Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-12-15 · Heft 50 (15.12.1887) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 50 (15.12.1887)
Date
1887-12-15
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227663-3227714--44923-3267231
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Allgemeine Zeitung -es Iudenlhums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig f in Bonn. GspeöiLion: Leipzig, Woßptcrh 17. In redaetionellen Angelegenheiten wende man sich an Vr. Philippson in Bonn diLect, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig S Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. 51. Jahrgang. Leipzig, den 15. Dezember 1887. Nr. 50. Iahelt. Leitende Artikel: Eine stille Gemeinde. — Die Samaritaner und die Juden. — Politische Briefe aus Oesterreich. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Posen. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest. — Frankreich: Paris. — Rußland: Petersburg. — Amerika: Washington. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Aus meiner Knabenzeit. £ei-tevibe Ctztifief. Bonn, den 11. Dezember. Eine stille Gemeinde. Wenn es gegenwärtig außer dem Islam wohl keine Religionsgenossenschaft giebt, in welcher nicht die auseinandergehendsten Meinungen vorhanden sind, so ist es insonders das Judenthum, welches uns heute einen solchen Anblick bietet. Von dem Tage an, wo die Juden aus dem Banne der Ghetti in das allgemeine Culturleben eintraten, entwickelte sich eine große Mannigfaltigkeit des religiösen Meinens und Thuns. Dies findet sowohl unter denen statt, welche mehr over weniger auf dem Boden der Orthodoxie stehen, als auch unter den Reformern, über welche hinaus es ebenso gut wie unter den Christen auch unter uns Religionslose, sogar Materialisten und Atheisten giebt. Einen Hauptgrund für diese Erscheinung bildet die völlige Freiheit, die Ungebundenheit des Individuums in religiöser Beziehung, welche im Judenthume obwaltet, da äußerliche Gründe durchaus nicht vorhanden sind, welche das religiöse Verhalten des Individuums bestimmen können. Bei tieferem Blicke gewahrt man aber, daß diese Mannigfaltigkeit nicht etwa bloß aus der Verschiedenheit der Ueberzeugung entspringe, sondern zumeist aus dem Jndifferentismus, aus der Gleichgültigkeit gegen die Religion überhaupt, welche sich zahlreicher Personen bemächtigt hat. Dies ist in den Reihen der Orthodoxen, unter welchen viele aus alter Gewohnheit und aus Familienpietät einen größeren oder kleineren Theil der Satzungen innehalten, ebenso der Fall wie bei den Reformirten, von welchen nicht wenige sich mit der Religion abgefunden glauben, wenn sie an den beiden hohen Feiertagen im Herbste, oder auch nur am Versöhnungstage einige Stunden im Gotteshause zugedracht. Unter der aufwachsenden Jugend befinden sich dann solche, welche von der Religion gar keine Kenntniß haben und gar keine Notiz mehr nehmen. Nur der Antisemitismus und der Cultussteuerzettel erinnern sie daran, daß sie der jüdischen Gemeinschaft angehören. Alles dies ist richtig, darf uns aber den Blick nicht trüben, denn überallhin giebt es unter uns auch Männer und Frauen, in deren innerstem Wesen die aufrichtigste Liebe zu ihrer uralten und durch so viele Geschlechter treu überlieferten Religion die festeste Wurzel gefaßt, die in ihrem Verstände den Beweis für die ewigen Wahrheiten finden, welche diese Religion für alle Zeiten als die unerschütterlichen Säulen der religiös sittlichen Ueberzeugung aufgestellt hat, in ihrem Herzen den wärmsten Anklang für die Vorschriften der Liebe und des Rechts, die das Judenthum der Menschheit verkündet hat, und in dieser Begeisterung für ihr Handeln die kräftigste Leitung zu allein Guten, Edlen und Schönen zu besitzen glauben. Es giebt kein Land, keinen Welttheil, in welchem sich nicht solche Juden befänden. Sie treten nicht herausfordernd mit ihrem Bekenntniß auf; sie suchen nicht durch ihr religiöses Verhalten die Blicke auf sich zu ziehen; sie finden zunächst in sich die Kraft, allen entgegengesetzten Strömungen der Zeit, allen Elementen der Glaubenszersetzung abwehrend entgegenzutreten, und, wo nöthig, ihre Ueberzeugung gegen Angriffe zu vertheidigen. so 65

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.