Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 17 (28.4.1887)
- Date
- 1887-04-28
- Page
- Seite 270 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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270 Besten in den Bibliotheken geblieben wären, woher sie gekommen und die jedenfalls nicht hinter dem Gitter interessiren. Dagegen interessirt die wahrscheinlich viel werthlosere Autographen-Ausstellung, z. B. ein Brief von Heinr. Heine, der sich aber „Henri Heins" unterzeichnet; ein Brief des Königs von Rumänien an Moses Montefiore mit dem irrthümlichen Versprechen der Gleichstellung der Juden u. s. w. Nach diesem kommt die bunte Ausstellung goldgestickter Vorhänge und Torah-Mäntel — nichts Originelles, auch nichts Altes, oder besonders Fesselndes — Alles oder doch meistens aus der Zeit unserer Eltern und Großeltern, höchstens einmal ein Gegenstand 200 Jahre alt und die silbernen Geräthe sind meistens mehr barock als geschmackvoll, und das Wenige was schön ist, ist nicht originell, sondern erinnert an die Reliquienkästen aus dem 16. Jahrhundert; — eine zusammengewürfelte Raritätensammlung, aus der man hier und da ein Korn aus der Spreu entdeckt — übrigens!>/io davon ist deutsch und holländisch. — Wiederum interessant sind aber einige auf Pergament geschriebene Bibeln, Psalmen, Tefilloth,Hagadoth u. dgl. zuweilen mit schönen Ranbverzierungen, bunten Illustrationen u. s. w., ganz im Styl der mittelalterlichen Meßbücher, und ich habe nie eine sauberere, sorgfältigere, kunstvollere Schrift gesehen, als eine aus Spanien kommende Bibel mit Miniaturschrift. Der feinste Kupferdruck könnte an Sauberkeit, Klarheit und Zartheit nichts Aehnliches schaffen, wie dies Schreibfederwerk. Die Gemälde-Sammlung kann ich Ihnen nicht beschreiben — Sie mögen dafür den Katalog studiren. Ich habe kein Urtheil über Malerei, aber ich habe mir wenigstens die Frage vorgelegt, ob die Porträts der Chasanim aus den diversen Synagogen wegen ihrer persönlichen Bedeutung oder wegen der Anglo- Jewish History, oder wegen der Malerei da aufgehängt sind. Ich weiß es nicht. — Im Ganzen-was interessant war, ist nicht Anglo- Jewisb und was mich wundert, ist, wie wenig wirklich Interessantes zusammengebracht worden, da es an der guten Absicht und an der Energie in der Ausführung nicht fehlte. London, im April. Äus der englifch-jüdisch-historischen Ausstellung. Die „Englisch-jüdische historische Ausstellung", die hier in der Albert-Hall eröffnet worden, und von der diese Zeit, bereits Rechenschaft gegeben hat, wirft auch durch mannigfache Urkunden, die in ihr zum ersten Male wieder zu Tage gekommen sind, auf die Geschichte der englischen Juden neues und ungeahntes Licht. Dieselben wurden von den normannischen Königen dieses Landes, seit dem Ende des elften Jahrhunderts, von deren beliebtestem Gesichtspunkte, nämlich dem fiskalischen, aus betrachtet. Sie durften und sollten Wucher treiben, damit der König schwere Abgaben von ihnen erheben könnte, dienten also als Mittel der Erpressung für den letzter»; überdies waren sie seine Banquiers. Sie waren weit zahlreicher, als man gewöhnlich annimmt. Die ausgestellten Dokumente weisen eine große Menge auch kleinere Orte nach, in denen Juden während des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts wohnten. Die Vertreibung derselben aus England war zwei Umständen zuzuschreiben. Erstens der Erhöhung des christlichen Fanatismus durch die Kreuzzüge und durch die Stiftung der Bettelorden. Damals hat die Kirche, durch das große lateranische Conzil von 1215, die Absonderung der Israeliten von der übrigen Bevölkerung durch Einführung eines eigenthümlichen Abzeichens für jene befördert, das in England aus einem Tuchstück in Form der beiden Gesetzestafeln bestand und an dem Oberkleide befestigt war. Die Feindschaft der Kirche gegen die Juden scheint durch zahlreiche Bekehrungen von Christen zur mosaischen Religion . vergrößert worden zu sein. Eine Liste aus jener Zeit nennt 22 jüdische Proselyten, die in England verbrannt wurden. .Die Kirche führte einen Gegenstreich, indem sie in London eine „Bekehrungsanstalt" errichtete, wo Renegaten vom Judenthume lebenslänglichen Unterhalt fanden. Diese Einrichtung hat bis auf die Zeit Karl's II., also bis gegen Ende des 17. Jahrhunderts, existirt, — was beweist, daß einzelne Israeliten sich zu allen Epochen, auch nach der officiellen Vertreibung, in England aufgehalten haben. Die zweite Ursache für die Entfernung der Juden aus diesem Reiche war der Umstand, daß die Regierung derselben nicht mehr bedurfte, sondern sie durch Lombarden, Südfranzosen re. ersetzen konnte, welche ihnen den Bankhandel mehr und mehr entwunden hatten. So wurden denn, wie bekannt, durch Eduard I., im Jahre 1290, alle Israeliten aus England verbannt. Im Allgemeinen wurden sie dabei nicht so übel behandelt, wie man gewöhnlich annimmt; abgesehen von einzelnen Ausbrüchen populärer Feindschaft, sahen sie sich von der Regierung vielmehr in der Abwickelung ihrer persönlichen Angelegenheiten mit vieler Billigkeit behandelt und wirksam beschützt. Die gegenwärtige Ausstellung weist aus jenen Jahrhunderten nur wenige archäologische Ueberbleibsel auf. Abbildungen von einigen Steinhäusern, die Juden gehört hatten; Karikaturen, in denen dieselben als „Teufelssöhne" dargestellt werden; sowie ein Bronceleuchter — das sind fast alle Reliquien der Periode vor der Vertreibung. Deren literarischen Reste sind gleichfalls nicht' bedeutend: sie bestehen nur in einem grammatischen Werke, sowie in einem hebräischen Gedichte eines gewissen Moses von Norwich. Um so reicher