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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-11-10 · Heft 45 (10.11.1887) · p. Seite 718

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 45 (10.11.1887)
Date
1887-11-10
Page
Seite 718 (sequence 14)
Language
German
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718 Spuren der alten Stadtmauer aufzufinden und zum wenigsten den Beweis zu liefern, daß dieses jetzt außerhalb der Stadtmauer liegende Terrain in der antiken Stadt von der ältesten Zeit her eine viel größere Rolle gespielt hat, als lange angnommen worden ist. Noch aber sind die dortigen Forschungen nicht vollendet und wäre ihre Wiederaufnahme und zu Endeführung zu wünschen. Selbstverständlich konnte in Vorstehenden nicht eine vollständige Aufzählung, sondern nur eine summarische Uebersicht über die Leistungen des Vereins gegeben werden. Aber schon dieses wird hinreichen zum Einblick in den großen Werth des bereits Dargebotenen und den Wunsch rechtfertigen, es möge das Interesse für die Unternehmungen des Vereins sich noch weiter als bisher verbreiten. Vermischtes. Der Vater des Kaisers von Oesterreich als Ehestifter. Aus Rudolphsheim wird ein interessantes Vorkommniß aus dem Leben des kürzlich verstorbenen dortigen Gemeinderathes Wilhelm Steiner mitgetheilt, wonach dieser seines Wohlthätigkeitssinnes wegen allgemein geachtete Mann die Begründung seines Eheglückes, welchem confessionelle Bedenken entgegenstanden, keinem Geringeren zu danken hatte, als dem Vater unseres Königs, dem seligen Erzherzog Franz Carl. Steiner, welcher seine, als Director der Baron Springer'schen Spiritusfabrik in Reindorf abgeschlossene Laufbahn als Subalternbeamter dieses Etablissements begonnen, hatte sich die Zuneigung der Tochter des in genanntem Orte allgemein geachteten, wohlhabenden Bäckermeisters Faßt erworben. Trotz seiner Liebe zu dem einzigen Kinde wollte der streng katholische Bürger in die Verehelichung mit dem Juden Steiner nicht willigen, da dieser sich nicht bestimmen ließ, seine Religion zu wechseln. Der Schmerz seiner Tochter machte den alten Mann melancholisch, und so saß er eines Tages in trübe Gedanken versunken ans einer Bank des Schönbrunner Parkes, in welchem er fast alltäglich zur Erholung zu promeniren pflegte und dabei öfter der Ehre theilhaftig wurde, von dem Vater unseres Königs, dem Erzherzog Franz Carl angesprochen zu werden. Auch an jenem Tage kam der hohe Herr vorbei, ohne daß der in seinen Schmerz versunkene Bäcker dies bemerkte. Dagegen war der Erzherzog des Bürgers und seiner offenbaren Betrübniß gewahr geworden. Leutselig trat er an den erschreckt von seinem Sitze Auffahrenden heran und erkundigte sich in huldvollster Weise nach der Ursache seines Kummers. Faßl, dem es wohl that, sein Herz erleichtern zu können, erzählte dem hohen Herrn sein häusliches „Unglück" in allen Einzelheiten, beifügend, daß er als guter Katholik die Heirath nicht zugeben könne, weil Steiner, obwohl sehr ehrenhaft, ein Jude sei und dies bleiben wolle. Als der Bäckermeister mit seiner Erzählung zu Ende war, klopfte der Erzherzog dem Bürger lächelnd auf die Schulter und sagte: „Wissen S', wann er a braver Mensch is und die Leuteln einander gern' haben, so thu'n S' sie in Gottes Namen z'samm, nachher hat aller Kummer ein End'." Mit leichtem Herzen kehrte Faßl heim und nicht lange darauf führte Steiner die Bäckerstochter, die ihm zuliebe mosaisch geworden war, als Gattin heim. Der durch des hohen Herrn Intervention gestiftete Ehebund war der denkbar glücklichste, und als der alte Faßl nach mehreren Jahren aus diesem Leben schied, da hatte er sich längst darüber getröstet, daß sein Schwiegersohn ein Jude sei. Berichtigungen. In der Corresp. aus Leipzig in der Nummer vom 20. Oct. d. I. über die Jacobson-Schule in Seesen sind drei jüdische, zum einjährig-freiwilligen Dienste berechtigende Schulen aufgeführt. Es sind deren vier: zwei in Frankfurt a. M., eine in Fürth und die in Seesen. Dagegen besitzt die Samsonschule in Wolfenbüttel dieses Recht nicht, weil sie nicht ausreichend fundirt sei. Wenn die Nothwendigkeit eines Neubaues in Seesen auf eine gewisse Lebensgefährlichkeit hinsichtlich des Ausganges zurückgeführt wird, so ist dies ein Jrrthum, denn längst sind zwei Nothtreppen von außen angebracht, durch welche die Entfernung in der kürzesten Zeit geschehen kann. Der Gebrauch war Gott sei Dank! noch niemals nothwendig. Der Neubau eines über 100 Jahre alten Hauses erklärt sich von selbst.

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