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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-12-12 · Heft 50 (12.12.1889) · p. Seite 782

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 50 (12.12.1889)
Date
1889-12-12
Page
Seite 782 (sequence 2)
Language
German
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782 daß er ihr Elend geschaut, da neigten und bückten sie sich" und folgten ihm zum Pharao. *) Mit diesem Vertrauen zog das Volk 40 Jahre durch die Wüste Moses nach, und wenn sie, Mangel leidend, auch bisweilen murrten und widerstrebten , so ließen sie sich immer wieder von der kräftigen Hand ihres großen Führers zum Gehorsam zurückbringen. Mit dieser Zuversicht stürzten sie, die Kampfungeübten, sich auf die Amalekiter, die Edomiter, die Midjaniter, die Könige Sichon und Og und besiegten sie, außer den Edomitern. Auch dem Josua huldigten sie unter der Bedingung, daß „Gott mit ihm sei wie mit Moses." In diesem Vertrauen zogen sie ihm nach über den Jordan und besiegten die kanaanitischen Völkerschaften mit ihren Königen. Mit 300 Mann überfiel Gideon das große Heer der Feinde in ihrem Lager unter dem Rufe „Schwert des Ewigen und Gideons!" und brannte das Lager nieder und schlug die Feinde in die Flucht.1 2 3) Der gefangene und geblendete Simson raffte noch einmal seine Kraft zusammen, und rief zum Ewigen und sprach: „Herr, Gott, gedenke doch meiner und stärke mich doch nur dies Mal." Und im Vertrauen auf diesen Beistand „umfaßte er die beiden mittelsten Säulen, auf welche das Haus gestützt war, und bog sie um mit Kraft, und das Haus stürzte auf die Fürsten und auf alles Volk, was darinnen war." 3) Der riesige Philister Goliath hatte die Israeliten herausgefordert und sie und ihren Gott geschmäht. Da kündete der Jüngling David an, daß er mit Stecken und Schleuder dem schwer gerüsteten Feinde entgegentreten und ihn bekämpfen wolle, und sprach zu dem Philister: „Du kommst zu mir mit Schwert und Speer und Lanze, und ich komme zu dir im Namen des Ewigen der Heerschaaren, des Gottes der Schlachtreihen Israels, die du geschmäht hast." 4) Mit dem gleichen Vertrauen zogen Hunderttausende aus dem babylonischen Exil in das verödete Vaterland und die zertrümmerten Städte zurück und verstanden es, sich ihrer zahlreichen Feinde zu erwehren und Jerusalem und seinen Tempel zu einem neuen sechshunderljährigen Bestände wieder herzustellen. Braucht man an denHeldenmuth zu erinnern,mit welchem sie gegen gewaltige Feinde ihre Religion und Freiheit vertheidigten, und selbst in der Niederlage vor den Legionen der erdbeherrschenden Römer sich nicht zu beugen, sich nicht aufzugeben entschlossen waren. Sie wanderten, auch schon lange Zeit vor dem Falle, in die Länder, deren Bevölkerung sie sich feindselig wußten, und ließen sich daselbst nieder, vertrauend auf den Schutz Gottes, der die Geschicke leitet, und auf die eigene Kraft, die sich mit Ausdauer Raum schafft, auch da, wo er ihnen wenig vergönnt war. Diese Zuversicht ist es, 1) 2. Mos. 4, 31. 2) Richter 7, 20. 3) Richter 16, 28 ff. 4) 1. Sam. 17, 45. die den Verfasser des Buches Esther Mordechai der Königin erwidern läßt: „Wenn du stillschweigst in dieser Zeit, wird Befreiung und Rettung den Jehudim erstehen von einer anderen Seite,"und als Haman von der Ehrenbezeugung , die er .auf Befehl des Königs dem Mordechai angedeihen lassen mußte, zurückkehrte, dessen Räthen und Gattin die Worte in den Mund legen lägt: „Wenn von den Nachkommen der Jehudim Mordechai ist, vor dem zu fallen du angefongen, so vermagst du es nicht wider ihn, sondern sicher wirst du vor ihm fallen." Diese Leben erhaltende und Kraft spendende Zuversicht verblieb diesemlStamme auch in allen Zeiten schwerster Verfolgung, die er so viele Jahrhunderte hindurch zu ertragen hatte. Er wich nicht zurück vor dem niederdrückendsten Geschick und erhielt sich aufrecht, auch wo das schwerste Joch ihm auf den Nacken gelegt ward. So brachte er es selbst dahin, daß er zwar „Kammerknechte des römischen Kaisers deutscher Nation" genannt und doch niemals Knecht, Höriger oder Leibeigener wurde, sondern sich so weit wie möglich seine persönliche Freiheit und die Uebung seiner Religion und ihrer Satzungen bewahrte. Leset die Gebete und Gesänge, die Klagen und Wehernfe jener Zeit, und Ihr werdet überall den Ausdruck unerschütterlichen Gottvertrauens und der unüberwindlichen Widerstandskraft, in ihrer Eigenart zu beharren, finden. Und sollten wir nunmehr diese Zuversicht, dieses köstliche Erbtheil unsres Stammes, jetzt aufgeben? schwinden lassen aus unsrer Seele dieses Vertrauen auf die göttliche Führung vor den Trugbildern einer sog. wissenschaftlichen Hypothese oder hypothetischen Wissenschaft, oder vor den zersetzenden Elementen eines oberflächlichen und beständigem Wechsel unterworfenen Lebens? nicht mehr hegen die innere Kraft des Geistes, welche sich selbst aus den Trümmern seines Glückes eine neue Stätte des Wirkens und des Bestandes schafft? Nimmermehr! Nicht bloß, wenn wir auf ebenen Wegen wandeln, ist diese Zuversicht erforderlich, um ein richtiges Ziel ins Auge zu fassen und die rechten Wege zu finden, die zu diesem Ziele führen, sondern auch oder erst recht, wenn wir vor bergehohen Hindernissen stehen, die wir zu überwinden haben, oder wenn Sturm uns umtost, Finsterniß sich über uns und um uns lagert und Donner und Blitz sich über uns entladen. Laß immerhin den schützenden Mantel dir entreißen, Schauer und Grauen deine Glieder durchfrösteln: die Wärme jener^Zuversicht, die den schützenden Gott auch durch die dunkelsten Wolken schaut und die letzten Funken aufstrebender Kraft zur Flamme auflodern macht, — wird dich durchströmen und dich alles Unwetter bestehen lassen. Laß nicht von deinem Gotte und gieb dich nicht 1) Esther 4, 14. 2) Esther 6, 13.

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