Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ob sie es schon bald erreichen, ob sie heute schon alles erlangen? btf§ hängt viel von dem Eifer ab, mit dem sich die Vorstände und Lehrer ihrem Streben anschließen und für die Durchführung per-., sönlich bemühen werden. Man muß den Baum schütteln, wemr er seine Früchte geben soll. Mögen die Lehrer aber auch nicht denken,- daß sie, weil es sich , um ihre eigene Angelegenheit handelt, nicht dafür sprechen dürfen. Jeder, auch der geringste Arbeiter, hat ein Anrecht auf ausreichende Versorgung für sich und seine Familie, und das Eintreten für dieselbe ist eine sittliche Pflicht, der sich Niemand entziehen darf. Und wenn man ihnen hier und da von der Unmöglichkeit spricht, neben den schweren Pflichten für den amtirenden Kultusbeamten, auch noch für den Altersschwachen und Arbeitsmüden oder gar noch für die Hinterbliebenen des Verstorbenen zu sorgen, so mögen sie es Allen sagen, daß sie nur das Mögliche erstreben und, wo das Unvermögen der einzelnen Gemeinden tatsächlich anzuerkennen, auf die Hilfe der großen Gemeinschaften die unsere Glaubensbrüder in Provinz und Staat verbinden, rechnen wollen. Das Nächste bleibt aber für die oben. genannte Kommission, ans Grund einer klaren Uebersicht über die Verhältniffe der Gemeinden und ihrer Beamten, Mittel und Wege zu finden, welche die! Erfüllung der Wünsche der jüdischen Lehrer möglich erscheinen lasten. Nur wenn Jeder die allgemeine Sache als seine eigene persönliche Angelegenheit betrachtet und sich demgemäß dafür erwärmt, darf auf einen Erfolg gehofft werden, der nicht nur für die einzelne Provinz, sondern für das ganze Reich von großer Bedeutung werden würde. Berli n, 29. Dezember. f er Rückblick auf das zu Ende gehende Jahr gewährt weder eine besonders traurige, noch eine besonders günstige Perspektive. Der Antisemitismus hat auch im Jahre 1896 nicht aufgehört; er hat aber auch nicht zugenommen. Viel eher könnte man wenigstens in Preußen von einer Abnahme dieser Bewegung sprechen, wozu die Affairen Hamnierstein, Stöcker, Ahlwardt nicht das Wenigste beigetragen haben. Nur „der dumme Kerl" von Wien ist noch nicht zur Besinnung gelangt. Selbst in Rußland bester» sich die Aussichten und ist in der Ausarbeitung neuer Jndengesetze wenigstens ein Stillstand eingetreten. Auch in der inneren Lage hat sich 'nicht viel geändert. Einen erfreulichen Anfang zur Konsolidirnng der Lehrerverhältniffe bedeutet die Begründung des „Deutsch-Israelitischen Lehrerbundes". Nicht weniger erfreulich ist die am Schlüsse des Jahres sich bietende Anssicht auf eine Rekonstruirung des „Deutschen Rabbinerverbandes" auf praktischer Grundlage. Auch die Arbeit des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes" hinsichtlich der Begründung von Bezirksverbänden ist als eine wichtige Maßregel zur Einigung zu begrüßen. Die Verlustliste des Jahres ist leider auch diesmal eine sehr große. Angesehene Männer, bedeutende Rabbiner und Gelehrte, hervorragende Philcmtropen sind dahingegangen. Möge in unserer Jugend ein Nachwuchs erblühen, der diese Verluste uns ersetzen kann! * Emil du Boi s - R e y m o n d, der verstorhene große Forscher, hat, obwohl er sich vom Kampfplatz der öffentlichen Meinungen fernhielt, doch wiederholt und energisch gegen den Antisemitismus in jeder Form, in der er hervortrat, Stellung genommen. Nicht nur in-seinen berühmt gewordenen öffentlichen Vorlesungen über „einige Ergebnisse her neueren