Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1887)
- Date
- 1887-01-04
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3227663-3227665--44093-3266352- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
14 Römern der Quellenuymphe als Dankopfer dargebracht wurden. Die Römer mußten demnach ziemlich früh in die Gegend gekommen sein und sie waren es, die die Juden nicht bloß aus Palästina verscheuchten, sondern in alle Welt verpflanzten. Die Juden traten an die Stelle des von Rom zertretenen Karthago's als Kaufleute schlechthin in die Geschichte Europa'^) und wohin sie kamen, klirrten die Ketten, die ihnen Titus um den Hals gebunden hatte — das deutsche Reich trat die Erbschaft Roms an und allenthalben, so weit die deutsche Macht schaltete, auch in Böhmen, galten die Juden als Kammerknechte, die alljährlich dem Kaiser eine „Judensteuer" zu entrichten hatten. Im 12. Jahrhundert war Teplitz eine Klosterstadt. Herzogin Judith, die Tochter Ludwig III., Landgraf von Thüringen, gründete hier um 1152 ein Benedictinerinnen- Kloster, daß namentlich von den Herren von Riesenburg, den damaligen Besitzern dieser Gegend, reichlich beschenkt wurde. Durch diese Munificenz, sowie durch zahlreiche andere kirchliche Stiftungen, geriethen die Herren tief in Schulden. Unter ihren verschiedenen Gläubigern^) werden auch die Juden Jsak, Ascher und Eberlein in Brüg^) genannt. In Folge der mißlichen Lage, in der die Herren von Riesenburg geriethen, gingen deren Güter, zu denen auch Teplitz gehörte, um den Preis von 40,000 Mark in den Besitz des Landgrafen Wilhelm von Thüringen, Markgraf von Meißen, und dessen Gemahlin über. Der hierdurch entstandene .Verkehr mit den deutschen Landen blieb nicht ohne Einfluß auf die Gegend im Allgemeinen, auf die Juden im Besonderen — die Juden in Dresden und Teplitz standen bis aus die neueste Zeit in engster Verbindung. Lange — bis gegen Mitte des vorigen Jahrhunderts — beerdigten jene ihre Todten auf dem hiesigen Gemeindefriedhofe. Ein lebhaftes Geldgeschäft betrieb zu jener Zeit in Teplitz die Juden Michel und Aber-Michel") — der mehr oder 3) Vgl. Hoeniqer in Geiger's Ztschr. s. d. Gesch. d. Juden in Deutschland 1886, S. 80 f. 4) Vgl. Hallwich a. a. O. S. 44 u. 45, Anm. 86. Als Gläubiger des Borso v. Riesenburg werden „Christen und Juden", also Christen in erster Reihe genannt. Hieraus, sowie aus unzähligen anderen Belegen, ergibt es sich, daß nur absichtliche Geschichtsfälschung von ausschließlich jüdischem Wucher in alter und neuerer Zeit sprechen kann. Wahr ist es, daß Juden Geld aus Wucherzinsen gaben, nicht minder aber thaten dasselbe Christen, ja selbst Geistliche; vgl. Hoeniger a. a. O. S. 84 s. Derselbe Borso v. Riesenburg verschrieb auch eine an das Kloster Osseg (bei Teplitz) zahlbare Schuld von 110 Mark auf die Dörfer Steinitz und Bjas. Die betreffende Urkunde ohne Datum besinnet sich im Osseger Klosterarchiv; vgl. Grünert, Osseg S. 45. 5) Boresch der Jüngere stellte am 27. Dezember 1393 den Inden Ascher und Jsak einen Schuldbrief auf 50 Schock Groschen Prager Münze aus; desgleichen Boresch der Aeltere und Boresch der Jüngere dem Juden Eberlein und seiner Ehefrau Esther in Brüx am 14. Januar 1394 auf 100 Schock Groschen; s. Grünert, a. a. O. S. 45. 6) Soll wohl Ober-Michel heißen, das „aber" als Unterscheid dungsmerkmal keinen Sinn gibt. Nach der Urkunde wurden sie auch minder „fürsichtige Michel" lieh dem mehr oder minder verschuldeten Ritter größere oder kleinere Summen. Die Schuldbriefe enthielten zumeist die Klausel „davon soll zu Wucher gehen vom Datum des Briefes auf jedes Schock jede Woche ein guter Groschen" und die Schuld soll zurückgezahlt werden, wenn der Jude mahnt, bei Strafe des Einreitens der Bürgen zu Teplitz y. Das Judenprivilegium Ottokar II. von 1268 schützte theilweise Leben und Habe der stets gefährdeten Juden. Ein eigener Judenrichter wurde für sie bestätigt, der Recht zu sprechen hatte. Hingegen hatte es der verschwenderische Johann von Luxemburg auf ihre Brandschatzung abgesehen: auf seinen Befehl sollten alle Juden im ganzen Königreiche am 3. Juni 1339 gefangen genommen werden, nur ein hohes Lösegeld erkaufte ihnen die Freiheit. Die Schrecken der Hussitenkriege führten eine allgemeine Verwilderung herbei. Selbst die königliche Macht war irrs Wanken gerathen. Immer mehr drangen die Czechen im Lande vor und auch Teplitz gerieth in ihre Hände. Jakonbek, der Mähre, wurde Schloß- Herr der Stadt. Raub und Mord bezeichnen seine Spuren. Hingegen verstand er es, für die Hebung seines Besitzstandes zu sorgen. Wahrscheinlich nahm während seiner Herrschaft die Zahl der Juden Hierselbst schon um des „Judengroschens" willen zu. Der wilde Mähre endete durch Henkershand. Um 1480 hörte die Stadt auf, königliches Gut zu sein und ging in den Besitz eines Herrn v. Bitzthum über. Die jüdische Bewohnerschaft scheint inzwischen ziemlich stark angewachsen zu sein. Nach einem Kaufkontrakte von Dienstag nach Georgi (29. April 1482s) räumte die Stadtgemeinde den Vertretern der Judenschaft ein Stück ihres Stadtgartens, hinter dem sogen. Graupischen Thore (heute der Kurgarten), als Begräbnißplatz ein. Aus jener Zeit hat sich ein durchgehends czechisch geschriebenes Stadtbuch erhalten, in dem die in Teplitz „behausten", d. h. ansässigen Familien aufgezählt werden; gleichzeitig nennt dieses auch mit gewissenhafter Hinzufügung von Zid oder Zidowka (Jude oder Jüdin) die Namen: Aron, Chayn"), Elias, Errle, Jeremias, Jsak, Israel, Kalman, Lazar, Litman^), Mauscha^), Moses, Mu- „der Große" und „der Kleine" genannt. Ersterer hatte auch in Biliu seine Filiale. 7) Vgl. Hallwich, S. 54. Der Schuldner oder dessen Bürgen verpflichteten sich nämlich, falls die Schuld nicht bis zu einem bestimmten Termine gezahlt werden sollte, um jeden Proceß zu vermeiden, mit einer festgesetzten Zahl von Leuten und Pferden an einem bestimmten Orte einzureiten und dort, zumeist in einer Herberge, so lange zu bleiben, bis die Schuld bezahlt oder sonst ein Vergleich geschlossen wurde; vgl. auch Jaraczewsky, Gesch. d. Juden in Erfurt, S. 39, Anm. 8) Aus diesem Datum, an dem die Judenschaft bereits organisirt erscheint, ersehen wir, daß die obengenannten Annahmen betreffs der Zeit der Ansiedlung der Juden keinen historischen Werth haben. 9) Soll Chajirn heißen. 10) L. Lipmann. 11) Czechischer Name für Moses, ebenso.