Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1887)
- Date
- 1887-05-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Iudcnthums. Ein ilNjmtciWs Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Bonn. GZepeöiLion: Leipzig, Woßplah 17. In redaktionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 51. Jahrgang. Leipzig, den 19. Mai 1887. Nr. 20. Leitende Artikel: Rabbi Akiba ben Joseph II. — Die Einwanderungen in Spanien. — Der Antisemitismus vor dem Forum des deutschen Reichstages.— Wohlthätige Werke. Xl. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Dessau. --Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest, Kojetein. — Frankreich: Paris. — Rußland: Warschau. — Rumänien: Bukarest. — Bulgarien: Sofia. — Tunesien: Tunis. — Bonn: Notizen. — Pest: Literarische Notizen. — Feuilleton: Die Hungersnoth in den biblischen Zeiten. II. — Correspondenz. — Nachtrag: Pest, Kojetein. Bonn, 12. Mai. Rabbi Akiba ben Joseph. ii. Auf dem Gebiete der Gesetzesbearbeitung hat Akiba eine umwälzende Wirkung geübt, welche jene auf den Weg leitete, den sie von dieser Zeit an verfolgte. Denn so zahlreich auch und bedeutend die Meister der Tradition waren, die Akiba vorangegangen, so litt doch die bisherige Entwicklung der Tradition an zwei Mängeln. Einerseits hielt man an dem einfachen Sinn der Schrifttexte fest, und hütete sich ängstlich, über diesen hinauszugehen. Dadurch waren wichtige Halacha's ohne Anhalt im schriftlichen Gesetz, so daß man von ihnen sagte, sie hingen an einem Haare, und könnten deshalb später leicht aufgegeben werden. Aber noch größer war der dadurch bewirkte Uebelstand, daß die Tradition ihre wesentliche Aufgabe nur in beschränktem Maße lösen konnte, nämlich das Gesetz mit den völlig veränderten Lebensverhältnissen in Ausgleich zu bringen, und für die neuen Existenzbedingungen neue Anordnungen zu treffen. Denn man erwäge, daß schon vor dem Falle Jerusalems der vielleicht größere Thejl der jüdischen Masse in außerpalästinensischen Ländern ansässig war und daß mit der Zerstörung der heiligen Stadt noch Hunderttausende über die Erde zerstreut wurden. Sowie hierdurch viele Theile des Gesetzes ganz unanwendbar wurden, so erstanden für die unter den Völkern zerstreuten Juden so ganz verschiedene Verhältnisse, so ganz neue Complicationen, daß das Gesetz sie im Stiche gelassen hätte, wenn dasselbe nicht durch eine freiere Behandlung des gegebenen Stoffes und durch das Schaffen neuer Gesetzespartieen dazu befähigt worden wäre, nach allen Richtungen hin angemessene und konsequente Lebensnormen aufzustellen. Der andere Uebelstand lag in dem völlig ungeordneten und zusammenhangslosen Zustand der bisher angesammelten Traditionen. Diese waren, wie sie nach einander gesammelt und angenommen waren, nebeneinander geschichtet, konnten nur durch langjähriges Erlernen gewonnen und durch ein treues Gedächtniß bewahrt werden. Gerade in diesen beiden Richtungen trat Akiba als Reformator auf, und wußte sich bald ein solches Ansehen zu verschaffen, daß sein Verfahren zur Abhülfe jener beiden Uebelstände allgemein anerkannt wurde. Auf welche Weise verfuhr nun Akiba? Nach dem Vorgänge seines Lehrers Nachum aus Gimso behauptete er, daß in der Tora kein Wort, keine Silbe, nicht einmal ein Buchstabe oder ein sonstiges eigenthümliches Zeichen überflüssig und bloße Form sei, sondern eine besondere Bedeutung habe, welche nach den, in den Lehrschulen sanktionieren Regeln gesucht werden müsse und gefunden werden könne. Auf diese Weise könne man Anhaltspunkte für bekannte Halacha's, sowie für neue, daraus zu folgernde Halacha's erhalten, so daß aus einer Halacha noch andere gezogen werden könnten. So erklärte Akiba, daß wo nach dem hebräischen Sprachgebrauche dem Verbum finitum der Infinitiv zugefügt worden ist, der letztere eine Bedeutung für sich habe. Wenn Nachum den Partikeln ns, cu, “jn und p*i besondere Bedeutung beilegte, so dehnte 20