Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1887)
- Date
- 1887-08-18
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Zeitun Atsgemeine -es Zudml-ums Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeituna erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 4 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner Or. Ludwig Philippson in Bonn. Gxpeöition: Leipzig, Wotzplah 17. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 51. Jahrgang. Leipzig, dm 18. August 1887. Nr. 33. Inhalt. Leitende Artikel: Ein Monist im Wachen und Träumen. — Die Synode. II. — Die Juden in Salonichi. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Stuttgart, Zweibrücken, Darmstadt, Aus Kurhessen. — Oesterreich-Ungarn: Wien. — Frankreich: Paris. — Rußland: Turek. — Serbien: Belgrad. — Rumänien: Bottuschan. — Türkei: Konstantinopel. — Marokko: Aus Marokko. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Sic transit gloria mundi! — Vermischtes. Hcitenbe Bonn, 14. August. Ein Monist im Wachen und Träumen. Wir treten ungesehen in das Arbeitszimmer eines modernen Philosophen. Es ist ein hohes, behagliches, geschmackvoll, fast reich ausgestattetes Gemach. Die Zeiten haben sich geändert. In den Tagen, wo Antisthenes mit dem durchlöcherten Mantel auf den Straßen von Athen stolzirte, Sokrates im schlechten Gewände sich mit den Zimmerleuten und Bäckern unterhielt, Plato in den Gärten der Akademie mit seinen Jüngern verweilte und Abends in sein dürftiges Häuschen zurückkehrte, während Diogenes seine Tonne rollte, stand, es mit den Philosophen anders. Unser Mann, ein bekannter Schriftsteller, sitzt in einem feinen Hausrock an seinem Arbeitstisch, den eine reich verzierte Petroleumlampe beleuchtet. Wir gönnen ihm dies Alles, wenn nur nicht aus diesem selben Arbeitszimmer das Jammern über die Erde als Jammerthal erschallte, auch die Genüsse nur als Schmerzensbecher geschmäht, wahrscheinlich weil dem allzu reichen Maße derselben das Podagra folgt, und die bestehende Welt als die allerschlechteste gebrandmarkt würde. Der Philosoph schreibt. Da sein Skriptum doch für den Druck bestimmt ist, sehen wir, etwas unbescheiden, ihm über die Schulter in das Papier. Er schreibt: „Der Pantheismus ist ein überwundener Standpunkt. Wenn er sagt „Alles ist Gott", also der Sandkorn wie der Sirius, die Mücke wie der Mensch, so hat er den Gottesbegriff zu einem Schemen gemacht, ohne alle Bedeutung, nur um dem Monotheismus, Theismus, Deismus etwas entgegen zu stellen. Er muß also das Theos aus seiner Devise streichen, und heißt dann nichts weiter als: Alles ist, was da ist. Das braucht er uns aber nicht erst i zu sagen: entweder es ist Etwas, und dann ist es, oder es ist nicht, und dann ist es nicht. W i r gehen weiter und sagen: Heu kai Pan, d. h. Alles ist Eines, Dasselbige, ein Sein ohne Verschiedenheit des Seins, das ist der Monismus, die Einheitslehre, die Krone der Philosophie. Da brauchen wir nur einen Begriff, eine Vorstellung, unter welche alles Andere subsumirt ist. Wer will dieser einfachen, Alles unificirenden Theorie entgegentreten? Sie ist unbestreitbar!" Zufrieden lächelnd spritzte der Philosoph seine Feder aus, strich sich mit der Hand über die Stirn, hinter der ihm ein so ruhmreicher Theil seines leiblichen Wesens zu liegen schien, und sagte: „Es ist Mitternacht, ich will zur Ruhe gehen, aber die Lampe brennen lassen; denn es könnte mir im Wachen oder Träumen ein großer Gedanke kommen, den ich sofort niederschreiben müßte, damit er mir, d. h. der Welt nicht verloren gehe." Er ging in das nebenan liegende Schlafcabinet, das noch luxuriöser ausgestattet war. Unter einem Betthimmel breitete sich eine weiche Matratze mit feinem Linnen und seiden überzogenen Plumeau aus. Er legte sich nieder und sprach -- wahrscheinlich statt des Nachtgebetes — „Hen kai Pan, Alles ist Eins!" Dann entschlief er und der Schlummer legte sich schwer auf seine Lider. Da öffnete sich die Thüre und herein trat eine breite, untersetzte Gestalt, ganz und gar 33