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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-09-01 · Heft 35 (1.9.1887) · p. Seite 559

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 35 (1.9.1887)
Date
1887-09-01
Page
Seite 559 (sequence 15)
Language
German
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559 Commis servirt, wo ich Religionsunterricht gegeben hafte. Als er nun meinen Namen hörte, verstärkte er die Erwartung der Leute, so daß man etwas in Spannung gerieth. Obgleich nach dem Edikte vom 11. März 1812 es jedem Juden in Preußen gestattet war, eine Trauung zu vollziehen, begab ich mich doch erst zum Reb Salme, um seine Zustimmung zu erhalten, die er mir auch bereitwillig gewährte, noch dazu, da ich ihm die Zahlung der Gebühren zusicherte. — Ich reifte nun nach jenem Städtchen, was damals nicht ohne Beschwerde war; denn in der ganzen Altmark gab es keine Chaussee und nicht weit hinter Magdeburg versank man tief in den Sand, der nun zu durchwaten war, was recht langsam von statten ging. Ich fand dort eine recht gebildete Familie und überzeugte mich, daß schon damals auch in kleinen Städten selbst das weibliche Geschlecht sehr wohl unterrichtet werden konnte, und vielen Willen dazu hatte, fast mehr als das männliche. Die Trauung ging trefflich vorüber und offenbar machte meine Predigt einen tiefen Eindruck auf die zahlreichen Zuhörer. Man erinnere sich, daß die jüdische Predigt in der deutschen Muttersprache noch etwas Neues war und deshalb mit dem ganzen Reize der Neuheit zu wirken vermochte. Ich erinnere mich, daß, als ich nach der Handlung in mein Zimmer zurückkehrte, ich so vollen Herzens war, daß ich ein Tankgebet für die mir verliehene gute Rednergabe zum Himmel emporsandte. Der junge Ehemann verpflichtete mich, die Predigt nach meiner Rückkehr drucken zu lassen. Dies geschah, und die Witwe schickte jenem Kaufmann, der die Sache vermittelt hatte, einige Exemplare. Dieser, ein Enthusiast, brachte sofort ein Exemplar an den Vorstand der Magdeburger Gemeinde, und stellte dabei das Ansuchen, im Namen einiger Anderer, der Vorstand möge mich auffordern, an den nahen hohen Feiertagen zu predigen, damit sie auch einmal Etwas hörten. Der Vorstand ging darauf ein, die Aufforderung erfolgte, und — da mir die Sache so gut gefallen — willigte ich mit Freuden ein. Als ich am ersten Tage Rosch Haschanah von der Kanzel kam, beglückwünschte mich der Vorstand, forderte mich auf, Jom Kippur und Sukkoth wieder zu predigen, und fügte gleich hinzu: „Sie lassen wir nicht wieder fort." Nach den Festtagen begannen dann auch die Verhandlungen. Man faßte ins Auge: die regelmäßige Predigt, einen gut organisirten Religionsunterricht nebst Confirmation und die weitere Beihülfe bei allen gottesdienstlichen Functionen. Es war dies in Preußen eine neue und erste Schöpfung. Der Vorstand ging ganz korrekt vor. Nachdem die Verhandlungen zum Schluffe geführt worden, richtete er an sämmtliche Gemeindemitgliever ein gedrucktes Cirkular, in welchem die neuen Einrichtungen dargestellt und motivirt wurden, und zugleich eine Abstimmungsrolle, in welche Jeder sein Ja oder Nein einzuschreiben hatte. Von 89 stimmberechtigten Mitgliedern stimmten 86 mit Ja, einer enthielt sich der Abstimmung, weil er seit einigen. Jahren keine Steuern mehr bezahle, und zwei begriffen wirklich nicht, wozu dies alles nützen solle. So war die Sache zu gutem Ende geführt, und am 1. Februar hielt ich meine förmliche Antrittspredigt, welche auch der berühmte Kanzelredner, der evangelische Bischof Dreseke, mit seiner Gegenwart beehrte, am 2. die Eröffnung der Religionsschule, bei welcher auch Rabbi Salomon einen recht passenden Vortrag hielt. Zuvor mußte ich allerdings erst das preußische Bürgerrecht und die Bestätigung der königlichen Regierung empfangen. Das erstere war in jener Zeit für ausländische Juden, wie ich war, sehr schwierig; aber mit dem Glücke, das mich bis hierher begleitet hatte, ging es recht leicht. Ich hatte im gedachten Winter öffentliche Vorlesungen über „die fortschreitende Entwickelung der Menschheit" gehalten, einen Lehrsatz, dem ich, auf Herder und Hegel gestützt, stets treu anhing. Auch der damalige Oberpräsident von Sachsen und Probst Zerenner wohnten einigen derselben bei. Als ich nun um das preußische Bürgerrecht einkam, erhielt ich es nach acht Tagen kostenfrei ins Haus. Auch die Bestätigung der Regierung erfolgte, nachdem ich bei Probst Zerenner eine Prüfung bestanden, die dieser mir nur zu einer angenehmen Unterhaltung gemacht hatte. — So war ich denn glücklich in den Hafen des Amtes eingelaufen durch eine Wendung des Geschickes, die wir nicht hatten voranssehen können. Trotz meiner Jugend wußte ich mir bald das Vertrauen meiner Gemeinde zu erstreben. Stets war es wein Grundsatz: Du bist der Gemeinde, nicht die Gemeinde deinetwillen da. Und jüngeren Kollegen vielleicht zu Nutz, bemerke ich, daß ich fest daran hielt, mir niemals von irgend wem mittheilen zu lassen, was der oder jener hinsichtlich meiner gesagt oder gethan habe. Ich hörte solches niemals an, denn, sagte ick mir, morgen oder übermorgen mußt dn als Seelsorger, sei es in Freud oder Leid, in das Haus jenes kommen, der dir verdächtigt worden und dem du grollst, wie willst du dann einen aufrichtigen Antheil nehmen und von Herzen den Segen sprechen oder Trost spenden? . . . Mit dem alten Rabbi lebte ich in vollem Einvernehmen, und wir verständigten uns auch über die Punkte, in welchen wir auseinander gingen. Wo ich nur konnte, stellte ich ihn voran, wie es seinem Alter und seinen Amtsjahren nach gebührte. Es war mir z. B. eine Freude, als die Gemeinde mir einen Ornat machen ließ und ich darauf hielt, daß auch er einen solchen bekam, wie der alte Herr sich mit Wohlgefallen darin bewegte, da an einen solchen für ihn früher nie gedacht worden. Nach vier Monaten konnte ich schon eine Confirmationsfeier mit Knaben und Mädchen vornehmen, und nach einem Jahre bekräftigte ein schönes Schulfest mit Prüfung die Gemeinde in ihrer guten Meinung. So fungirte ich fast dreißig Jahre mit kaum

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