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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-10-20 · Heft 42 (20.10.1887) · p. Seite 659

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 42 (20.10.1887)
Date
1887-10-20
Page
Seite 659 (sequence 3)
Language
German
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659 Kindheit an, daß er auch einer Gemeinsamkeit angehört, welche über den ganzen Erdball zerstreut ist. Diese Vorstellung wird ihm innerhalb seiner Familie, durch den, wenn noch so mangelhaften Unterricht, selbst durch die Gebete und was er von den religiösen Schriften kennen lernt, eingeflößt. Ebenso erfährt er frühzeitig verhältnißmäßig nicht Weniges von der Geschichte seines Stammes und seiner Religion. Sein Blick ist rückwärts gewandt, über Talmud und Bibel hin, und damit über die früheren Geschicke seines Volkes, so viel oder so wenig, so legendenhaft dies auch sein mag. Sicher ist es, daß auf diese Weise der geistige Blick und der Gedankenkreis auch des ungebildetsten Juden ein erweiterter utib geweckterer ist. Hierzu kommt noch ein Anderes. Auf demselben Wege, welchen wir eben bezeichnet haben, kommt dem Juden auch die Vorstellung, daß alle Bekenner des Judenthums nähere Verwandte, gewissermaßen Brüder sind, welchen die Verpflichtung obliege, im Nothfalle einander zu unterstützen. Bibel und Talmud und von diesen aus die Gebete bringen ihm diese Anschauung unwillkürlich bei und eine Anzahl Schlagwörter prägen es ihm in den Sinn. Die Wirklichkeit nährt diese Ansicht negativ und positiv. Der jüdische Hilfesuchende ist in der Regel auf seine Glaubensgenossen angewiesen, und in jeder Gemeinde befinden sich Vereine und Anstalten, welche allein aus jüdischen Mitteln bestehen und für die jüdischen Armen und Leidenden in Thätigkeit sind. Endlich thut die Gleichheit des gemeinsamen Schicksals und der gemeinsamen Behandlung das Ihrige, um das Gefühl der Verwandtschaft, der Brüderlichkeit, der Zusammengehörigkeit in den Juden zu wecken und zu nähren. Psychologisch ist es, daß dieses Gefühl noch stärker in den Hilfsbedürftigen, in den Armen erwächst, als in den Individuen, welche durch Reichthum, Auszeichnungen oder Rang über die Masse erhoben werden. Nicht wenige von diesen fühlen sich von der Masse abgesondert und möchten jene Zusammengehörigkeit gern ganz und gar abstreifen. Diese beiden Momente liegen auch der Neigung des armen Juden zu Grunde, die Heimath zu verlassen und in entlegenen fremden Ländern umherzuziehen, um Almosen für sich zu sammeln. Er weiß ja, daß auch in diesen Ländern Abkömmlinge seines Stammes und Bekenner seiner Religion wohnen und zwar in glücklicheren Verhältnissen, und daß er vermittelst seiner Abstammung und nach den Vorschriften seiner Religion, auch nach den geschichtlich gewordenen Gepflogenheiten, einen Anspruch auf Unterstützung erheben könne, einen Anspruch, der in seinem Sinne zu einem Anrecht wird. Er hat es auch erfahren, daß diesem seinem Begehren seit undenklicher Zeit eine gewisse Erfüllung folge und bestärkt sich durch die Erfahrung darin, daß er sich nicht so leicht abweisen lassen, sondern nur recht darauf bestehen müsse, um Etwas zu erlangen. Wie dies nun auch ausarten mag, an sich sind jene beiden Momente, der Blick über das Weichbild der Heimstätte hinaus und das Bewußtsein, einer zur Leistung von Unterstützungen geneigten Gemeinsamkeit anzugehören, von psychologischer und erziehlicher Bedeutung. Sie tragen wesentlich dazu bei, auch den geringsten Juden im Kampfe um das Dasein zu unterstützen und ihn zugleich in der Beharrlichkeit in seiner Religion zu stärken. Es werden ihm selbst in der verzweifeltsten Lage dadurch Mittel erscheinen, die ihm einige Aussichten für die Erhaltung des Lebens eröffnen, und sein Geist wird ausgerüsteter sein, auf irgend eine Weise sich vor dem Untergange zu schützen. Er wird sich nicht so leicht der dumpfen Resignation und dem Trünke ergeben, als dem letzten Mittel, das Bewußtsein seiner Verzweiflung zu ersticken. So ist es dem Menschengeiste gegeben, auf die mannigfaltigste Weise gegen die ihn erdrückenden Uebel des socialen Lebens anzukämpfen und seine Existenz zu erhalten, so lange es nur möglich ist. Was man auch von jener Bettelei zu sagen berechtigt sei, sie ist doch fern vom Verbrechen und schließt somit einen gewissen sittlichen Werth in sich ein. Sie ist eines der wenigen Hilfsmittel, welche dem Juden im Kampfe gegen Bedrückung und Verfolgung übrig geblieben. Einige social-politische Lemerkungen. Nachdem eine längere Zeit — selbst bis in die Gegenwart — die jüdische Religionslehre nach protestantischem Muster als Glaubens- und als individuelle Sittenlehre in den Lehrbüchern und im Unterrichte dargestellt wurde, und selbst nach Salvador's Versuchen, den social-politischen Inhalt des mosaischen Gesetzes ins Licht zu stellen, dieser doch nur als von historischem Interesse angesehen ward, drangen wir immer wiederholt darauf, daß die Principien des Politisch-socialen Gesetzes, wie sie im Mosaismus, Prophetismus und auch im Talmudismus ausgeprägt worden, als ein integrirender Theil der jüdischen Religionslehre in dieselbe ausgenommen werden müsse. So wenig wie in unserer Lehre die Ethik von der Lehre von Gott, deren unmittelbare Consequenz jene ist, getrennt werden kann, ebenso wenig kann die mosaische Socialpolitik aus ihr ausgeschieden werden, und dies um so weniger, als gerade hierdurch die weltgeschichtliche Bedeutung des Judenthums für unsere Zeit zum nicht geringen Theile erwiesen wird. Denn diese social-politischen Grundsätze, die im Mosaismus ebenso sehr wie das monotheistische Dogma im Gegensatz zur gesammten antiken Welt verkündet worden, sind zugleich diejenigen, welche in der modernen Welt theils zur Herrschaft gelangten, theils für die Zukunft erstrebt werden. Der Mosaismus wie der Prophetismus trennen das Gesetz für die menschliche Gesellschaft durchaus nicht von dem Sittengesetze für das Individuum. 42*

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