Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-02-10 · Heft 6 (10.2.1887) · p. Seite 95

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 6 (10.2.1887)
Date
1887-02-10
Page
Seite 95 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3227663-3227670--44187-3266451
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

95 Die Zahl der Opfer Ware noch um viele gesteigert worden, wenn nicht ein muthiger Knabe, Daniel Gilberg mit Namen, über die Köpfe des in furchtbarem Ringen begriffenen Menschengewühles hinweggeklettert und, die einzige, nach der Gasse führende Thür erreichend, den ersten Alarm gab. Die Thürsteher sogar hatten keine Ahnung von dem, was in der Theaterhalle vorgegangen. Da es sich in diesem Falle um einen Privatverein oder Club gehandelt, kommt dieser nicht unter die Sicherheitsvorschriften, welche sich auf öffentliche Theater beziehen, und Niemand, außer dem Parlament durch Schaffung eines neuen Gesetzes, hätte ein Recht, officiell irgend welche Verfügungen in solcher Richtung zu treffen. Noch sind die Umstände nicht von der „Todten-Jury" unter Vorsitz des Coroners (Leichenbeschauer) gesichtet, und die Angaben über die erste Ursache gehen noch weit auseinander. Nach der Versicherung Einiger wurde von Niemandem der Ruf „Feuer!" ausgestoßen, sondern ein komisch gemeinter Aufschrei eines in der auf der Bühne gespielten Posse beschäftigten Amateurs wurde von den Zuschauern dahin verstanden, welche in demselben Momente durch das Erlöschen der meisten Gasflammen alarmirt worden waren. Henry Gilberg, ein Augenzeuge, schreibt: „Ich ging mit meiner Frau und Familie zur Aufführung und nahm Plätze auf der Gallerte. Man gab „Das spanische Zigeunermädchen" und Alles ging gut bis 111/2 Uhr, um welche Zeit ich Jemanden wahrnahm, welcher im Hintergründe der Gallerte, um besser sehen zu können, emporklomm und dabei nach dem Gasbrenner griff, dessen Röhre zerbrach. Das Gas begann auszuströmen. Ich eilte hinzu und verstopfte die Oeffnung mit meinem Taschentuch. Nichts würde sonst geschehen sein, wenn nicht Jemand gerufen hätte: „Schließt den Gasmesser.!" Gerade in diesem Augenblicke stieß einer der Spielenden einen Ruf aus und die Zuschauer brachten dies mit dem Schließen des Gasmessers in Verbindung, sprangen sammt und sonders von ihren Sitzen und stürzten nach den Thüren. Mein Sohn Harry und ich, wir gingen nach der Treppe, wo wir durch ein Gewühl aufgehalten wurden, das uns an die Wand Preßte und uns an den Beinen verwundete. Wir kommen nicht rücknoch vorwärts, aber mein jüngerer Sohn Daniel riß sich los und kletterte über die Köpfe der Leute, welche auf der Treppe eingeklemmt waren, und lief über Alle hinweg bis auf die Straße, wo er einem gerade anwesenden Polizei-Konstabler alles berichtete. Als ich mich endlich mit Harry aus dem Gedränge befreit, begaben wir uns in einem Fiaker nach dem Hospital und man verband unsere Wunden. Dann gingen wir nach Hause, erwartend, daß auch meine Frau in Sicherheit sei — aber sie war nicht daheim. Ich eilte zur Halle zurück und bat die Konstabler um Zulaß. Derselbe wurde mir anfangs verweigert, aber schließlich erlaubte man mir den Eintritt und ich fand meine Frau als Leiche und ebenso meinen Sohn Isaak." — In einem Berichte der „Times" heißt es: „Man vernahm viele Mahnungen zur Fassung an die entsetzte Menge in englischer, deutscher, russischer und hebräischer Sprache." Ein Reporter der „Daily News" schreibt: „Als man schon glaubte, daß die Halle geleert sei, fand man ein kleines Kind unter einem Sitze in bewußtlosem Zustande. Als es sich erholte, rief es nur immer das eine Wort: „Mama!" und diese selber wurde unter den Todten gefunden!" Die Redaction des „Jewish Chronicle" in London, Finsbury-Square Nr. 2, hat sich bereit erklärt, Beiträge zur Unterstützung der betroffenen Familien zu empfangen?) Die Todteuliste ist folgende: Isaak Levy, 70 Jahre, Schneidermeister; Gertrude Levy, 47 Jahre, seine Frau; Salomon und Lewis Krotofsky, 13 und 15 Jahre; Rachel Levy, 22 Jahre; Regina Moncadon, 45 Jahre; Pesi Kohen, 15 Jahre; Isaak Gilberg, 12 Jahre, und Millie Gilberg, 36 Jahre; Elisabeth Ainan, 24 Jahre; Eva Marks, 9 Jahre; Jake Goldstein, 24 Jahre; Esther Rosenfeld, 21 Jahre; Kate Silvermann, 22 Jahre; Kate Baum, 19 Jahre; Sarah Rinals, 20 Jahre. Die Verunglückten sind zumeist Angehörige kleiner Geschäftsleute. Jener Theaterverein ist einer von mehreren jüdischen in London und anderen englischen Städten. Es giebt auch ausschließlich jüdische Gesangvereine, Tanzkränzchen und zwei jüdische Ruder-Clubs. Es hat diese Ausschließlichkeit — wie ich beiläufig bemerken will — nichts mit irgend welchem unduldsamen, ihnen feindlichen Antisemitismus zu schaffen, sondern entspringt dem Mangel an heiterer Geselligkeit auf Seite des Briten überhaupt, welchem der Ausländer selten sympathisch ist, gleichviel, welcher Nationalität oder Confesfion er angehöre. *) Die Sammlung ist bereits sistirt, da sie nach Untersuchung der Verhältnisse für unnöthig befunden wurde. D. Red. Anzeigen. Den verehrlichen Glaubensgenossen em-! pfehle mich in der Fabrikation und Zusendung , aller Sorten feinerer sK.114 , Wurst- und Fleischwaaren ■ zu mäßigen Preisen. 1 Moses vxxenLeliner, Metzger. \ Baumholder (liheinproviuz). I Pensionat und Höhere Töchterschule von Fra« dr. Leders«« in Hannover, Thiergartenstraße 3 und 4. —— Ausnahme von Zöglingen zu jeder Zeit. —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.