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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-06-09 · Heft 23 (9.6.1887) · p. Seite 366

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 23 (9.6.1887)
Date
1887-06-09
Page
Seite 366 (sequence 14)
Language
German
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366 sprach sehr fließend und correkter als ich, der nur selten Gelegenheit gehabt, es zu sprechen. Ich hatte mir deßhalb eine Ansprache an ihn aufgesetzt und memorirt. Ich bemerkte darin, daß wir Juden sehr wohl wüßten, welche gastfreundliche Aufnahme ein Theil unsrer Vorfahren von den türkischen Sultanen zu einer Zeit erhalten hatten, als über sie in den christlichen Staaten eine fanatische Verfolgung ausgebrochen war, und wie sie von den türkischen Herrschern stets geschützt wurden, so daß sie sicher in deren Reichen wohnten. Jetzt nun, wo nach zuverlässigen Nachrichten die hohe Pforte gesonnen sei, ihren christlichen Unterthanen politische Rechte zu gewähren, wären die europäischen Israeliten von der Besorgniß erfüllt, ihre morgenländischen Glaubensgenossen an diesen Wohlthaten nicht betheiligt und dadurch zu einer noch niederen Stellung verurtheilt zu sehen. Darum fühlte ich mich, gewissermaßen als deren Vertreter, hoch beglückt, vor ihm, dem Repräsentanten der türkischen Majestät, erscheinen und diese Besorgnisse aussprechen zu dürfen. Der Gesandte hörte mir freundlich und aufmerksam zu, und nach einer Pause erwiderte er mir: er könne mir zu seiner und meiner Befriedigung eine beruhigende Antwort geben. Die hohe Pforte wisse ihrerseits, daß sie in der israelitischen Bevölkerung ruhige, friedfertige und treu ergebene Unterthanen besitze, welche niemals dem Willen der Obrigkeit sich widersetzlich zeige und Widerstand und Verschwörung nicht kenne. Darin liege aber schon Grund genug, die jüdischen Unterthanen stets in gleicher Stellung zu erhalten, welche die Andersgläubige» anderer Religionen einnehmen. Sie würde niemals einen Unterschied zwischen den Bekennern der verschiedenen Confessionen machen oder eintreten lassen. Welche daher auch die zukünftigen Absichten seines allergnädigsten Herrn sein mögen, sie würden stets seine jüdischen Unterthanen in völlig gleicher Weise betreffen. Ich könnte dies meinen! Glaubensgenossen zu ihrer Beruhigung mittheilen — ohne | mich dazu der öffentlichen Presse zu bedienen. Diesen Zusatz! sprach er mit einem verständnißvollen Lächeln aus, so daß j ich glauben konnte, er habe sich über meine Person vorher erkundigt. Bely-Pascha nahm späterhin den schwierigen Posten eines Gouverneurs in Candia (Kreta) ein, woselbst er, wenn ich mich recht erinnere, verstorben ist. — Meine Leser können sich vorstellen, mit welchen glücklichen Gefühlen ich vom Hotel der türkischen Gesandtschaft Abschied nahm. Ich glaubte hiermit meine beiden Reisezwecke erreicht zu haben und verließ bald darauf Paris, um über Straßburg zur Heimath zurückzukehren. Beiläufig sei bemerkt, daß ich von der Gastfreundschaft, an die ich von der Berlin, Wien und anderen deutschen Städten, z. B. denen, in welchen die Rabbinerversammlungen getagt hatten, Braunschweig, Frankfurt a. M. und Breslau, sowie auch von Brüssel gewöhnt war, in der großen Seinestadt nichts gemerkt habe. Außer einem Freitagabend, den ich in der patriarchalischen Familie Albert Cohns, dessen Gattin, eine Hohenemserin, eine höchst liebenswürdige und gütige Dame war, zugebracht hatte, bezeugte mir Niemand auch nur die geringste Gastfreundschaft. Da nun damals in Paris die jüdischen Restaurationen bei allerdings mäßigen Preisen schlecht beschaffen waren, hatte ich in der Stadt des großen Luxus und der raffinirtesten Ueppigkeit darunter zu leiden, so daß ein deutscher Freund, der in Paris in nicht glänzenden Umständen lebte, am Tage vor meiner Abreise zu mir sagte: „Ich kann doch nicht dulden, daß Sie hungrig aus Paris reisen!" und mich bat, ein Diner bei ihm einzunehmen. Anders erging es mir in Straßburg, wo ich bei dem ausgezeichneten Obercantor Löwe s. A. eine überaus gastfreie Aufnahme fand. Ich verblieb daselbst zwei Tage, um auch von dem dortigen Consistorium eine zustimmende Erklärung zu erhalten. Der ehrwürdige Präsident desselben, der hochbetagte Louis Ratisbonne s. A., kam mir in freundlichster Weise entgegen und überreichte mir bei meinem Abschiedsbesuche im Namen des Consistoriums einen silbernen Ehrenbecher. Ich mag hier noch hinzufügen, daß, zu Hause angelangt, ich alsbald nach Hamburg reiste, um dort ein Comitee zu Stande zu bringen. Auch nach Paris machte die bedeutende Handels- und Schiffahrtsstadt mit ihren reizenden Umgebungen einen angenehmen Eindruck auf mich. Mit Hilfe einiger Freunde sah ich dann bald auch ein Comitee zusammentreten, darunter Frankfurter — Salomon lebte noch, war aber zu kränklich — der alte Wolffson und vor Allem mein Freund M. M. Haarbleicher. Ueber den Plan selbst war man im Comitee alsbald völlig einig. Dann aber erhob sich ein gewaltiger Streit, in welche Schule die morgenländischen Knaben (die man noch nicht hatte!) gebracht werden sollten, ob in die Talmud-Tora, wo man das Hebräische mit bedecktem Haupte, oder in die Gemeindeschule, wo man es mit unbedecktem Haupte lehrte? Hierüber gerieth man in den heftigsten Hader, und alle Vorstellungen, daß man dies ja späterer Entscheidung Vorbehalten könne, halfen nichts: diese Frage, meinte man in der leidenschaftlichen Erregung, müsse vor allen anderen entschieden werden. So war diese erste Versammlung schon erfolglos und ich sah ein, daß bei solchem Zwiespalt nichts zu erwarten sei. Wenn man bei solchen untergeordneten Fragen keine Verständigung erzielen kann, muß man, wenigstens vorläufig, die Hoffnung aufgeben. Ich reiste deßhalb am anderen Tage ab. Bald darauf, um unser Thema zu Ende zu besprechen, erhielt ich vom Centralconsistorium aus Paris die vfficielle Mittheilung, daß sich dasselbe über meinen Plan noch nicht habe schlüssig machen können. Gegen denselben hatten sich Alphonse von Rothschild und Albert Cohn insofern erklärt, als eine specielle Untersuchung vorhergehen müsse, wie durch den Vorschlag, im

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