Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1887)
- Date
- 1887-12-01
- Page
- Seite 761 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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761 Bewegung heraus, Gebete für die Wiedergenesung des hohen Patienten in den Synagogen abgehalten. Wir empfingen so viele Nachrichten darüber und hielten dieses Vorgehen für so selbstverständlich, daß wir darüber gar nicht berichten zu müssen glaubten. Nein, unsere Glaubensgenossen warteten nicht auf irgend eine behördliche vder geistliche Anordnung; sie thaten von selbst, was ihrem Herzen nahe lag: sich zu Gott um die Abwendung eines Mißgeschickes zu wenden, das der Zukunft des deutschen Reiches und somit der ganzen civilisirten Welt zu drohen schien. Heute erhalten wir aus Emden ein gedrucktes „Gebet für Se. K. K. Hoheit den Kronprinzen Friedrich Wilhelm", das während der Krankheit desselben in sämmtlichen Synagogen des Landrabbinats allsabbathlich gebetet werden soll. Ferner ein Circular des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes", das an alle Vorstände jüdischer Gemeinden im deutschen Reiche ein Gebet in deutscher und hebräischer Sprache begleitet und zu einem desfallsigen Gottesdienste auffordert. Alle drese Gebete sind aus wärmstem Herzen geflossen, und wenn es sich auch der Rathschluß der göttlichen Vorsehung Vorbehalten hat, die Geschicke der Menschen und der Völker nach ihrer Weisheit zu lenken, so geben wir doch damit unseren Gefühlen Ausdruck und auch unsererseits ein Zeugniß für die innigste Theilnahme und Dankbarkeit, die wir für unseren Kronprinzen empfinden. Berlin, 20. Novemb. (Privatmitth.) Wie alljährlich, treffen mehrere israelitische Damen auch in diesem Jahre große Vorbereitungen, um am herannahenden Makkabäerfeste die die Comunalschulen besuchenden Kinder armer Glaubensgenossen durch Schenkungen allerlei Art zu erfreuen. Wer die unter den Juden der Großstadt herrschende Nvth kennt, der weiß den Werth dieser alljährlich ausgeführten Wohlthat zu würdigen. — Das Gebäude der jüdischen Alterversorgungsanstalt in der Schönhauser-Allee ist bedeutend erweitert worden und gehört jetzt zu den stattlichsten Gebäuden dieser Gegend. Berlin, 20. Nov. (Privatmitth.) Gewiß ist es ein richtiger Grundsatz der A. Z. d. I., sich in Familien- und Privatsachcn nicht einzulassen. Allein da, wo ein allgemeines Interesse berührt wird, wo ein Uebel immer weiter zu greifen droht, darf sie doch nicht anstehen, zu mahnen und zu warnen! Es ist ja bekannt, wie unter den reichgewordenen Juden, namentlich von der „hohen Finanz" die Sucht eingerissen ist, mit ihrem Gelde für ihre Töchter aristokratische Männer zu erwerben, welche Jenen hochklingenden Titel verschaffen, und daß diesem Streben in der Regel Herren entgegenkommen, welche aus bekannten Gründen Judenmädchen zu heirathen sich entschließen. Die Ehen sind denn auch danach und enden in der Regel sehr traurig! Jüngst hat sich hier wieder eine solche Tragikomödie abgespielt. Namen brauchen wir nicht zu nennen, Jedermann kennt sie, und schon vor Monaten erzählten hiesige Blätter davon. Die „Presse" berichtet darüber Folgendes: „Vor einigen Monaten hatte sich die Tochter eines der ersten Berliner Bankiers mit einem Officier verlobt — wie nachträglich bekannt wurde, gegen den Willen ihres Papas, der als weltkundiger Mann den Einfluß einer fabelhaften Mitgift auf die Gefühle eines verschuldeten Freiers wohl zu ermessen vermochte. Die junge Dame bestand auf ihrem Willen und der Bräutigam quittirte seine Charge; in dem Garderegiment, dem er angehörte, gilt nämlich eine Verbindung, wie die hier projektirte, für standeswidrig, denn die junge Millionärin, um die es sich handelt, hatte das Mißgeschick, dem israelitischen Glauben anzugehören. Die Hochzeit fand mit großem Pomp statt, nachdem die Beschreibungen des prachtvollen Trousseaus, den die Braut in die Ehe brachte, alle Blätter der deutschen Reichshauptstadt gefüllt hatten. Da ein Mann, wenn er aufgehört hat Officier zu sein, etwas Anderes zu thun haben muß, kaufte der Schwiegervater, dessen Verhältnisse ihm den Luxus erlauben, ein schier märchenhaft freigebiger Schwiegervater zu sein, seinem Schwiegersohn eine ausgedehnte Herrschaft in der Nähe von Breslau, und das junge Paar schickte sich an, seine Flitterwochen daselbst zu verbringen. Seltsamerweise war das Glück dieser durch so gewichtige materielle Interessen gekitteten Ehe nicht einmal von der normallandesüblichen Dauer; denn schon nach wenigen Flittertagen sah sich der Schwiegervater gcnöthigt, seine Tochter gegen die Insulten ihres Mannes in Schutz und die Trennung dieser eben erst geschlossenen Verbindung in ernstliche Aussicht zu nehmen. Eingeweihte Kreise machen sich das Vergnügen, nachzurechnen, daß der adelige Schwiegersohn der schwiegervüterlichen Kasse bereits in der kurzen Zeit dieses Familienromans die Kleinigkeit von zwei Millionen Mark gekostet habe und geben der Ansicht Ausdruck, daß die arme Frau auf billigere und für sie selbst angenehmere Weise Gelegenheit gefunden hätte — Frau Baronin zu werden." Kassel, 17. Nov. (Frkf. Z.) Je weniger empfänglich das deutsche Volk im Allgemeinen für den „Antisemitismus" ist, desto mehr Anstrengungen machen die Agitatoren desselben vom Schlage Liebermann von Sonnenberg und Consorten, diese giftige Sumpfpflanze speciell in unserem Hessenlande zu verbreiten. Nächsten Sonntag gedenken sie, dem Vernehmen nach, einen „Parteitag" im Gasthof „Zur Krone" in Homberg abzuhalten, dem eine „vertrauliche Vorbesprechung" vorausgehen soll, wie es in der betreffenden Einladung heißt. Es wäre überhaupt gut, wenn die Herren jederzeit recht „vertraulich unter sich" bleiben, andere Leute aber mit ihren gemeingefährlichen Bestrebungen im Interesse des religiösen und gesellschaftlichen Friedens ungeschoren lassen wollten. 48