Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1889)
- Date
- 1889-12-05
- Page
- Seite 775 (sequence 11)
- Language
- German
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vativen Landesvereins die Forderungen der Antisemiten bezüglich der Besetzung der sächsischen Reichstagswahlkreise als schlechthin unerfüllbar abgelehnt. Das beabsichtigte Vorgehen der Antisemiten gegen den Abg. Dr. Götz in Leipzig-Land wird in dem nationalliberalen Schreiben direct als ein „frevelhaftes" bezeichnet. Köln, 25. November. Es hätte nicht viel gefehlt, so hätte die soeben beendete Stadtverordneten-Ergänzungswahl zweiter Klasse in unserer Stadt den Anstoß zu einer, von katholischer Seite ausgehenden antisemitischen Bewegung gegegeben. Als nach dem Siege der Centrumspartei bei den Ergänzungswahlen der dritten Klasse bei dem daraufhin veranstalteten Siegesfeste im Piusbau allzu scharfe Maßregeln für den Fall des Sieges der Centrumspartei auch in der zweiten Klasse, durch den die bisherige liberale Mehrheit im Stadtverordneten-Collegium beseitigt worden wäre, in Aussicht gestellt worden waren, bot die liberale Partei natürlich Alles auf, um eine neue Niederlage zu verhüten, und der coufessionelle Gegensatz trat bei der überaus heftigen Agitation in bedauerlicher Weise hervor. Neben den Protestanten war es nun aber gerade der israelitische Theil der Wähler zweiter Klasse, der fast vollzählig in den Wahllokalen erschien und zum schließlichen Sieg der liberalen Liste wesentlich, vielleicht entscheidend, beitrug. Dieser Umstand entfesselte einen hohen Grad von Erbitterung auf Seiten der Centrumswähler, die in einer am Samstag Abend im Piusbau abgehaltenen Versammlung in ungeahntem, bisher hier ungewohntem Maße zum Ausdruck kam. Man bedauerte, daß die Israeliten in einer Stadt, deren Bevölkerung zu 85 Prozent katholisch ist, den confessionellen Gegensatz in den Wahlkampf getragen hätten, während sie doch hauptsächlich von den Katholiken lebten; man regte sogar die augenblickliche Gründung eines antisemitischen Vereins an und verlangte die Boycottirung der jüdischen Geschäfte, indem man hervorhob, gerade jetzt vor der Weihnachtszeit sei die beste Gelegenheit, die Juden fühlen zu lassen, was es heiße, Kölns Katholiken in solcher Weise herauszufordern. Der stürmische Beifall, der diesen und ähnlichen Auslassungen folgte, ließ erkennen, wie sehr die Redner damit Bielen der Anwesenden aus dem Herzen gesprochen, und es bedurfte in der That Gleichberechtigung zum guten Theil den Katholiken, beit Führern der ehemaligen katholischen Fraction, führte er aus, er wolle von einer antisemitischen Bewegung nichts wissen; eine solche würde sehr bald die Richtung einer Beschränkung der staatsbürgerlichen Rechte eines Theiles der Bevölkerung annehmen, und das sei unter allen Umständen zu vermeiden. Die Katholiken seien selbst Minderheit und hätten um ihre Gleichberechtigung zu kämpfen; darum würde es gerade ihnen am wenigsten anstehen, einer anderen Minderheit zu nahe zu treten. Mit solchen und ähnlichen ruhigen Worten gelang es dem beliebten Redner, die hochgehenden Wogen der Erregung wieder zu glätten. Dortmund, 21. Nov. Der frühere Redacteur der semitischen „Westfälischen Reform" hatte sich heute vor der Strafkammer wegen Erpressung zu verantworten, war aber nicht erschienen. Das Gericht beschloß deshalb seine Verhaftung. Otten hatte in letzter Zeit eine ganze Anzahl von Prozessen zu bestehen. Er war eine vorgeschobene Person, die Redaction besorgten andere Leute, die gern im Dunkeln bleiben. Aus Württemberg, 22. Nov. (Privatmitth.) Unser Königreich, das 1839, also vor 50 Jahren 11260 Israeliten zählte, hat jetzt über 13000 jüdische Einwohner. Stuttgart zählte damals 164, jetzt ca. 3000, Ulm 15, heute 600, Heilbronn 4, heute 994 Israeliten. Baron von Münch hat die israelitische Gemeinde inMühringen mit 2 silbernen Leuchtern imWerthe von über 1000 Mk. für ihre Synagoge beschenkt. Oesterreich-Ungarn. Wien, 22. November. In den Sitzungen des hiesigen Gemeinderaths sind antisemitische Skandale an der Tagesordnung. In der Sitzung vom 19. d. M. provocirten die Antisemiten über die Frage, wo die Festschrift, enthaltend eine Biographie Grillparzer's, zum Andenken an seinen 100. Geburtstag zu drucken sei, eine ebenso unerquickliche, als überflüssige Debatte, welche schließlich in der taktlosen Erörterung gipfelte, ob Grillparzer ein Antisemit gewesen. Lueger verwies in dieser Beziehung auf eine Stelle in der „Jüdin von Toledo", worauf Mauthner aus demselben Drama das der ganzen Popularität und Autorität des Stadtverordneten und Abgeordneten Julius Bachem, um die auf's Höchste erbitterte Versammlung wieder zur Besonnenheit zurückzuführen und einen übereilten Schritt zu verhüten, der nicht nur der diesjährigen Wahlbewegung, sondern unserem ganzen politischen Leben ein häßliches Brandmal aufgedrückt und die politischen Gegensätze verschärft haben würde. Indem Herr Bachem zugab, die Juden hätten nicht die geringste Ursache zu der eingenommenen feindseligen Haltung gegen die Centrumspartei gehabt, ja sie verdankten ihre staatsbürgerliche l Gegentheil nachwies, indem er die Worte des Königs über jbte Juden zitirte: „Wir stoßen sie und wundern uns, wenn j sie uns fluchen." In der heutigen Sitzung stellte der Antisemit Baudrexel den Antrag wegen Einführung des Zonentarifs eine Petition! an die Regierung zu richten. Der Antisemit Häufler benutzte; diese Gelegenheit zu Ausfällen gegen die Juden. Der Zonentarif, sagte er, habe nur den Zweck, eine große Juden-Einfuhr nach Wien zu arrangiren. Aus den Eisenbahnen wolle man blos ein Judenfuhrwerk machen. — Antisemit Kornelius 49*