Naturwissenschaft" und über „Physische Anthropologie", welche er seit dem Jahre 1868 jeden Winter vor einem zahlreichen Kreise von Studenten, höheren Beamten und Militärs hielt, hat er hier und da, so oft sich ihm ein paffender Anlaß bot, ein kräftig Wörtlein gegen den Antisemitismus einfließen lassen, insbesondere wenn er die Verdienste der Juden um die Förderung der Medizin und der Astronomie im Mittelalter hervorhob, sondern auch in den öffentlichen Sitzungen der Berliner Akademie der Wissenschaften, deren ' glanzvollster Redner er war, und als Rektor der Berliner Universität, hat du Böis-Reymond Gelegenheit genommen, sich gegen die antisemitischen Bestrebungen auf das Entschiedenste zu wenden. So hat er in seiner Akademierede im Jahre 1871 „Das Kaiserreich und der Friede", in der er einen Vergleich zwischen Napoleon I. und Friedrich dem Großen zieht, die unter des Letzteren Regierung vorgekommenen Judenverfolgungen als höchst verdammenswerth bezeichnet,, in einer anderen ebenfalls in der Akademie im Jahre 1882 gehaltenen Rede, in der er über die „wissenschaftlichen Zustände der Gegenwart" sprach, beklagte er es tief, daß der eben damals neu aufgekommene Glaubens- und Raffenhaß dem Gelehrten das wissenschaftliche Leben verleide. Noch bemerkenswerther sind in dieser Hinsicht du Bois' Reden, die er als Rektor in der Aula der Berliner Universität int Jahre 1883 hielt. In der einen, der viel besprochenen Rede „Goethe und kein Ende", ruft er bei der Besprechung der mittelalterlichen Hexenprozeffe die charakteristischen Worte aus: „Aber überheben wir uns nicht im Hinblick auf jene Zeit! Die Glaubens- und Raffenkämpfe unserer jüngsten Tage, worin unterscheiden sie sich denn von jenen mittelalterlichen Greueln?" Und in der Rede über „Die beiden Humboldt - Denkmäler vor der Berliner Universität" verweilt er bei dem Gedanken, welche Freude Alexander von Humboldt empfinden würde, wenn er den heutigen Aufschwung der Naturwiffenschaften sehen könnte, um dann fortzufahren: „Aber wie würde er sich schaudernd abwenden von dem Glaubenshaffe der letzten Zeit, er, der Hausfreund der Familie Mendelssohn, der mit Henriette Herz in hebräischer Kurrentschrift korrespondirte?" Daß solche Aeußerungen dem Hofprediger a. D. Stöcker nicht behagten, ist natürlich, und so wurde denn auch du Bois-Reymond einmal von ihm im preußischen Abgeordnetenhmlse wegen eines in der Akademie der Wissenschaften gehaltenen kurzen Nachrufes auf Darwin heftig angegriffen. Damals war es der Abgeordnete Profeffor Rudolf Virchow, welcher diesen Angriff auf seinen Kollegen gebührend zurückwies. Wir haben nicht daran gezweifelt, daß der Prozeß Leckert-Tausch auch hinsichtlich des Prozesses Buschhoff-Xanten werthvolle Aufschlüsse bringen werde. Nun heißt es, daß auch gegen Herrn , Normann-Schumann Anklage erhoben worden sei, und aus guter Quelle wird über diesen Mann geschrieben: „Er verrieth die Antisemiten und schrieb bluttriefende antisemitische Artikel. Er hat dem Prozeß Buschoff.jene gefahrdrohende Gestalt gegeben, die er schließlich angenommen hat; und er ließ sich nach Xanten schicken, um durch die Entdeckung des wahren Mörders die Unschuld Buschoffs zu erweisen. Er schrieb über die Xantener Vorgänge die verlogensten Berichte, die dann Herr Stöcker, der Zuchthäusler Hammerstein und die konservative Presse verwertheten, und er wurde von der politischen Polizei beauftragt, die unbekannten Urheber jener antisemitischen