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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-03-31 · Heft 13 (31.3.1887) · p. Seite 206

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 13 (31.3.1887)
Date
1887-03-31
Page
Seite 206 (sequence 14)
Language
German
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206 zenden Nation geworden? Parasiten sind sie, Schmeichler und Kuppler, zu jedem Dienste für schnöden Lohn bereit. Ihr aber bildet wie eine Oase in dieser Wüste. Man nennt Euch ungebildet, linkisch, dem Leben entzogen, nur dem Erwerb ergeben in Handel und Gewerk. Dies ist aber nur die äußere Seite, eine Schale um den saftreichen Kern. So sieht's der Vorurtheilslose unter uns an, und es kann Dich daher nicht verwundern, daß wir auch nach diesem Kern ein Gelüste empfinden, sobald wir wissen, daß Eure äußere Erscheinung eben nur eine Schale ist." — „Wohlan," sprach Baruch mit fester Stimme, „so will ich Dir geben, was ich habe und vermag. Wir sind durchaus nicht nach neuen Anhängern aus. Unsre Weisen haben uns sogar gewarnt, darnach zu trachten und uns geboten, die Schätze unsrer Religion nur denen zu öffnen, in welchen wir ein ernstes Streben danach erkannt haben. Denn halbe und schwache Anhänger verderben nur den Geist des Ganzen, entstellen und verkümmern die Lehre, die sie erhalten haben, und laufen wieder davon bei der ersten Veranlassung, bei der ersten Schwierigkeit, der sie begegnen. Daraus wirst Du meine bisherige Weigerung begreifen. Uebrigens will ich Dich nur mit den hauptsächlichsten Gedanken unsrer Lehre bekannt machen. Sagen diese Dir zu und wecken das Verlangen nach Weiterem, so können wir immerhin näher darauf eingehen." — Nach einer Pause redete Baruch seinen römischen Zuhörer folgendermaßen an: „Vor Allem muß ich Dich darauf aufmerksam machen, daß unsre Religion darauf dringt, daß Lehre und Leben in innigem Zusammenhänge, in steter Wechselwirkung stehen. Eine Lehre, welche die Handlungen des Menschen nicht bestimmt, ja beherrscht, besteht für sie nicht, und ein Leben, daß ohne beständige Rücksicht auf die Lehre geführt wird, wo also die Handlungen ohne das höhere Bewußtsein geschehen, ist für sie werthlos. Unsre Lehre beginnt aber wie unsre heilige Urkunde selbst, mit den beiden großen Erkenntnissen, daß die ganze wahrnehmbare Welt eine Einheit sei, in ewiger Ordnung nach bestimmten Gesetzen als ein streng gegliedertes Ganze besteht; und daß die gesammte Menschheit mit allen ihren Stämmen und Nationen eine Einheit ist, indem alle Menschen von einem Menschenpaare ausgegangen und sich erst in ihrer Vermehrung in Familien, Stämme und Völker vertheilt haben- Aus dem ersten Satze folgt, daß das ganze Weltall mit allen seinen Wesen einen unendlichen Schöpfer hat, den Urquell alles Daseins, der dieses Gesetz aus seiner Weisheit und Liebe und nach diesem Gesetz alle Dinge gebildet hat, Gott, in seiner Unendlichkeit in keinem Bilde darstellbar, vollkommen. Aus dem zweiten Lehrsätze aber geht hervor, daß wir allcsammt Brüder sind, und als solche, ohne Unterschied der Race und des Volkes, «ns brüderlich zu lieben haben. Für uns bestehen deshalb als die beiden Hauptvorschriften: Gott zu lieben und zu ehrfürchten mit ganzer Seele, mit ganzem Herzen und mit ganzem Vermögen und den nächsten, selbst den uns fremdesten, zu lieben wie uns selbst, nicht zu hassen und uns nicht zu rächen, sondern auch unseren Feinden Gutes zu thun, sobald sie in Nöthen sind. Darum soll, wie vor Gott alle Menschen gleich sind, von gleicher Beschaffenheit und Bestimmung, auch in der Gesellschaft vor den Gesetzen des Staates kein Unterschied stattfinden, kein Vorrecht, das gegen die anderen ein Unrecht ist, jeder seine persönliche Freiheit, so weit das Gesetz sie nicht nothwendig beschränkt, genießen, soll Jedermann das Recht in strengster Weise üben und in Frieden zu leben trachten. Unsre Religion lehrt ferner, daß der Mensch während seines Lebens auf Erden eine Einheit von Leib und Seele ist, jener aus irdischen Elementen gebaut, diese ein Odem Gottes, und so der Mensch „im Ebenbilde Gottes" geschaffen ist, d. h. ausgerüstet mit dem Bewußtsein seiner selbst, mit der Freiheit des Willens, mit der Unterscheidungsgabe zwischen gut und böse, zwischen recht und unrecht und mit der Freiheit des Willens, sich in jedem einzelnen Falle nach eigener Entschließung dem einen oder dem anderen zuzuwenden. Aus diesen seinen Eigenschaften, aus dieser Ebenbildlichkeit Gottes folgt nun wiederum, daß der Mensch berufen und bestimmt ist, Gott nachzustrebe», nachzueifern, das heißt wie Gott allheilig, vollkommen in allen sittlichen Eigenschaften ist, so soll der Mensch unaufhörlich darnach streben, sittlich gut, sittlich besser, vollkommener zu werden, so weit irgend seine Kräfte reichen. Es folgt aber ebenso daraus, daß Gott seine Menschheit auf dem weiten Wege fortschreitender Vervollkommnung leiten und fördern müsse, und daraus fließt die Lehre, die wir in der Geschichte der Völker und im Leben jedes Einzelnen bewahrheitet erblicken, daß Gott die Vorsehung ist, welche die Geschichte durch die Fügung der Dinge in der Voraussicht der Entschlüsse der Menschen ordnet und wiederum die Vergeltung ist, die des Menschen Thun und Lassen nach dessen sittlichem Werthe mit Lohn und Strafe zur Besserung und Läuterung des Menschen, aber auch mit unendlicher Barmherzigkeit versieht. — Dies, Herr, sind, so gedrängt wie ich sie auszusprechen vermochte, die Hauptlehren der Religion der Söhne Israels, und Du kannst diese nun mit Deinem so hoch gebildeten Geiste in ihrem Werthe erwägen und beurtheilen. Alles Andere schließt sich als Auslegung und Verwirklichung um diese Lehre herum." — Der Senator hatte mit großer Spannung zugehört. Nach einiger Zeit erwiderte er: „Das ist viel Großes und Neues für mich, dessen mein Geist erst Herr werden muß. Es erscheint mir als ein so geschlossenes Ganze, daß jeder einzelne Satz in seinem Verhältniß zu den anderen genau erwogen werden muß. Daher nur die Bitte noch: Diese Lehrsätze müssen

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