Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1887)
- Date
- 1887-05-19
- Page
- Seite 319 (sequence 15)
- Language
- German
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319 dienfte, daß die Gemeinde sich zu wenig selbstthätig an demselben betheiligt. 2) Es ist wünschenswerth, daß die Synagogengesänge in der Schule geübt, von da aus i» die Synagoge eingeführt und so nach und nach Eigenthum der Gemeinde werden. Ein Referat von Ackermann-Thalsang mußte wegen Erkrankung des letzteren von der Tagesordnung gesetzt werden. Bei den nun folgenden freien Besprechungen wurde vorgeschlagen, zu der nächsten Conferenz Gemeindemitglieder aus dem Conferenzorte selbst und einflußreiche Personen aus dem Bezirke speciell einzuladen, weil das bisherige gänzliche Fernbleiben derselben (mit Ausnahme von Hoppstädten) daraus geschlossen werden müsse, daß jüdische Lehrerconferenzen in hiesiger Gegend noch zu den ungewöhnlichen Erscheinungen zählen. Außerdem wurde beantragt, für die Einladungen zu den nächsten Conferenzen Druckformulare zu verwenden. Die nächste Conferenz soll an den Pfingsttagen 1888 zu Trier stattfinden. Auf der Tagesordnung stehen: 1) Der hebräisch-grammatische Unterricht. Res.: Ackermann-Thalfang. 2) Der Unterricht in der Religion für die zwei ersten Schuljahre. Res.: Heß-Neumagen. 3) Eine Ueberbürdungsfrage. Res.: Nußbaum-Wittlich. Also auf frohes Wiedersehen in Trier! Scheuer, Schriftführer. Nachtrag. Letzte Zeitungsnachrichten. Pest, 10. Mai. (Privatmitth.) Die antisemitischen Hetzereien tragen noch immer von Zeit zu Zeit ihre Früchte. In Buda-Eörs, einer Ortschaft in der unmittelbaren Nähe der Hauptstadt, bilden antisemitische Flugschriften, die seit längerer Zeit gratis zur Vertheilung gelangen, die Haupt- und Lieblingslectüre der dortigen Einwohner. Unter diesen Umständen darf es nicht Wunder nehmen, daß die Niederlassung einer jüdischen Familie in Buda-Eörs unter den Ortsinsassen die größte Aufregung hervorrief, die sich zuletzt in blutigen Excessen kundgab. Dem Juden blieb nichts anderes übrig, als Buda-Eörs den Rücken zu kehren. Das Haus, in dem er wohnte, ist öde; auf dein Fußboden liegen faustgroße Steine, deren sich die Tumultuanten als Wurfgeschosse bedient hatten. Ein Bauer, der, wie es heißt, bloß Zuschauer des Tumults war, blieb tobt auf dem Platze. Der Führer der Josephstädter Antisemitenpartei, der gewesene Redacteur eines antisemitischen Blattes, Franz Jmre, der noch in der letzthin abgehaltenen Antisemiten-Versammlung als Generalredner fungirte, wurde wegen eines zweifachen Cautionsschwindels gefänglich eingezogen. Kojeiein, 10. Mai. Wie bereits mitgetheilt, war am 24. v. M. ein stumpfsinniges Mädchen Namens Kibus, 24 Jahre alt, verschwunden. Mit Blitzesschnelle war das Gerücht verbreitet, das Mädchen sei von Juden ermordet und nach Bisenz geschleppt worden, wo man die Osterbrode für den ganzen Umkreis zu bereiten pflegte. Die Leiche des Mädchens wurde am 4. d. in der Nähe des Dorfes Besmirau aus der March gezogen. Es mag hier bemerkt werden, daß Mutter und Großmutter des Mädchens kürzlich in rascher Aufeinanderfolge durch Selbstmord im Wahnsinn endeten und daß wahrscheinlich das erwähnte unglückliche Mädchen aus Verzweiflung darüber den Tod im Wasser suchte. Das amtliche Obductionsbefund ergab, daß die Leiche keine Verletzung hatte, die auf eine Gewaltthat schließen ließe und daß das Mädchen durch Abnormitäten des Gehirns als nicht ganz zurechnungsfähig erklärt werden könne. Trotz dieser Ergebnisse wollte sich die Aufregung, welche von gewissenlosen Hetzern noch genährt wurde, in der Umgebung nicht legen, und in der Nacht von Samstag auf Sonntag rotteten sich junge Burschen aus dem Orte und der Umgebung in der Judengosse zusammen, welche Knittel trugen und in den dortigen Häusern, einerlei, ob daselbst Christen oder Juden wohnten, alle Fenster zertrümmerten. Leute, die sich zur Wehre setzten, wurden mißhandelt. Es gelang der Behörde nicht ohne Anstrengung, wieder Ordnung zu schaffen; durch die Bezirkshauptmannschaft von Prerau mußte Militär requirirt werden. Es wurden vierzig Excedenten verhaftet, die man nach der Frohnfeste Olmütz brachte. — Aus Brünn wird telegraphirt, daß Borinittag am 7. d. die Gensdarmerie von Prerau uach Kojetein gekommen war, da beunruhigende Gerüchte verbreitet waren; dieselbe kehrte aber, als bis 10 Uhr Nachts Ruhe blieb, wieder nach Prerau zurück. Um 11 Uhr Nachts brach der Krawall los; meistens waren die Excedenten czechische Bauernburschen der Umgebung. Gestern sind Dragoner in Kojetein zur Aufrechthaltung der Ordnung eingerückt. Unter den Hetzern sollen sich auch Anarchisten befinden, welche die abenteuerlichsten Gerüchte verbreiten. — Aus Brünn wird dem P. Lloyd vom 10. berichtet: Unerwarteterweise begannen gestern Nachmittags neuerdings die Excesse gegen die Kojeteiner Israeliten. Die Gensdarmerie mußte von der Schußwaffe Gebrauch machen und Verstärkung vom Commando in Neutitschein erbitten, welche sofort beordert wurde. Das Postencommando Kojetein wurde angewiesen, sofort an den Landesvertheidigungs-Minister telegraphisch Bericht zu erstatten.