Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1887)
- Date
- 1887-01-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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"Allgemeine Zeitung des Iudmthums. Ein unparteiisches Organ siir alles Wsche Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. Gspsörtion: Leipzig, Woßptcrh 17. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 51. Jahrgang. Leipzig, den 25. Januar 1887. Nr. 4. Inhalt. Leitende Artikel: Knrzgesaßte Bemerkungen. — Religion und Sittlichkeit. — Die Auswanderung. — Zeitungsnachrichten: 7 eutschland: Berlin, Leipzig, Breslau, Mainz. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest, Essek. — Frankreich: Paris. — Rußland: Petersburg, Warschau. — Asien: Bagdad. — Bonn: Notizen. — Bonn: Literarische Notizen. — Feuilleton: Auf die richtige Ansicht kommt es an. — Skizze zur Geschichte der Juden in Teplitz (Böhmen). — Vermischtes. Zeiiwibt Cliti&ef. Bonn, 20. Januar. Äurzgefaßte Bemerkungen. IV. Die ganze heilige Schrift lehrt den einzigen, allheiligen (vollkommnen) allumfassenden Gott, und auch der Talmud anerkennt denjenigen für einen Juden, der diese Lehre bekennt. i) Die Hauptlehre der Propheten ist einerseits die unausbleibliche Vergeltung für religiöse und sittliche Entartung, dann aber die Vergebung aller Sünde und Schuld nach 1) S. Megil. 13, 1. 'HIT' Xipj C’Wn miajp IDDH b. Die faktische Ausschließlichkeit gegen jede andere religiöse Anschauung wird nur gegen die Vielgötterei und Götzenbildnerei und zwar innerhalb des Landes Israel ausgesprochen. Auch das vielbesprochene Kap. 13 des 5, B. Mos. beschränkt sich auf die Verfolgung der Vielgötterei und des Götzendienstes innerhalb der Grenzen des Landes Israel und zwar auch nur für die Fälle, in welchen dieselben offen ans Tageslicht treten, öffentlich geübt werven. Außerhalb Palästina's ist auch gegen diese Irrlehren keinerlei Gewaltmaßregel vorgeschrieben, und nirgends wird den Israeliten zur Aufgabe gestellt, andere Religionen zu bekämpfen und die ihrige mit Waffengewalt zu verbreiten. Aber auch innerhalb des Landes ist mit Ausnahme des öffentlich vollzogenen Götzendienstes keinerlei Verfolgung abweichender religiöser Ansichten, Aufspürung und Bestrafung sog. ketzerischer Meinungen u. dgl. angeordnet. Von einer Ausschließung Andersgläubiger von dem, was wir im Jenseits zu erwarten hätten, einer im Christenthum und Islam so stark betonten Lehre, ist nirgends eine Spur. Wenn in den Psalmen einige Male gegen die Gottesleugner gedonnert wird, so wird ihnen die göttliche Strafe nicht ihrer Meinung wegen, sondern wegen ihrer gottlosen Handlungen, wegen ihrer mit ihrem Trotz gegen die göttliche Vergeltung verbundenen Verbrechen und Sünden verkündet. reuiger Umkehr und dauernder Besserung, die Aufrichtung und Wiederherstellung im Falle wahrhafter Reue und anhaltenden guten Lebenswandels.2) 2) Von diesem Lebensmittelpunkte der prophetischen Lehre strahlen alle Mahn- und Trostreden, alle Consequenzen für die Gesellschaft und jeden Einzelnen aus. Je hestlger die Sprache in den Strafandrohungen sur das entsittlichte Volk, für die Abtrünnigen von der Gotteslehre und dem Gottesgesetz ist, desto versöhnlicher und tröstender wird der Ausdruck der göttlichen Barmherzigkeit, der Versöhnung und Wiedererhebnng, desto glänzender die Karben der Zukunft, wo Liebe und Gerechtigkeit und Frieden herrschen werden. Nichts ist rührender als wenn Jeremias mitten in seinen Berzweiflungsklagen auf den Trümmern Jerusalems und unter den Erschlagenen seines Volkes die Ueberzeugung von der Barmherzigkeit Gottes ausspricht, die wie die Morgenrötye sich jeden Tag erneuere. Neben diesem Kernpunkte haben die Weissagungen der Propheten in der Anschauung der Schrift keine wesentliche Bedeutung. Schon im 5. B. Mos. wird den Voraussagungen und Wunderzeichen etwaiger Propheten, wenn diese irgend eine von der Gotteslehre abweichende Meinung aussprechen, jedes Gewicht entzogen. Das treffliche Volksbuch, welches den Namen des Propheten Jona führt, will dem Volke Ziviefaches ans Herz legen: 1) daß jede aufrichtige Reue und Umkehr die Vergebung der begangenen Sünden erwirkt und 2) daß diese Lehre die Hauptaufgabe des Propheten, nicht aber irgend welche Weissagung sei. Was Jona den Bewohnern Nlnives predigt, geht in Erfüllung, was er ihnen weissagt, bleibt eben aus, da sie seine Mahnung zur Reue und Umkehr benutzen. Daß dies der eigentliche Inhalt des Buches Jona ist und daß dasselbe alle Eigenschaften eines Volksbuches in vollem Maße besitzt, haben wir in unsrer „Einleitung zum Buche Jona" ausführlich nachgewiesen. Wie sollte, um nur Eines anznsühren, anders als aus der kindlichen Auffassung der Volksseele heraus die einfältige Meinung ausgesprochen werden, als ob man dem Willen Gottes durch örtliche Entfernung entfliehen könne? eine Meinung, die natürlich durch die Thatsachen im Buche selbst verneint wird. Wer erinnert sich hierbei nicht jener herrlichen Worte des Psalmisten (139,7): „Wohin soll ich vor Deinem Geiste gehen, wohin vor Deinem Antlitz fliehen? Stieg' ich zum Himmel auf, da bist Du, und nähm' ich mir die Unterwelt zum Lager: Du bist da! —Schwängt ich der Morgenröthe Flügel, wohnt' an des Meeres Ende: auch dorr würd' Deine Hand mich leiten, mich fassen Deine Rechte. Sprach' ich: ja Finsterniß wird mich umfangen, zur Nacht wird Licht um mich: auch Fin- Von der folgenden Nr. an wird schnellerer Versendung wegen die Zeitung am Donnerstag statt am Dienstag erscheinen.