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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-10-24 · Heft 43 (24.10.1889) · p. Seite 677

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 43 (24.10.1889)
Date
1889-10-24
Page
Seite 677 (sequence 9)
Language
German
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677 richt in den italienischen Schulen im Auslande bekannt gegeben. Da indessen einige der kgl. Agenten und der Vorsteher und Vorsteherinnen der Kvlonialschulen neuerdings abermals Zweifel geäußert und einige bezügliche Fragen gestellt haben, so mag wiederholt werden, was ollen Vorständen jener Schulen bereits bekannt ist: daß die italienischen Schulen im Auslande einen weltlichen jedem religiösen Bekenntniß fernstehenden Charakter haben und denselben in unbestreitbarer Weise festhalten sollen. Ein Geist der religiösen Propaganda ist in unseren Schulanstalten in keinerlei Sinne zuzulassen, denn indem dieselben Knaben und Mädchen aller Nationalitäten und Religionen aufnehmen, haben sie die Pflicht, ein Beispiel der größten Duldsamkeit, der gewissenhaftesten Achtung der Gewissensfreiheit zu geben, wie sie auch Muster der Sittlichkeit und Arbeitsamkeit, der Unterwerfung unter die Ortsgesetze und die Regierungen sein müssen, welche ihnen Gastfreundschaft gewähren und Zuneigung zw Theil werden lassen. Gestattet ist lediglich, wie im Vorjahre, daß die Vorsteher der Elementarschulen den katholischen Religionsunterricht denjenigen Zöglingen ertheilen lassen, deren Eltern ihn ausdrücklich wünschen. Doch muß dieser Unterricht, der nicht obligatorisch ist, an besonderen Tagen und in besonderen Stunden ertheilt werden, und er darf nicht in den regelmäßigen Stundenplan einbegriffen werden. Den Direktoren und Vorsteherinnen der genannten Schulen liegt es ob, ihn zu überwachen, damit er gleichzeitig das Gewissen der Familien und die sittigenden und nationalen Zwecke der italienischen Schule berücksichtige. Ich ersuche Sie, mir den Empfang dieses Schreibens zu bestätigen." Rußland. Petersburg, im October. Eine Verordnung des Justizministers bestimmt, daß die jüdischen Rechtspractikanten nur in einer bestimmten beschränkten Zahl practiziren dürfen. So wird das Leben der Juden in immer engere Grenzen hinein gedrängt, nachdem ihnen Alexander II. etwas Luft gewährt hatte. Türkei. Bagdad, im September. Durch die Zeitungen ist bekannt, daß in Bagdad die Cholera aufs heftigste wüthet, eine große Anzahl Menschen unter den Mohamedanern und Israeliten dahinrafft, und der größte Theil der Bevölkerung in panischem Schrecken in die Umgegend geflohen ist, wo ihrer Elend und Mangel harren. Auf eine Depesche des Herrn Somekh, Direclors der Schule, sandte der Baron von Hirsch sofort 20,000 Francs, um den israelitischen Familien zu Bagdad zu Hilfe zu kommen. Herr S. H. Goldschmidt, Präsident der Alliance, spendete 1000 Francs, und die Herren von Rothschild von Paris 3000 Francs. Hierauf richtete Herr Somekh eine Zuschrift vom 2. September an das Centralcomits, welche in den lebhaftesten Farben, gleich der berühmten Schilderung der Pest von Mailand in Manzoni's i promessi sposi, das Elend der Bewohner und die dortigen Zustände darstellt. Schon um Wohlthäter auch in unserem Leserkreise zu Spenden zu veranlassen, theilen wir diese Zuschrift in unserem Feuilleton in wortgetreuer Uebertragung mit. Solche Spenden können an das Centralcomits der Alliance isr. univ. in Paris (35 rue de Trevise) gerichtet werden. Großbritannien. London, 14. October. (Privatmitth.) „Ein Geschlecht geht, ein Geschlecht kommt!" Dies hat sich dieser Tage recht auffällig bewahrheitet. Während Sir Henry Jsaaes sich anschickt, das Lordmayoramt anzutreten und daran denkt, am Tage seiner Einsetzung, da dieser auf einen Sabbath fällt, den feierlichen Zug zu Fuß zu machen, verschied der frühere jüdische Lordmayor von London, der Alderman Sir Benjamin Philipps, und hinterläßt den Ruf eines überaus humanen und einsichtsvollen Mannes, den die besten bürgerlichen Tugenden schmückten. Bekanntlich hatten beide noch einen Vorgänger, der als Jude im Mansion House seines Amtes waltete, Sir David Salomons, der schon im Jahre 1835 Sheriff von London gewesen, darauf Alderman und Lordmayor ward, auch Mitglied des Unterhauses, und durch seine eigene und seiner Wähler Beharrlichkeit den Eintritt ins Parlament auch für die Juden erstritt. London, 14. October. Im Ostende Londons, in Whitechapel, ereignete sich letzte Woche unter den zahlreichen dort seßhaften Schneidern (meist Juden) ein seltsamer Auftritt. Während des kürzlich beendigten Ausstandes der Schneidergesellen ließen einige Meister, in der Voraussicht, daß der Strike längere Zeit andauern werde, in ausländischen Zeitungen Annoncen einrücken, welche Schneidern unter verlockenden Aussichten Arbeit in London zusagten. Die Leiter der Strikebewegung wußten um dieses Manöver der Meister, und als letzte Woche auf einem aus Hamburg kommenden Dampfer ein Häuflein Ausländer anlangte, erhielten die Schneider in Whitechapel eine Warnung. Die armen Ausländer, dreizehn Männer und drei Weiber, zumeist polnischer Abkunft, packten ihre wenigen Habseligkeiten — und es war sehr wenig — auf einen Schubkarren uno machten sich in der elendesten Verfassung auf den Weg nach dem Quartier Whitechapel. Die Einwohner dort, sonst so gastfreundlich den ankommenden Fremden und Glaubensgenossen gegenüber, sahen sie als Eindringlinge und Sendlinge der habgierigen Meister an und weigerten sich, ihnen Zimmer zu vermiethen. Eine lärmende Menge umringte die Fremden, kritisirte ihren 43

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