gesammelt, exegetisch erläutert und zu einer Darstellung der Geschichte des Begriffs verarbeitet werden" — Der Vorstand der Gemeinde Danzig hat an die 54 westpreußischen Gemeinden ein Rundschreiben wegen Bildung eines Gemeindeverbandes der ganzen Provinz gesandt. — Daselbst starb plötzlich am 12. d. M. der Kantor Berg Löwenthal, welcher in treuer Pflichterfüllung fast 37 Jahre sein Amt verwaltet hatte, im Alter von 75 Jahren. Am Nachmittage seiner Beerdigung wurde die im 51. Jahre verstorbene Schul- und Pensionsvorsteherin Frl. Minna Nathan, die Vorsitzende der Fortbildungsabende des Vereins „Frauenwohl", von einem großen Trauergefolge zur letzten Ruhestätte geleitet, wo Herr Rabbiner Dr. Blumenthal eine ergreifende Rede hielt. — Der Vorstand der Synagogengemeinde in Schildberg beabsichtigt, daselbst einen neuen Verein zur Unterstützung von ärmeren Gewerbetreibenden durch zinslose Darlehen ins Leben zu rufen. — Die antisemitische deutsche „Volksmacht" in Aachen ist aus Mangel an Abonnenten eingegangen. — Dem Badearzt zu Teplitz in Böhmen, Dr. Ignatz Hirsch, wurde der Titel Geheimer Sanitätsrath verliehen. — Zu Oberfinanzräthen sind ernannt worden die k. k. Finanzräthe Dr. B. Plo o in Prag, ein Neffe von Michael Sachs s. A., Dr. I. Koretz in Brünn und Dr. B. Rappaport in Wien. — Rabbiner Dr. Joseph Burstyn in Rakonitz in Böhmen ist zum Rabbiner in Ungarisch-Hradisch gewählt worden. — In Homonna wurde Dr. E. Moskovits zum Bürgermeister gewählt. — Der Zar hat den berühmten Bildhauer Marcus Antokolski zum Wirklichen Staatsrath mit dem Titel Exzellenz ernannt. — Nach Petersburger Meldungen wird ausländischen Kommissionären jüdischer Konfession, welche ausländische Getreide- und Hopfenfirmen vertreten, das Reisen in Rußland wieder gestattet werden. — Lazar Hart ist zum Lordmayor von Ramsgate erwählt worden. — Die llnivers Igraslils bringt ein Verzeichniß der höchsten jüdischen Beamten der Türkei. Erster Dolmetscher der hohen Pforte ist S. E. Daout Effendi. Ersteht höher im Rang als ein Divisionsgeneral. S. E. Bohar Effendi Eschkenazzi ist Adjunkt des Stadtpräfekten von Konstantinopel, Abraham Bey de Castro ist Direktor des Fremdenhospitals. Die beiden Letzteren haben den Rang von Divisionsgenerälen. Abraham Effendi Farchi ist Chef des Sekretariats der fremden Presse im Ministerium des Innern, Nissin Effendi Gibri ist zweiter Direktor der Civilliste, Sauriji Effendi Piza ist im Justizministerium, Jsaac Effendi Amon und Farchi Effendi im Unterrichtsministerium, Joseph Effendi im Polizeipräsidium, Israel Effendi und Josuä Effendi im Ministerium des Auswärtigen angestellt. Elias Cahen Pascha ist Chefarzt der Marine mit dem Range eines Vize- Admirals. Jsaac M o l ch o Pascha ist Kontreadmiral, Mantuh Galt di ni Bey Kapitän der Flotte, Moise Dalrnadico Bey Fregatten-Kapitän. In den Provinzen sind Robert Sassoon in Adrianopel, Joseph Kriger Effendi in Rodus und Sasson Effendi in Bagdad als Direktoren des politischen Departements angestellt. Boaz Menache Effendi ist Rath am Appellationsgericht in Rhodus und Joseph Gabal Effendi Präsident des Handelsgerichts in Mersina. — Unter der jüdischen Bevölkerung in Tripolis herrscht große Aufregung: Die Regierung hat den Juden plötzlich das Recht entzogen, Mitglieder des Gerichtshofes zu werden, das sie so lange besessen haben. — An der Expedition zur Unterdrückung des Aufstandes in Metabele-Land haben vierzehn jüdische Volontäre theilgenommen und einer derselben, Rubin Schapiro, ein Russe von Geburt, ist in einem Gefecht gefallen. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch witz in Berlin.

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