Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1887)
- Date
- 1887-12-01
- Page
- Seite 763 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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763 geändert; aber, wie bereits bemerkt, bis auf den heutigen Tag werden unter den Juden in Galizien zahlreiche ungiltige Ehen eingegangen und giebt es viele uneheliche Kinder. Pest, 10. November. (Privatmitth.) In der heutigen Generalversammlung des hauptstädtischen Municipal-Ausschusses entspann sich eine „confessionelle" Debatte in welcher erfreulicherweise sämmtliche Redner die Gleichheit und den Liberalismus im Munde führten. Es handelte sich um Se- Parirung des jüdischen Friedhofes in Altofen, welchen die dortige Gemeinde durch Ankauf erwerben wollte, vr. Orßägh stellte den Antrag, daß 1. dem Begehren der verschiedenen Confessionen nach Absonderung ihrer Begräbnißstätten Rechnung getragen werde, und 2. daß der Bitte der Altofener isr. Cultusgemeinde: es möge ihr, beziehungsweise der zu ihr gehörenden Chewra Kadischa (heilige Verein), der für die Juden bestimmte Complex im Wege des Verkaufes zu freier Verfügung überlassen werden. — vr. Johann GellSri-Szobo ist aus Liberalismus gegen die Absonderung nach Confessionen; die Spaltung der Menschheit nach Glanbensmeinungen solle nicht über den Tod hinaus festgehalten werden. — Königl. Rath B. F. Weiß bemerkt, er begreife nicht, welcher Anstand dagegen obwalten könne, daß die von der Gemeinde erbetene käufliche Ueberlassung des Grundcomplexes erfolge. — Johann Vsgh unterstützt die Anträge Orßü-gh's. — Karl Vöry führte an, er habe gehört, daß die Chewra Kadischa, welcher Verein die jüdischen Begängnisse veranstalte, Nichtmitgliedern horrende Gräberpreise — selbst solche von 1000 fl. kommen vor — anrechne. — Paul Tencer reflectirt auf die Aeußerungen Vöry's. Die Behauptung, daß die Chewra Kadischa sich von Nichtmitgliedern hohe Gräberpreise bezahlen lasse, sei nicht ganz vollständig, denn der Wahrheit gemäß müßte hinzugefügt werden, daß es sich um reiche Nichtmitglieder, und nicht unr Nichtmitglieder schlechtweg handle. Und daß der Verein reichen Nichtmitgliedern ihren Vermögensvörhältnissen angemessen hohe Gräberpreise bemesse, sei sehr begründet, da er andererseits ja für sehr viele arme Nichtmitglieder die Begräbnisse unentgeltich veranstalte und überdies auch noch jahrein jahraus große Summen zur Unterstützung armer Leute verwenden müsse. Wenn je ein Vorgehen recht und billig genannt werden könne, so sei es dasjenige der Chewra Kadischa. (Zustimmung.) — Samuel Kvhn (Prediger) hat zwei Bemerkungen zu machen. Der Absonderung der Begräbnißplätze nach Confessionen wurde aus Gründen des Liberalismus widersprochen. Aber warum wolle man mit dem Liberalismus erst bei den Todten beginnen und ihn nicht lieber den Lebenden gegenüber bethätigen'l (Heiterkeit.) Die zweite Bemerkung beziehe ich auf die Aeußerung Very's, die sicherlich nur auf mangelhafter Information, auf Nichtkenntniß der hier obwaltenden Verhältnisse beruhen müsse. Redner schildert die Aufgaben des Vereines, welche s eminent wohlthätiger Natur sind, und fragt, ob es unter solchen Verhältnissen zutreffend sein könne, dieser Institution gewinnsüchtige Absichten unterzuschieben. Redner acceptirt sonach die Anträge Orßügh's. — Nachdem hierauf noch vr. Orßägh als Antragsteller das Schlußwort gesprochen hatte, wurde zur Abstimmung geschritten. Der erste der beiden Anträge Orßügh's (betreffs Absonderung der Begräbnißplätze) wurde mit 40 gegen 37 Stimmen acceptirt, dagegen der zweite (Verkauf eines Friedhofs-Komplexes an die Altofener Chewra Kadischa) mit 43 gegen 39 Stimmen abgelehnt. Frankreich. Paris, 20. Nov. In unseren Gemeinden scheint sich eine sehr lobenswerthe Einrichtung mehr zu verbreiten und heimisch zu werden, welche sehr empfehlenswerth ist. Es wird nämlich am Sabbath-Nachmittag ein feierlicher Gottesdienst mit Predigt abgehalten. Es war dies mit großem Erfolge in Paris schon im vorigen Jahre der Fall, und erwies sich so anziehend für das religiöse Bedürfniß, daß es in diesem Jahre wieder erneuert worden. Auch in Bordeaux hat der neue Großrabbiner diese Einrichtung getroffen und die Gemeinde zeigt sich sehr empfänglich dafür. Rußland. Lodz, 16. Nov. (Privatmitth.) Die Ausnahmegesetze, welche die Juden Niederdrücken und Elend und Armuth immer mehr unter ihnen verbreiten, mögen allerdings manchen Juden dahin bringen, zur russischen Kirche überzutreten, und da in einigen Gegenden die jüdischen jungen Männer sich außer Stand sehen, eine Familie zu ernähren, kommt es wohl auch vor, daß eine Jüdin sich taufen läßt, um einen Christen zu heirathen. Dies benutzen aber die russischen Blätter, um zahlreiche Uebertritte zu erfinden, und es gelingt nicht immer, ihre lügnerischen Behauptungen zu entlarven. So jüngst auch das „Jushn-Kras^, welches aus Krementschug eine solche Nachricht auftischt. Ob seine Angabe richtig ist, kann ich im Augenblicke nicht Nachweisen. Ja selbst unter den Karäern sollen solche Fälle Vorkommen. Wie gesagt, sind dergleichen Uebertreibungen als falsch erwiesen worden und nur erfunden, um den Gedanken des Uebertrittes unter den Juden zu nähren. — Die Statistik der Juden in Rußland bietet mancherlei bemerkenswerthes, da von den auf dem ganzen Erdball zerstreuten 8 Millionen Juden 3^ Millionen auf Rußland kommen. Nach der letzten Volkszählung wohnen in Warschau 176,246 Juden, in Wilna 80,000 in Berditschew 60,000, hier in Lodz 30,000, und so umschließen diese vier Städte mehr Juden, als Frankreich, England, Italien und Belgien zusammen genommen. A—n. 48*